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Das jüdische Echo · 1933-02-10 · 6 (10.2.1933) · p. Seite 42

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Journal
Das jüdische Echo
Volume
20 (1933)
Issue
6 (10.2.1933)
Date
1933-02-10
Page
Seite 42 (sequence 2)
Language
German
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42 Das Jüdische Echo Nr. 6 Rücksicht auf verschiedene Faktoren eine gewisse Zurückhaltung auferlegen mußte. Ferner ist daran nicht zu vergessen, daß Hitler wohl das höchste Amt bekleidet, aber vorläufig noch nicht der ausschließliche Inhaber der Macht ist. Gerade die nächsten Wahlen scheinen den Sinn zu haben, seine Machtposition gegenüber seinen Partnern zu stärken. Ob diese Absicht gelingen wird, kann niemand Voraussagen. Man muß aber mit der Möglichkeit rechnen, daß das Ergebnis 'der Wahlen, Hitlers Position außerordentlich stärken, ihm ein besonderes Übergewicht verleihen und ihn von mancherlei Rücksicht, die er heute noch zu üben gezwungen ist, befreien wird. Nicht daß man der Ansicht sein sollte, Hitler legt tatsächlich auf Parlament und Stimmenanzahl das ausschlaggebende Gewicht. Er will ja kein Parlament, das seine Funktionen ausüben, sondern eines, das sich selbst entmannen soll. Damit entfällt auch die Aussicht, daß man trotz der reaktionären Regierung und trotz einer in bezug auf die Juden böswilligen Mehrheit im Parlament die Möglichkeit haben wird, die Reichstagstribüne im Kampfe für das jüdische Recht zu benützen. Man weiß nicht recht, ob eine neue Zeit angebrochen oder eine alte, längst verschwundene wiedergekehrt ist. Für die Juden ist unseres Erachtens eine Situation wieder hergestellt, die in gewisser Hinsicht der Periode vor der Emanzipation ähnlich sieht. Das Ergebnis der Emanzipationsbestrebungeu war folgendes: Als Nichtangehörige des deutschen Volkes und als Nichtstaatsbürger begannen die Juden in Deutschland ihren Weg am Anfang der jüdischen Emanzipation. Heute sind sie in einem nur geringen Grade volksmäßig eingegliedert und, wie die Dinge liegen, nur halbe Staatsbürger. Vielleicht bietet die gegenwärtige Situation der jüdischen Gemeinschaft in Deutschland die Möglichkeit zu einem neuen Start. Auf dem Wege der Aufgabe der eigenen Art ist man nicht zur wahren Gleichberechtigung gelangt, und hat dabei sein Eigenleben verloren. Vielleicht sollte man jetzt sich auf jüdischer Seite bemühen, die eigene Lebensordnung wieder herzustellen und als Träger einer bestimmten Art den Kampf um die Eingliederung in den Staat zu führen. Im alten zaristischen Rußland hatten viele Gesetze am Schlüsse als Anhängsel die Bestimmung: „Juden ausgenommen.“ Wir glauben nicht, daß man in Deutschland Ausnahmegesetze gegen die Juden schaffen wird. Aber man darf sich darüber nicht täuschen, daß unausgesprochen jedes Gesetz, das Rechte verleihen wird, zwischen den Zeilen die odiose zaristische Bestimmung und jedes Gesetz, das Pflichten auferlegt, die Absicht „besonders den Juden gegenüber“ tragen wird. An den Juden wird es liegen, sich mit allen Mitteln zur Wehr zu setzen. Sie können hierbei nicht nur auf die Hilfe eines großen Teiles des deutschen Volkes, sondern auf die Unterstützung der Judenheit in der ganzen Welt sowie auf die öffentliche Meinung der wahrhaft fortschrittlichen Kulturmenschen aller Länder rechnen. 