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Das jüdische Echo · 1932-12-16 · 51 (16.12.1932) · p. Seite 406

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Journal
Das jüdische Echo
Volume
19 (1932)
Issue
51 (16.12.1932)
Date
1932-12-16
Page
Seite 406 (sequence 2)
Language
German
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406 Das Jüdische Echo Nr. 51 Heb davor in acht genommen hatten, in den Streit der einzelnen Völker einzugreifen und immer wieder ihre politische Neutralität betont hatten. In Wahrheit gestattet aber das Leben keine restlose Neutralität und keine wahre Autonomie für eine Minderheit, die innerhalb einer überwiegenden Mehrheit, sei diese einheitlich oder national gemischt, wie in Ostgalizien. Die Annahme, als ob deklarative Haltungen möglich wären, ist abwegig. Politik ist von Wirtschaft nicht zu trennen. Sie ist vielmehr der Überbau über die realen wirtschaftlichen Verhältnisse, und der wahre Urgrund des Judenproblems in Polen und in allen Ländern ist nicht nur kultureller, zivilisatorischer oder politischer sondern vielmehr wirtschaftlicher Art. Ohne eine geschlossene, in einem gewissen Grade sich selbst wirtschaftlich genügende Siedlung, d. h. ohne eine ökonomische Autonomie ist eine politische nur ein Scheingebilde. Darum hat es den Juden in Ostgalizien trotz ihrer richtigen Einsichten und ihres würdigen nationalen Verhaltens wenig genützt, daß sie sich von den polnisch-ukrainischen Streitigkeiten ferngehalten haben. Im Alltagsleben wurden und werden sie von beiden Nationalitäten als Konkurrenten empfunden und bekämpft. Sowohl die aufstrebende polnische, wie die aufstrebende ukrainische Intelligenz erblicken im jüdischen Mittelstand einen gefährlichen Nebenbuhler, den man mit allen Mitteln bekämpfen muß. Zu diesem Zwecke werden besondere Ideologien geschaffen, und die Juden werden alsdann im Namen dieser „erhabenen“ Ideologie überfallen und verprügelt und ihre Geschäfte geplündert. Auffallend ist, daß bei allen von polnischer Seite ausgehenden antijüdischen Ausschreitungen die Ukrainer Gewehr bei Fuß stehen, und daß die polnische Gesellschaft mit Schmunzeln und einem Gefühl der inneren Befriedigung ruhig zusieht, wenn die ukrainische Boykottbewegung gegen die Juden zahllose jüdische Existenzen zur StrecKe bringt. In Polen und in Ostgalizien werden schwere Kämpfe zwischen einzelnen polnischen Parteien, bzw. zwischen Polen und Ukrainern ausgetragen. Diese Kämpfe vollziehen sich auf dem Rücken der Juden. In Lemberg richtet sich die Hauptwut der polnischen Nationaldemokratie und ihrer studentischen Avantgarde gegen das Pilsudski-Regime. Außerdem ist die Spannung zwischen Polen und Ukrainern unerträglich. Schwächster Angriffspunkt zur Austragung dieser Differenzen ist das jüdische Element. So sind die Juden in Polen und in Ostgalizien der Prügelknabe der einzelnen streitenden Parteien und Völkerschaften. Sie sind es nicht nur in Polen, sondern in der ganzen Weit. Denn genau besehen, ist ja die Rolle der deutschen Juden bei den schweren Auseinandersetzungen in unserem Lande auch keine andere als die eines Prügelknaben im Kampfe der Reaktion gegen die Parteien der Linken. h s. Der Wiener Sieg Wien, 6. Dez. Vor 35 Jahren hat Theodor Herzl die Parole ausgegeben: „Erobert die jüdische Gemeinde!