Das jüdische Echo
- Journal
- Das jüdische Echo
- Volume
- 19 (1932)
- Issue
- 53 (30.12.1932)
- Date
- 1932-12-30
- Page
- Seite 425 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 53 Das Jüdische Echo 425 hörigen aller Konfessionen. Erst in letzter Zeit hat eine nationalsozialistische Hetze eingesetzt, die nun auch Ausschreitungen zur Folge hatte. In der Nacht von Samstag auf Sonntag wurden fünf jüdische junge Leute von fünfzehn Nazis in Uniform überfallen, die Nationalsozialisten mißhandelten sie mit Riemen und Fäusten und ließen erst ab, als einer der Überfallenen blutüberströmt zusammenbrach. Das Überfallkommando stellte die Namen der Nazis fest, die sich als polizeibekannte Rowdies herausstellten. — Am „Goldenen Sonntag“ wurden in den lebhaftesten Straßen Zettel mit judenhetzerischem Inhalt verteilt. Ärztliches Ehrengericht gegen antisemitischen Boykott Berlin, 23. Dezember. (JTA.) In einer Stadt Mittelfrankens ließ ein Arzt auf der ersten Seite eines von ihm herausgegebenen Wochenblattes in großen Lettern die Schlagzeile drucken: „Meidet jüdische Ärzte und Rechtsanwälte!“ Auf Antrag jüdischer Ärzte wurde gegen den Herausgeber des Blattes ein ehrengerichtliches Verfahren eröffnet; er wurde vom ärztlichen Berufsgericht zu einer Geldstrafe von 100 RM. und zum Ersatz der Kosten verurteilt. In den Urteilsgründen heißt es: „Es bedarf keiner besonderen Ausführung, daß die Aufforderung, jüdische Ärzte zu meiden, für den jüdischen Ar£t kränkend ist... Es ist auch klar, daß diese Aufforderung, gleichbedeutend ist mit einer Warnung, jüdiche Ärzte zu nehmen, und daß manche der Leser zu dem Glauben kommen können, es werde vor den jüdischen Ärzten gewarnt, weil diese als Ärzte minderwertig seien.“ Überfall aut einen Rabbiner in der Grenadierstraße Berlin, 21. Dezember. (JTA.) Am 20. Dezember gegen 10 Uhr abends überfielen drei SA-Leute vor dem Hause Grenadierstraße 45 den greisen Rabbiner Lazar Friedmann, der in der Gemeinde Adass Jisroel die Funktion eines Kaschruth-Aufsehers ausübt. Die Rowdies versuchten, den alten Mann zu Boden zu reissen und schlugen ihm den Hut vom Kopf. Polizei war schnell zur Stelle und nahm die Nationalsozialisten fest. Bei einem der Täter wurde ein schußfertiger Revolver gefunden. Thüringer Landtagsplenum beschließt Schächtverbot ab Juli 1933. Weimar, 16. Dezember (JTA.). Der thüringische Landtag hat das von der nationalsozialistischen Landesregierung vorgelegte „ Gesetz über den Tierschutz“, dessen Kernstück ein Sehächtverbot ist, mit den Stimmen der Nationalsozialisten, des Landbunds und der Deutschnationalen bei Stimmenthaltung des Vertreters der Deutschen Volkspartei gegen Sozialdemokraten und Kommunisten in zweiter Lesung angenommen. Während nach dem Gesetz Tierquälereien mit Geldstrafen bis zu 150 RM. belegt werden, wird die Übertretung des Scluichtverbotes mit Gefängnis bis zu sechs Monaten bzw. mit Geldstrafe bedroht. Das Gesetz soll erst am 1. Juli 1933 in Kraft treten, in der Zwischenzeit will die Landesregierung mit Preußen und dein Reich wegen Erlasses eines allgemeinen Schächtverbotes verhandeln. Der zweite Band der hebräischen Enzyklopädie erschienen Berlin, 20. Dezember. (JTA.) Im Verlag „Eschkol“, Berlin, ist vor kurzem unter der Chefredaktion von Dr. Jakob