Das jüdische Echo
- Journal
- Das jüdische Echo
- Volume
- 20 (1933)
- Issue
- 1 (6.1.1933)
- Date
- 1933-01-06
- Page
- Seite 3 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 1 Das Jüdische Echo 3 Aus den vorstehenden Ausführungen geht hervor, daß sowohl hinsichtlich der beruflichen als auch hinsichtlich der sozialen Gliederung zwischen den jüdischen und nicht jüdischen Frauen eine bedeutend stärkere Ähnlichkeit besteht als zwischen den jüdischen lind nichtjüdischen Männern. Bemerkungen Der Fall Colin Wer erwartet hatte, daß mit einer energischen Stellungnahme des preußischen Ministeriums für Professor Cohn sowie eines entschiedenen Fintretens für die Lehrfreiheit des Breslauer Universitätssenats der Fall Cohn erledigt wäre, mußte sich täuschen. Nicht nur etwa deshalb, weil in dieser Erwartung eine Unterschätzung der Zähigkeit des Widerstandswillens der randalierenden Studentenschaft gelegen hätte. Das Klamauk- und Skandalbedürfnis dieser Studentenschaft gellt zwar sicherlich außerordentlich weit und mangels anderer und besserer Agitationsargumente findet es einen hervorragenden Sekundanten inder nationalsozialistischen Presse; jedoch würde ein Festbleiben der Vorgesetzten Instanzen zweifellos früher oder später eine äußere Beruhigung herbeigeführt haben, soweit eben Beruhigung antisemitischer Fmpfindungen überhaupt denkbar ist. Ein Semester zu verlieren ist aber niemandem angenehm. Nun aber läßt der Senat der Universität Colin aus höchst fadenscheinigen Gründen fallen und sagt ihm nach, er habe die pflichtmäßige Zurückhaltung in einer politischen Phage vermissen lassen. Die Frklärung von Rektor und Senat schließt mit den Worten: Deshalb halten Rektor und Senat eine weitere Lehrtätigkeit des Professors Cohn an der schlesischen Universität im Interesse der Aufrechterhaltung der Ruhe und Ordnung eines ungestörten Lehrbetriebes für nicht tragbar. Weswegen nun diese Frklärung? Sie ist znrückzufiiliren auf die Beantwortung einer Rundfrage der Berliner Zeitung „Montag Morgen“ seitens Prof. Cohns. Die Zeitung fragte bei Cohn telefonisch an, ob er glaube, daß Deutschland dem verfolgten russischen Revolutionär Trotzki ein Asyl bieten solle. Cohn erwiderte, ebenfalls telefonisch: „Die Präge gehört zu den sehr zahlreichen Fragen, die kein sachlich Denkender ohne sorgfältigste Prüfung einer Reihe von Umständen zu beantworten vermag. I nsbesondere dürfte es von Wichtigkeit erscheinen, zu wissen, welche Erfahrungen die Länder, in denen sich Trotzki bisher aufhielt, mit ihm und seiner Tätigkeit gemacht haben. Ein geistiger Arbeiter wird stets schutzwürdig erscheinen; denn an Agitatoren und Naturpolitikern haben wir wah rhaftig keinen Mangel.“ Dies ist ein Vorgang, dessen nähere Untersuchung immerhin lohnt. Man erinnere sich: Cohn wurde der Universität Breslau nicht aufgedrängt. seine wissenschaftliche Qualität scheint außer Zweifel zu stehen, ln den eisten Stadien der Angelegenheit haben sich die Universitätsbehörden untadelhaft benommen. PN ist dabei nicht verblieben, weil im Verlauf der Ereignisse die Herren Professoren sich allzusehr für eine Sache einsetze.n mußten, die ihnen in der Mehrzahl selbst nicht genäßt zu haben scheint: für die jüdische Gleichberechtigung. Das Symptomatische und uns Juden besonders nahegehende