“ Dieser Wunsch ist heute in der Geburtsstadt des politischen Zionismus in Erfüllung gegangen. Die Wiener Zionisten haben bei den Kultusgemeindewahlen, die am letzten Sonntag stattgefunden haben, die Mehrheit errungen. Ja, es ist sogar eine ganz respektable Mehrheit. Von 26 159 abgegebenen Stimmen entfielen auf die zionistischen Listen 15 002, die vereinigten Assimilanten 10104 Stimmen (der Rest entfällt auf Splittergruppen). Von 36 Mandaten eroberten die Zionisten 21, die Assimilanten 15. Diesem großen zionistischen Sieg, so freudig er an sich ist, soll hier auch ein wenig analytisch auf den Grund gegangen werden, weil er zweifellos auch lehrreich werden kann. Verschiedene Umstände haben ihn herbeigeführt und wollen gewertet werden. Zum ersten wars ein negativer Anstoß. Es war eine große Dummheit des Gegners, das unnatürliche Bündnis mit den Sozialdemokraten anzugeben. Die bisher führenden Juden der „Union österreichischer Juden“, diese durchaus dem Bürgertum, den „besseren Kreisen“ angehörenden, auf ihr echtes Wienertum pochenden Menschen, welche in der schon lange nicht mehr Kultusangelegenheiten allein gewidmeten Gemeinde jeden frischen Luftzug scheuten, fürchteten mit Recht das Gefecht mit den Zionisten, welche die Umgestaltung der Kultusgemeinde in eine Volksgemeinde anstreben. Und so gingen sie in dieser Verlegenheit die Bruderschaft mit den Sozialdemokraten, den sogenannten „Werktätigen Juden“ ein. Dies mußte genügen, um sie bei vielen Kreisen, selbst bei politisch nicht besonders scharf denkenden Kreisen, um ihren Kredit zu bringen; ebenso vermochten aber auch die „Werktätigen Juden“, ansonsten ganz orthodoxe Sozialdemokraten, niemandem einzureden, daß sie sich mit diesem Bündnis nicht der Plutokratie verschrieben. Ja, sogar die „Arbeiterzeitung“ fand es für notwendig, für die „Partei“ jede Protektion für irgendeine sozialistische Kandidatur in die Kultusgemeinde in Abrede zu stellen, obschon ein Dementi der Tatsache, daß das berüchtigte Bündnis im Büro des Wiener Finanzreferenten Dr. Danneberg ausgekocht worden war, nicht zu erreichen war. Die Sache der jüdischen Treue hatte schon durch diese Fehler der Gegner einen großen Vorsprung. Dazu kam nun die wichtige positive Tatsache, ohne welche gewiß lange nicht das erreicht worden wäre, was man erreicht hat: die Wahlvereinigung der Allgemeinen Zionisten mit den Revisionisten: Dies förderte einen weiteren wichtigen Faktor: die Begeisterung, der durch Wochen die jüdischen Massen in dem Willen vereinigte, als volles Judentum mit Mehrheit in die jüdische Gemeinde einzuziehen. Es war wie ein Erwachen aus langem Schlummer; Führer und Volk schüttelten die Müdigkeit ab, die schon seit langem über der zionistischen Arbeit des Wiener Judentums lag. Auf einmal war alles auf den Beinen, mit einer Freude und Opferwilligkeit, die wahrhaft ideal genannt werden muß. Da sie nun gerufen wurden, waren Tausende von Jugendlichen ganz bei der Sache; aber auch die Erwachsenen arbeiteten eifrig. Die Propagandaführung war erstklassig, der Besuch der Versammlungen, von denen manchen Tag ein Dutzend und mehr fast zu wenig war, um den Zu spruch zu befriedigen, war imposant. Alles war da anläßlich dieser Wahlbewegung, und siehe da: auch Geld, ohne welches bekanntlich keine Schlacht zu gewinnen ist. Gewiß war aber das Hauptmotiv des Sieges der allgemeine überaus starke Wille der selbstbewußten Judenschaft, eine zionistische Mehrheit in der Wiener jüdischen Gemeinde herbeizuführen. Dieses Streben beherrschte alle sonst getrennt marschierenden Gruppen in gleichem Maße und alle legten eine gleichmäßige Begeisterung an den Tag. Sie ist belohnt worden. Der Sieg ist errungen. Nun hat die Arbeit zu folgen. Kein geringer Aufgabenkreis erwartet die Wiener Kultusgemeinde mit zionistischer Mehrheit. Das zionistische Programm verpflichtet. Es wird nötig sein, alle Kräfte zusammenzunehmen, die Begeisterung der Wahlzeiten zu erhalten und wohl auch die Einheit unter den Zionisten. Was für die Wahl nötig war, wird bei der realen Arbeit nicht weniger nötig sein . . .

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