Das jüdische Echo
- Journal
- Das jüdische Echo
- Volume
- 20 (1933)
- Issue
- 8 (24.2.1933)
- Date
- 1933-02-24
- Page
- Seite 58 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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58 Das Jüdische Echo Nr. 8 scher Kenntnisse geringer ist als das. was der Quintaner eines Gymnasiums vom Lateinischen versteht. Wie wenige wissen noch etwas vom Talmud, von der philosophischen unid von der poetischen Literatur des Mittelalters, von modernen hebräischen Dichtern! Wie wenige haben das Bedürfnis, etwas davon zu wissen! Und wo ist die Verbundenheit dieser Juden mit wirklich empfundener jüdischer Religion? Tausende und Abertausende sind heute noch Juden, weil sie auf einem jüdischen Friedhofe begraben sein wollen, oder weil sie dem Drucke, unter dem die Juden stehen, nicht weichen wollen, oder weil sie eine Pietätspflicht gegenüber ihren Eltern oder Großeltern empfinden. Aber ihr persönliches Leben ist fern von allem Jüdischen. Sie konstruieren sich zur Rechtfertigung ihrer jüdischen Existenz eine neue Theorie und reden von der Mission des Judentums. Vielleicht gibt es wirklich eine Mission des Judentums. Wenn sie besteht, so kann ihr Sinn nur darin liegen, daß die Juden noch der Welt irgend etwas zu sagen haben. Wir haben wirklich der Welt einmal Bedeutendes gesagt, wahrscheinlich das Bedeutendste, was jemals in der Welt gesagt worden ist: damals, als wir ihr die Bibel gaben. Nun, diese Bibel haben wir der Welt einmal gegeben, und die Welt hat sie genommen und sie zu ihrem Gemeingut gemacht. Die Völker der Erde haben zwar daran gedeutet und gewendet, und jedes Volk hat für sich etwas anderes daraus gemacht. Gleichwohl ist es unsere Bibel. Aber es ist schon einige Jahrtausende her, daß wir sie der Welt gaben, unfr es kann nicht Sinn unserer Fortexistenz sein, daß wir weiter in der Zerstreuung leben müssen, weil wir einmal in der Vergangenheit etwas getan haben. Ist es also vielleicht unsere Aufgabe in der Zerstreuung, weiter für die Ausbreitung der Bibel zu sorgen und dafür, daß die Völker der Welt sie im rechten Sinne verstehen? Dann wären gerade diejenigen, die am meisten von der „Mission“ reden, die schlechtesten Träger dieser Mission. Denn sie pflegen am wenigsten von unserer Bibel und von unserer jüdischen Lehre zu wissen. Niemand kann zu anderen hintragen, was er selbst nicht besitzt. Niemand unternimmt auch nur den Versuch, jüdische Lehre bei Nichtjuden zu verbreiten. Niemand wird ernstlich glauben, daß Juden, die in der Zerstreuung leben, der ganzen Welt etwas zu sagen haben und ihr etwas sagen können. Denn diese Welt hat nur einmal, nämlich als wir ihr unsere Bibel, das Werk unserer Volksseele, gaben, auf uns gehört; seitdem hat man nicht auf uns gehört und wird nicht auf uns hören, solange wir als einzelne sprechen. Man wird auf uns hören, wenn wieder das Volk spricht, wie es in der Bibel sprach. Das Volk fängt an zu sprechen. Es spricht von Palästina aus. Es verkündet neue Formen des sozialen Lebens. Es verkündet einen neuen Geist der gegenseitigen Hilfe von Mensch zu Mensch, schöner und rührender in diesem jungen und erwachsenden Palästina als irgendwo in der Welt Europas und Amerikas. Es verkündet Anfänge einer neuen religiösen Besinnung mit neuen Formen. Es verkündet eine neue Gesittung. Die Völker der Erde fangen an, es zu hören. Die freien Geiste? der Kulturvölker, nichtjüdische Geister, haben mit Begeisterung und Bewunderung Zeugnis abgelegt von dem neuen Geiste, mit dem Juden in Palästina ihre Heimat aufbauen, von einem