Das jüdische Echo
- Journal
- Das jüdische Echo
- Volume
- 19 (1932)
- Issue
- 51 (16.12.1932)
- Date
- 1932-12-16
- Page
- [Seite] (sequence 1)
- Language
- German
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Das Jüdische Echo Nach vierzehn Jahren — Der Wiener Sieg — Erklärungen Arlosoroffs und Senators — Aus der jüdischen Welt — Gemeinden- und Vereins- Echo — Spenden-Ausweis Nr. 51 München, 16. Dezember 1932 19. Jahrgang Anzeigen: Die vtergespaltene Millimeter-Zelle 30 Rpf. / Famlllen- Anzeigen Ermäßigung / Anzeigeaganserstraße 64 / Telephon 73664/65 Postscheck - Konto: München 3087 Erscheinungszelt: Jeden Freitag. Bezug: Durch die Postanstalten oder den Verlag, — Bezugspreis- Jährlich: RM. 8.—. halbjährlich: RM. 4.—. vierteljährlich: RM. 2.—. Einzelnummer 20 Rpf. I Verlag, Aaslieferung des ,,Jüdischen Echos": München. Plinganserttraße Nr. 64. Nach vierzehn Jahren Zu den Ereignissen in Lemberg Aus Lemberg kamen in den letzten Wochen wieder Entsetzensnachrichten. Im Anschluß an einen bedauerlichen Vorfall der Lemberger Unterwelt, in der ein polnischer Student in Gesellschaft von Halbweltdamen im Streit mit jüdischen Bäckergesellen geraten war und erstochen wurde, entwickelte sich in der furchtbar gespannten Atmosphäre zwischen den einzelnen in Ostgaliziien lebenden Nationalen, Polen, Juden und Ukrainern, Unruhen, die fast eine ganze Woche dauerten und in deren Verlauf ungefähr 500 Juden schwer oder leicht verletzt und zahlreiche jüdische Geschäfte geplündert wurden. Lemberg ist ein alter Pogromboden, unvergeßlich ist im Gedächtnis der jüdischen Welt die Schreckenszeit des November 1918 geblieben, als nach beendetem Weltkrieg Polen und Ukrainer aneinander gerieten und im Zuge dieser kriegerischen Auseinandersetzungen im Lemberger Judenviertel in einem der schrecklichen Judenpogrome der letzten Jahre die polnische Unabhängigkeit aus dem Blute viehisch niedergemetzelter jüdischer Menschen gehoben wurde. Seit jenen grauenvollen Tagen sind vierzehn Jahre ins Land gezogen und in den letzten Novembertagen des Jahres 1932 wiederholte sich ein ähnliches Schauspiel in Lemberg wie nach dem Abschluß des Weltkrieges, nur daß diesmal glücklicherweise auf jüdischer Seite keine Hekatombe jüdischer Toter gefallen ist. ln den abgelaufenen vierzehn Jahren hat die polnische Judenheit eine weite Entwicklung zurückgelegt. Sie hat unter schwersten Kämpfen eine innere Wandlung erfahren. Nach dem Abschluß des Weltkrieges war der größte Teil der auf den gegenwärtig polnischen Gebieten wohnhaft gewesenen Juden politisch unreif, national nicht bewußt und führte das Dasein willenloser Werkzeuge in den Händen der*regierenden Faktoren, in Galizien der polnisch-österreichischen Bezirkshauptleute, in Polen der russischen Verwaltung und im Posenschen Gebiet der germanisatorischen * Tendenzen der hakatistischen Bewegung. Ebenso schwer, wie es dem neuen polnischen Reiche gefallen ist, die verschiedenen polnischen Volksteile der drei Gebiete zu einer Einheit zusammenzuschmelzen, ebenso schwierig war es auch der jüdischen Politik in Polen die Judenheiten der ehemals russischen, österreichischen und deutschen Gebiete auf einen gemeinsamen Nenner zu bringen. Auf jüdischer Seite war der naturgegebene Vorkämpfer für die jüdische Einigung die zionistische Bewegung. Diese kann für sich das Verdienst in Anspruch nehmen, daß sie die zivilisatorisch und auch kulturell verschieden gearteten Judenheiten der drei die polnische Republik bildenden Gebiete vereinigt und in einem langwierigen Erziehungsprozeß zu einem gemeinsamen Bewußtsein gebracht hat. Am leichtesten war diese Aufgabe in Ostgalizien, 'dessen Hauptstadt Lemberg ist. Ostgalizien ist einer der Unruheherde des alten Österreich gewesen und hat diesen Charakter auch bis heute in der polnischen Republik bewahrt. Die zwei Hauptgegner in jenem Gebiet sind die Ukrainer, die ungefähr 70 Prozent der Bevölkerung ausmachen und die Polen, welche die dünne Oberschicht der Beamtenschaft und des Großgrundbesitzes darstellen. Zwischen diesen beiden Völkern eingekeilt erkannten die Juden jener Gegend, 12 Prozent der Bevölkerung, schon zur österreichischen Zeit, daß nicht nur die würdigste, sondern auch die politisch vernünftigste Haltung für sie die völlige Loslösung von beiden einander bekämpfenden Nationen ist und daß die Juden am allerklügsten handeln, wenn sie sich jüdisch-national konstituieren und im politischen Kampfe zwischen Polen und Ukrainern Neutralität bewahren. Aus dieser Lagerung der Verhältnisse ergab sich, daß in keinem Gebiete Polens die zionistische Bewegung und der Gedanke der jüdisch-nationalen Selbständigkeit so tiefe Wurzeln schlagen konnte, wie gerade in Ostgalizien. So haben denn -die Juden in Ostgalizien fast in ihrer Totalität durch eine Entwicklung, die nicht nur auf ihr eigenes Bestreben, sondern auf die gegebenen Verhältnisse zurückzuführen ist, einen Zustand erreicht, der von vielen jüdischen Ideologen als der ideale betrachtet wird und als eine Voraussetzung für eine Normalisierung des jüdischen Lebens in der Galuth. Die Juden Ostgaliziens sind nicht nur theoretisch, sondern realiter eme Gruppe von eigenem nationalen Bewußtsein und von volklicliem Eigenleben. Das ist ein Zustand, den jüdische Organisationen wie die ehemaligen „Sejmisten“ und „Folkisten“ in Rußland als den Idealzustand darstellten, der eine Eingliederung des jüdischen Elementes innerhalb der Völker herbeiführen sollte, und der die Möglichkeit ungestörter, nationaler, von der Umwelt wenig befeindeter Existenz geben sollte. Wie aber sieht in Wirklichkeit die Bilanz dieser Entwicklung aus? Vor vierzehn Jahren hatten wir den blutigen Pogrom vom 21. bis 23. November 1918 und nach vierzehn Jahren kehrt die zweite Auflage jener Geschehnisse wieder, obwohl die Juden sich in dieser Zeit ängst-