Das jüdische Echo
- Journal
- Das jüdische Echo
- Volume
- 20 (1933)
- Issue
- 5 (3.2.1933)
- Date
- 1933-02-03
- Page
- Seite 34 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 95% known words query
- IRI
…/9072829-9103090-9187267--12675-9084744- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
Nr. $ 34 Das Jüdische Echo Die Juden sind Ausbeuter Von Max Nordau Am 22. Januar iährte sich zum zehntenmal der Todestag Max Noraaus. Neben Herzl war Nordau die leuchtendste Gestalt des „politischen Zionismus“, er war der Verfasser des „Baseler Programms“, seine Konreßreden über die Lage des jüdischen Volkes in der Welt, waren echte Propheten- und Führerworte, die jedem, der sie gehört, unvergeßlich bleiben werden. Im Nachstehenden veröffentlichen wir einen Artikel Max Nordaus, der ein Bild von der Kraft seines Wortes und dem Glanz seiner Feder zu geben vermag. Der Artikel ist im Jahre 1899 erschienen. Der Jude ist ein Ausbeuter. Das ist ein Dogma. Das Grunddogma des Antisemitismus. Man erweitert es durch liebevoll gewählte Synonima: Der Jude ist ein Schmarotzer; er lebt von der Arbeit der anderen usw. Man hat diese Behauptung so oft wiederholt, daß auch die seltenen „Arier“, die von allem Judenhasse frei sind, ehrlich an sie glauben und sich darauf beschränken, mildernde Umstände geltend zu machen. „Wenn die Juden Ausbeuter sind, so ist es, weil sie b.egabter sind als andere Völker und weil für sie die Versuchung stärker ist, ihre geistige Überlegenheit zu mißbrauchen. Wenn sie Schmarotzer sind, so ist es, weil wir sie gezwungen haben, es zu werden“ usw. Diese Entschuldigungen sind freundlich. Wir sind von ihnen gerührt. Aber wir lehnen sie mit Dank ab. Ehe man gegen uns eine Nachsicht übt, die wir nicht verdienen würden, wenn wir sie anzurufen hätten, wolle man sich gütigst herbeilassen, die Versicherungen unserer Feinde zu prüfen. Wenn eine Verleumdung erst Gemeinplatz geworden ist, untersucht man sie nicht mehr, sondern nimmt sie an und gibt sie weiter wie geltende Scheidemünze. Unterbrechen wir diese bequeme Gewohnheit. Viele ganz wackere Leute sind überzeugt, eine nie bestrittene, unbestreitbare Wahrheit auszusprechen, wenn sie einander nachschwatzen: „Der Jude ist ein Ausbeuter.“ Halten wir den schmierigen abgegriffenen Pfennig auf. Betrachten wir ihn uns etwas aufmerksamer. Wir werden sofort entdekken, daß er falsch ist und nach französischem Brauch auf das Ladenpult genagelt zu werden verdient. Ein Wort zunächst vom „jüdischen Ausbeuter“ in der Geschichte. An seinen Anfängen treffen wir ihn in Ägypten. Was treibt er dort? Er tut Sklavenarbeit. Er ächzt in den Ziegelgruben und Steinbrüchen Pharaos. Er streicht Backsteine, schleppt Lasten und empfängt als Lohn Peitschenhiebe. Sehen Sie diesen nichtswürdigen Ausbeuter? Er zwingt die armen ägyptischen Sklavenvögte, die Nilpferdpeitsche heftig über ihn zu zwingen, eine peinliche Anstrengung in einem so heißen Lande wie dem Niltale. im Mittelalter ist der Jude der allgemeine Pfandleiher, der Bankier der Könige, Herren und Kirchenfürsten. Wie kam das? Die Mächtigen, die allein Bargeld wie überhaupt alle Reichtümer besaßen. wollten nicht selbst um Zinsen leihen, da die Kirche diese Art (Jeschäfte verbot. Sie beriefen also Juden zu sich und zwangen sie, Vermittler zwischen ihnen und den Borgern zu sein. Die Herren lieferten da° erste Kapital, der Jude besorgte seine Verwendung. Er nahm die Mühsal der Überwachung, die Verantwortlichkeit für die Eingänge auf