Klatzkin der zweite Band der hebräischen Enzyklopädie erschienen. Der Band umfaßt die Stichworte von Origines bis Antipas. Von den größeren Monographien dieses Bandes sind zu nennen: Italien, Inquisition, Europa, Ehe, Gott, Alchimie, Alexandrien, Alphabet, Emigration, Kunst, Emanzipation, Marranen, sowie eine umfassende Amoräerliste. Wie der erste Band ist auch der vorliegende mit vielen Bildern, Noten und Karten ausgestattet. Der dritte Band des Werkes ist fast druckfertig; die übrigen Bände sind in Vorbereitung. Die Vorgänge in Wien am „Goldenen Sonntag“ Wien, 19. Dezember. (JTA.) Der „Goldene Sonntag“ in Wien war ein Großkampftag der Nationalsozialisten in ihrer anti-jüdischen Boykottpropaganda. Millionen Flugzettel mit judenhetzerischem Inhalt und Aufforderung zum Judenboykott überfluteten die Stadt, insbesondere die Hauptgeschäftsstraßen. An die Auslagenfenster vieler hunderter jüdischer Geschäfte wurden mit ätzenden Farben die Worte „Kauft nicht bei Juden!“, ferner Judenkarikaturen gemalt. Man schätzt den durch diese Devastierungen verursachten Sachschaden auf Hunderttausende Schillinge, von dem durch die Boykottaufforderung verursachten Schaden schon gar nicht zu reden. Die Polizei formierte spezielle Jagdpatrouillen zur Verfolgung der nationalsozialistischen „Klebekolonnen“ und Zettelverteiler, in den nationalsozialistischen Parteiheimen wurden Haussuchungen vorgenommen. Der Erfolg war aber gering, weil, so wird seitens der Polizei mitgeteilt, der dichte Nebel die Naziaktion begünstigt hat. Wien, 22. Dezember. (JTA.) Trotz eifriger Polizeiaktionen gegen die von den Nationalsozialisten in der Vorweihnachtszeit eingeleitete umfassende Boykottagitation gegen die jüdische Kaufmannschaft dauert diese Agitation unvermindert fort. Bei Tag und bei Nacht werden die bekannten Boykottzettel „Kauft nicht bei Juden!“ massenhaft in den Straßen verteilt, so daß das Pflaster mit solchen Zetteln übersät ist. Zwischen der Polizei und den Boykottagitatoren hat sich ein förmlicher Kriegszustand entwickelt. Die nationalsozialistische Presse ermuntert die Boykottagitatoren und nennt die Wiener Polizeidirektion eine „Dienerin der Kohngorillas“. Ein nationalsozialistisches „Extrablatt“, das schwere Verunglimpfungen gegen das Polizeipräsidium und Bedrohungen gegen jüdische Bevölkerung aussprach, wurde beschlagnahmt. Auch in Innsbruck führen die Nationalsozialisten eine scharfe Boykottpropaganda gegen die jüdischen Kaufleute. In Plakaten werden Namen und Adressen der jüdischen Geschäfte angegeben. Plakate dieses Inhalts wurden beschlagnahmt. Der österreichische Hitler im jüdischen Hospital Wien, im Dezember. (JTA.) In Wiener Nazikreisen ist eine Revolte gegen den Wiener Gauleiter Alfred E. Frauenfeld ausgebrochen als Folge einer Enthüllung in der Presse, daß Frauenfeld noch im Jahre 1929 wochenlang als Patient im Rothschild-Spital der Israelitischen Kultusgemeinde Wiens, untergebracht war und sich nur von jüdischen Ärzten behandeln ließ. Nach Meldungen linksstehender Blätter sind viele Briefe Wiener Nazis nach München abgegangen mit der Forderung, Frauenfeld abzusetzen, da er früher sich allzuviel mit Juden einließ. Frauenfeld rechtfertigt sich damit, daß er von der Krankenkasse ins jüdische Spital gewiesen wurde.