Das jüdische Echo
- Journal
- Das jüdische Echo
- Volume
- 20 (1933)
- Issue
- 6 (10.2.1933)
- Date
- 1933-02-10
- Page
- [Seite] (sequence 1)
- Language
- German
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Das Jüdische Echo Ertcheinuneszeit: Jeden Freltar. Bezug: Durch die Postanstalten oder den Verlag. — Bezugspreis jährlich: RM. 8.—. halbjährlich: RM. 4.—. vierteljährlich: RM. 2.—. Einzelnummer 20 Rpf. / Verlag, Anlieferung des ..Jüdischen Echos“: München. PlinganserstraBe Nr. 64. I N H R L T : Provisorium? — „Innere Sicherheit“ — Jahresversammlung des Hilfsvereins der Deutschen Juden — Aus der jüdischen Welt — Feuilleton —■ Personalia — Gemeinden- und Vereins-Echo — Spenden-Aus weis Anzeigen: Die viergespaltene Millimeter-Zelle 30 Rpf. / Famllien- Anzelgen Ermäßigung /Anzeigen- Annahme: Verlag des Jüdischen Echos. München. Pllnganserstraße 64 / Telephon 73664/68 Postscheck - Konto: München 2987 Nr. 6 München, 10. Februar 1933 20. Jahrgang Provisorium? Wenn sich, über das Schicksal der gegenwärtigen Reichsregierung Zweifel regen, so betrifft diese Unsicherheit nicht die Frage, ob die Reichskanzlerschaft Hitlers dauernd oder vorübergehend ist, sondern die ebenso wichtige, ob die Zukunft nicht noch eine Verstärkung der Position der nationalsozialistischen Führung im Kabinett bringen wird. Die Tatsache der Reichskanzlerschaft Hitlers und deren Dauer kann nicht als eine vorübergehende Erscheinung gewertet werden. Fraglich bleibt, ob die im Flusse befindliche Entwicklung nicht eine Erschwerung der Situation für alle diejenigen bringen wird, die aus den verschiedensten Gründen eine nationalsozialistische Herrschaft ablehnen. Besonders wir Juden in Deutschland müssen mit dem Aufgebot größter Aufmerksamkeit die sich vollziehenden Dinge verfolgen und uns wenigstens innerlich bei Zeiten auf alle Möglichkeiten gefaßt machen. Zunächst ist notwendig, sich ins Bewußtsein zu hämmern, daß der 30. Januar, der Tag, an dem Hitler zum Reichskanzler Deutschlands ernannt wurde, einen vorläufigen Abschluß einer Entwicklung der jüdischen Position in Deutschland brachte, die sich seit Jahren vorbereitet hat. Wenn es gestattet ist, ein sprachliche Neubildung zu gebrauchen, so (kann man die Situation der deutschen Juden folgendermaßen charakterisieren: Die „Ausvolk u n g“ der Juden in Deutschland, die nicht nur von Nationalsozialisten sondern auch von den meisten rechtsstehenden Gruppen seit Jahren erstrebt wurde, ist nunmehr offizielle Regierungsmaxirne. Die Ausbürgerung ist nicht erfolgt und dürfte aller Wahrscheinlichkeit nach formal auch kaum jemals durchgeführt werden. Die Juden in Deutschland sind Staatsbürger und werden Staatsbürger bleiben. Aber der Zustand wird für voraussichtlich lange Zeit andauern, der bereits von der Regierung Papen eingeleitet wurde: die Fernhaltung des jüdischen Elementes aus allen repräsentativen Betätigungen staatlichen, kulturellen und gesellschaftlichen Lebens der deutschen Gemeinschaft. Der Rechtszustand und die praktische Stellung der Juden in Deutschland werden ungefähr die Form haben, wie es die Situation eines Stadtgenossen1 im alten Rom war, der das Recht des „commerciums“ hatte, vom „connubium“ ausgeschlossen war und daher auch kein vollgültiger Bürger im familienrechtlichen und Stammesshine werden und auch nicht einen Anteil an den internsten Angelegenheiten der „tribus“ haben konnte und darum auch nicht als Volksgenosse galt. Formal werden die Juden trotz des nationalsozialistischen Programmes aller Voraussicht nach Bürger des Staates bleiben. Real werden sie jedoch in einem sich immer verstärkendem Maße aus der vollen Anteilnahme an den verschiedenen Sparten des öffentlichen Lebens ausgeschlossen sein. Hitler ist seit dem 30. Januar Reichskanzler und weder die Regierung noch die zum Rang einer Regierungspresse avancierten nationalsozialistischen und übrigen rechtsradikalen Blätter haben bisher zur Judenfrage grundsätzlich Stellung genommen. Die Fälle, in denen wie eine alte biedere jüdische Frau in Berlin nach Anhörung von Hitlers Rundfunkrede sagte, „man will uns nicht totschlagen, er hat ja kein Wort über uns gesagt“, dürften nicht vereinzelt sein. Eine derartige naive Schlußfolgerung aus dem Stillschweigen im antisemitischen Blätterwalde und der Zurückhaltung in amtlichen Erklärungen ist durchaus nicht am Platze. In manchen jüdischen Kreisen scheint die Vorsteilung zu herrschen, daß eine Revolution — und in bezug auf die Juden handelt es sich um eine einschneidende Umwälzung — nur mit Donner und Blitz beginnen muß. Es hat schon in der menschlichen Geschichte Revolutionen ungeheuersten Ausmaßes gegeben, deren Adagio sanft und lieblich gewesen ist. Nun ist der Beginn von Hitlers Kanzlerschaft ohne Knall und Blitz vor sich gegangen, aber sanft lind lieblich hinwiederum ist er auch nicht gewesen. Allerdings hat verhältnismäßig Ruhe auch in bezug auf das Verhalten von sonst gegenüber Juden exzeßbereiten SA-Truppen geherrscht. Man darf sich auf jüdischer Seite nicht einbilden, daß in Regierungskreisen, namentlich aber bei dem nationalsozialistischen Partner, das Betsreben obwaltet, all die in der Agitation gegen die Juden ausgestoßenen Drohungen und in Aussicht gestellten Maßnahmen der Vergessenheit anheimfallen zu lassen. In den wenigen Tagen der hitlerischen Kanzlerschaft konnte man nur feststellen, daß man unserer nicht gedacht hat. Daraus folgt jedoch nicht, daß die nationalsozialistischen Minister und ihre Parteifreunde auch nur einen Moment lang darauf verzichtet haben, den gefühlsmäßigen Unterbau der Nazi-Bewegung, wie der Judenhaß im offiziellen nationalsozialistischen Programm-Kommentar des Abgeordneten Feder genannt wird, aufzugeben. Hs dürfte vielmehr zutreffen, daß Hitler von seinen Ministerkollegen, und zwar denjenigen, die wie der Außenminister oder Finanzminister eine größere politische Erfahrung als aktive Staatsmänner besitzen, oder wie Hilgenberg, der im Mittelpunkte des Geschäftslebens, im Handel und Wandel, drinsteckt, darauf aufmerksam gemacht wurde, daß man ungeachtet des Bedürfnisses, Millionen von Anhängern irgendeinen sichtbaren Erfolg gegenüber der Judenheit zu zeigen, sich mit