sich; er lenkte auf sein Haupt den Haß des Borgers, der immer vergnügt einsackt und immer mit Schmerz bezahlt; und wenn er es durch diese undankbare Arbeit fertiggebracht hatte, das Kapital mit einigermaßen ansehnlichen Zinsen abzurunden, beeilten die Herren sich, ihm alles zu entreißen und den Juden der Volkswut auszuliefern. Auf diese Weise verwerteten die Herren ihr Geld, ohne das Kirchenverbot des Wuchers zu übertreten, und schunden das Volk, ohne ihre Beliebtheit zu gefährden. Wäre der Jude nicht gewesen, das Feudalsystem hätte um fünf Jahrhunderte früher verschwinden müssen. Aber die regelmäßigen Judengemetzel wendeten durch sehr lange Zeit den Haß der Menge von den Herren ab und diese konnten ungestraft Schweiß und Blut des Volkes an sich pumpen, indem sie sich des Juden wie einer Hohlnadel bedienten, deren Stich schmerzt. Die christlichen Chroniken des Mittelalters erwähnen des Juden immer nur, wenn sie zu erzählen haben, daß er ermordet oder in den Rechtsformen verbrannt, gehängt oder nach gewissenhafter Plünderung vertrieben wurde. Die einzige Rolle, die er spielt, ist die eines Gefolterten oder eines geschändeten Leichnams. Sonderbarer Geschmack bei einem Ausbeuter! In der Dichtung erstaunt uns der Ausbeuter durch die nämliche Seltsamkeit seiner Gewohnheiten. Nehmen wir das bekannteste Beispiel: Shylock. Dieser sprichwörtliche Bösewicht wird von einem edlen „Arier“ bestohlen, der ihm sein Geld, seine Juwelen und noch obendrein seine Tochter, das einzige Wesen auf Erden, das er liebt, abgaunert. Und Shakespeare ist sichtlich überzeugt, uns das vollendete Urbild des Ausbeuters gezeigt zu haben! Wahrhaftig, das Ausbeutergeschäft ist in Shakespeares Stück nicht einträglicher als im feudalen Ghetto. Doch lassen wir Geschichte und Theater und blicken wir uns um in die gesegnete Wirklichkeit, die wir erleben und kennen. Man weiß, wie sehr wir überall geliebt werden und welche Empfehlung unsere Eigenschaft als Juden für uns ist. Auf jedem Gebiete menschlicher Tätigkeit ist der Jude, der sich einen Platz erobern will, gezwungen, Hindernisse zu überwinden, die sein „arischer“ Wettbewerber niemals kennt. Er hat gegen sich Vorurteile und Haß, die er nur mit weit mehr als durchschnittlichen Anstrengungen besiegen kann. Die Summe von Arbeit, die dem „Arier“ den Erfolg sichert, ist durchaus ungenügend, um dem Juden Würdigung zu verschaffen. In jedem Wettbewerbe vermindert persönliche Voreingenommenheit der Richter unbewußt (übrigens nicht einmal immer unbewußt) die Anzahl der Punkte 'des Juden auf die Hälfte und weist diesem seinen Rang neben solchen „arischen“ Wettbewerbern an, denen er tatsächlich um das Doppelte überlegen ist. Das Maß von Begabung, das dem „Arier“ die Pforten der Akademie öffnet, hat einen Juden noch überall und immer gezwungen — er möge nun einen Hochschullehrstuhl oder eine Hühneraugenoperateur-Kundschaft erstreben, eine Salonmedaille erringen oder im Opernglashandel Seide spinnen wollen — doppelte Arbeit zu halbem Preis zu liefern. Derjenige aber, der viermal so viel gibt, als er empfängt, heißt in allen Sprachen ein Ausgebeuteter. Der Jude, der in einer feindseligen Umgebung leben muß, ist in der Lage des Fremden in Trouville während der Rennwoche. In Winkelgasthäusern, für Speiserest, bezahlt er Cafe-Anglais-Rechnungen und schläft auf einem Billard für den Preis eines Bettes im Hotel Continental zur Grand Prix-Zeit. Wer hat den Vorteil von dieser Sachlage? Einzig die „arische“ Gesellschaft. Sie