1. s. „Innere Sicherheit“ Die „Jüdische Rundschau“ nimmt in einem „Innere Sicherheit“ überschriebenen Leitartikel Stellung zur Situation der Juden im heutigen Deutschland. Die Anwendung der Grundsätze moderner Politik auf das Judentum als solches — heißt es in dem Artikel — ist ein Novum, ist erst durch den Zionismus überhaupt in den Gesichtskreis gerückt worden, und der Prozeß des Umdenkens, der damit hätte einsetzen müssen, hat bei den Juden noch kaum begonnen. Die deutschen Juden, durch die Schule der Assimilation und des Liberalismus durchgegangen, verstanden, sich einer jüdisch orientierten Zusammenfassung zu entziehen. Das zionistische Judentum hat zwar vielfach erzieherisch gewirkt und wir merken Spuren dieses Wirkens auch bei nichtzionistischen Juden; aber da der Zionismus — besonders in der ausschlaggebenden Nachkriegszeit — mit praktischen Aufgaben überlastet war, ist seine geistig-politische Auswirkung im Diaspora-Judentum ungenügend gewesen. Erst der letzte Delegiertentag der Zionistischen Vereinigung für Deutschland hat hier eine neue Initiative ergriffen. Das Leben in Deutschland steht bereits seit langer Zeit unter dem nationalsozialistischen Druck. Ganz abgesehen davon, daß Juden aus dem Wirtschafts- und Kulturleben systematisch hinausgedrängt werden, ist die psychologische Situation völlig durch den Antisemitismus bestimmt. Dies hat allerdings auch die Rückwirkung, daß der Jude weiß, daß er Jude ist, da er verhindert ist. es zu vergessen. Von großen jüdischen Organisationen wird noch in diesem Monat als einzige Weisheit verkündet, daß „es eine Judenfrage nicht gibt“. Auf dieser Basis aber kann heute weder nach außen hin Politik gemacht werden, noch den Juden selbst innerlich geholfen werden. Der Zionismus hat vor 40 Jahren das Wesen der Judenfrage erkannt. Durch die Tünche der Assimilation hindurch wurde wieder offenbar, daß der jüdische Mensch in wesentlichen Teilen seines Seelenlebens von seinem jüdischen Volkstum bestimmt ist. Durch die künstliche Verkümmerung des jüdischen Wesens' erklärt sich ein. großer Teil der sozialen Pathologie, für die der Antisemitismus ein Symtom ist. Diese Erkenntnis befähigt uns, die naturgegebene Distanz zwischen Juden und Nichtjuden richtig abzuschätzen. Wir glauben, daß bei Respektierung dieser Distanz ein Zusammenleben mit unserer Umwelt leichter möglich wäre als bei der hemmungslosen Neigung zur Vermischung. Die Gegebenheiten von Blut und Geschichte und die hierdurch bedingten Differenzen können auf die Dauer nicht ohne inneren Schaden verleugnet werden. Wir wußten stets, daß die Judenfrage nur dann einer Lösung näher kommen kann, wenn der Jude sein inneres Verhältnis zu seinem Judentum wieder bereinigt und dadurch seine innere Sicherheit wieder gewonnen hat. Die Partei, die heute in Deutschland am Ruder ist, hat „die geistige und sittliche Erneuerung des deutschen Volkes“ auf ihre Fahne geschrieben. Ein großes Programm, aber wir Juden sind mißtrauisch dagegen, weil wir nicht an eine sittliche Erneuerung glauben, die den Schandfleck des Antisemitismus in sich schließt. Um so wichtiger ist es, daß wir Juden Haltung bewahren. Wir selbst leiden am meisten unter mancher Erscheinung jüdischen Lebens, und der Zionismus hat schon vor 50 Jahren mit klarem Auge gesehen, daß eine Erneuerung unserer Gemeinschaft von innen her nottut. Wir wissen, daß es Schlacken des Ghettos gibt, die wir mit uns schleppen, und ebenso Schlacken der Assimilation, die „äußere Freiheit bei innerer Knechtschaft“ gebracht hat. Aber es gibt auch ein neues Judentum, das sich von beiden freizumachen sucht, ein Judentum, das heimgefunden hat, das um seinen Wert weiß, das furchtlos für sich einsteht, das Distanz und Haltung zu wahren weiß und auch dem Feinde, der es bedroht, nicht mit Ironie und Überheblichkeit, sondern mit offenem Visier gegenübersteht.

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