Geiste, der besser, reiner, schöner und gütiger ist als der Kampf aller gegen alle, der Europa in Stücke reißt. Das ist unsere „Mission“, wenn man schon das Wort im Munde führen will. — Man kann es an einem Vergleich erweisen: „Wir alle wissen, daß man Kinder nicht erzieht und Erwachsene nicht sittlich beeinflußt, indem man ihnen etwas predigt; sondern daß Erziehung und sittliche Beeinflussung bei Kindern und Erwachsenen darin bestehen, daß man ihnen mit dem Beispiel voranlebt und vorlebt. Wenn wir Juden überhaupt das Volk der Ethik sind, wenn wir überhaupt dazu berufen sind, die Welt sittlich zu beeinflussen, so werden wir unsere Aufgabe nicht dadurch erfüllen, daß wir — lauter einzelne und schwache Menschen — in den Ländern der Zerstreuung tönende Worte reden und Bücher schreiben, sondern einzig und * allein dadurch, daß wir im eigenen Lande ein Leben aufbauen, das für andere Völker ein Vorbild, ein Anfang der Verwirklichung neuer Ideale sein kann. Palästina kann nicht alle Juden der Welt aufnehmen. Der Zionismus hat nie gewollt, daß alle Juden nach Palästina gehen. Es leben ja auch Millionen von Deutschen außerhalb Deutschlands. Es ist sogar wahrscheinlich, daß Palästina nur etwa ein Viertel aller Juden der Welt aufnehmen kann. Und was wird aus den anderen? Die anderen bleiben in der Zerstreuung. Sie werden wahrscheinlich zu einem großen Teile vor dem Untergange, dem sie entgegentreiben, nicht gerettet werden können. Ein Teil dieser Zerstreuten wird vielleicht weiter von der Mission des Judentums sprechen, aber mit einem besseren Rechte als heute: dieses bessere Recht werden sie haben, wenn sie sich als Träger der neuen Ideale fühlen, unter denen sich der Aufbau des Landes vollzieht. Sie werden lernen, das jüdische Palästina als das große konstruktive Werk ihres Volkes anzusehen und stolz darauf zu sein. Sie werden sich auf dieses Werk berufen können, wenn man ihnen vorwirft, daß die Juden ein verkommenes und zum Untergange reifes Volk seien, das nur zersetzen, aber nicht aufbauen kann. Das höhnische Plakat „Fertigmachen nach Palästina“ wird seinen Sinn verlieren, wenn wir uns mit Stolz und Liebe zu Palästina bekennen: es wäre blöde und vollkommen wirkungslos, wenn man in Amerika versuchen wollte, die Deutsch-Amerikaner mit einem Plakat „Fertigmachen nach Deutschland“ zu verunglimpfen. Heute kommt der Jude, man weiß nicht woher, und geht, man weiß nicht wohin. Er ist illegitim und darum mißachtet. Wir wollen legitim werden! Dann wird nicht nur jeder gedrückte und verfolgte Jude wissen, daß es für ihn eine Heimat gibt, die bereit ist, ihn aufzunehmen, sondern auch der Nichtjude wird unsere jüdische Art, unser Leben, unser Werk und unseren gestaltenden Willen zur Kenntnis nehmen und achten. Das Zentrum für die Gleichberechtigung der Juden Berlin, 14. Februar. (JTA.) Reichskanzler a. D. Marx, Ehrenvorsitzender der 'deutschen Zentrumspartei, empfing am 10. Februar eine Abordnung des Ausschusses jüdischer Zentrumswähler. Die Erschienenen legten dar, daß angesichts der klaren und unzweideutigen Stellungnahme der Zentrumspartei und ihrer Führer zu den Gedanken der Verfassung und des Rechts an sich über die Haltung des Zentrums in der Öffentlichkeit Mißverständnisse nicht entstehen könnten. Sie baten aber Herrn Reichskanzler a. D. Marx, angesichts der politischen Entwicklung der letzten Tage sich hinsichtlich der Stellung des Zentrums zu den das deutsche Judentum berührenden Fragen äußern zu wollen. Herr Reichskanzler a. D. Marx erklärte zunächst, daß die Zentrumspartei sich ihren von der Grün-