an diesem Vorgänge ist dies, daß an sich offenbar weder judenfreundlich noch judenfeindlich gerichtete Körperschaften und Einzelne, die nach irgendwelchen sachlichen Gesichtspunkten Plütscheid ungen getroffen haben, von denen Juden berührt sind, durch den auf das Personelle abzielenden Impetus der Antisemiten sehr rasch die Linie der sachlichen Pintscheidungen verlassen und den Juden preisgeben. Wer selbst gar nicht Antisemit ist oder sogar weit davon entfernt ist, es zu sein, wagt doch nicht nach außen hin. sich als Kämpfer für jüdische Dinge abzustempeln — aus P'eigheit, Selbsterhaltungstrieb oder irgendwelchen anderen anständigen oder unanständigen Motiven ward das sacrificium intellectus gebracht. Sind die Breslauer Vorgänge nicht, in wenige Wochen zusammengepreßt. ein getreues Abbild des Verhaltens nahezu der gesamten deutschen Intelligenz in den letzten Jahren. Und sind sie nicht typisch für das, was sich heute allerorten ergibt, wenn öffentlich an einem Juden Anstoß genommen wird. Ob kurz danach, ob lang danach, ob aus guten, ob aus schlechten Gründen, ob in unmittelbarem und erkennbarem Zusammenhang oder aus irgendeinem sich bietendenanderen Anlaß: immer heißt der Tenor dieses Urteils: Gehen Sie Cohn! Immer wird der Jude in die Wüste geschickt, wenn man sich einbildet, dadurch die Ruhe oder Beruhigung der Öffentlichkeit erkaufen zu können. Und so grotesk dies in diesem Zusammenhang klingen mag: in allerdings seltenen Fällen mag sogar der eine oder andere lade die kreppe hinmifgefallen sein, nur damit er nicht mehr an irgendeiner repräsentativen Stelle Veranlassung zu dauernden Angriffen bietet und damit er aus dem Wege geräumt ist. In diesem Sinne ist der Phi 11 Cohn-Breslau nicht neu und sein Ausgang nicht unerwartel: es ist ein Fall, wie er sich bereits oft ereignet hat und wie er sich bedauerlicherweise vermutlich noch oft ereignen ward. Gerade darum ist es absolut ungerecht. Cohn selbst irgendeine Schuld an diesem Ausgange der Angelegenheit zuzumessen und ihm vorzuhalten, er habe sich durch seine Beteiligung an der Trotzki-Umfrage eine Blöße gegeben oder eine grobe Taktlosigkeit begangen — wrie das mancherorts schon geschehen ist. Farbloser hätte er nicht antworten können und wenn er überhaupt, nicht geantwortet hätte, so würde sich ein anderer Anlaß bald gefunden haben. Momentan ist die Angelegenheit noch in der Schwebe, da ia dem Beschluß des Senats keine rechtliche Bedeutung zu kommt und das Ministerium sich eine eingehende Prüfung Vorbehalten hat. Phs mag Juden geben, die erwarten, daß es Cohn möglich sein wrerde, trotz aller dieser Vorgänge in Zukunft ruhig seine Lehrtätigkeit auszuüben — erwarten sie nicht, wie Tbsens Nora, ein Wunder, das sich nicht ereignet? 1. E. Der gekränkte Nazi-Bürgermeister Die Stadtgemeinde Günzenhausen hat einen Nazi-Bürgermeister namens Münch. Münch politisiert, Miineh agitiert, Münch hält Versammlungen, schimpft über die Juden, alles für Hitler und das Dritte Reich. Alles kann Herr Münch, nur wenn ihm von seinen politischen Gegnern einmal auf die Hühneraugen getreten wird, dann kann er sehr beleidigt sein. Jüngst ließ er sogar m’nen eigenen Punkt auf die Tagesordnung der Stadtratssitzung setzen: „Der 1. Bürgermeister und seine Bekämpfung durch die hiesigen Israe-