Das jüdische Echo
- Journal
- Das jüdische Echo
- Volume
- 19 (1932)
- Issue
- 50 (9.12.1932)
- Date
- 1932-12-09
- Page
- Seite 398 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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398 Das Jüdische Echo Nt 50 Unruhen gekommen ist. Sämtliche jüdische Studenten wurden aus dem Gebäude hinausgeworfen. Auch wurden Juden in den Straßen angegriffen. Die jüdischen und auch die polnischen Zeitungen legen sich in ihren Mitteilungen über die neue antisemitische Unruhewelle in Polen äußerste Zurückhaltung auf. Meist werden nur die Nachrichten der offiziellen polnischen Telegraphen-Apentur (P.A.T.) reproduziert. Wenn selbst nach den Berichten dieser amtlichen^ Agentur, die sonst zu Beschwichtigungen neigt, die Vorkommnisse als sehr schwerwiegend erscheinen, kann man sich vorstellen, welches Martyrium die Juden in Polen durchmachen. Über die Vorfälle in Czenstochau sind bisher fast nur P. A. T.-Mitteilungen veröffentlicht worden. Diese lauten: An einigen Punkten der Stadt Czenstochau fanden antijüdische Exzesse statt. Viele Juden wurden ernstlich verletzt. Aus Posen meldet P. A. T.: Am Mittwoch fand ein Trauergottesdienst für den in Lemberg ermordeten Studenten Grotkowski statt. Hernach formierte sich ein Zug von zweitausend Studenten, der durch die Stadt marschierte und antijüdische Losungen ausgab. Die Ruhe wurde nicht gestört. Aus Krakau meldet P. A. T.: Bei einer antisemitischen Studentendemonstrationen am Abend des 29. November wurden an jüdischen Geschäften die Fensterscheiben ausgeschlagen. Aus Wilna meldet P. A. T., daß nach dem Kolleg von Professor Bosowski in der Universität einer der Studenten die Zuhörer aufforderte, durch Aufstehen von den Sitzen das Andenken des in Lemberg ermordeten Grotkowski zu ehren. Bevor der Redner noch seine Ansprache beendete, kam es zu einer Schlägerei, bei der einige jüdische und christliche Hörer verletzt wurden. Fast an allen Warschauer Hochschulen fanden am Mittwoch, dem 30. November, antisemitische Exzesse statt. Am schwerwiegendsten waren die Vorgänge an der Warschauer Technischen Hochschule, wo die Studenten mit Gewalt aus den Hörsälen vertrieben und viele verletzt wurden. Der Rektor des Polytechnikums verfügte die Schließung der Anstalt für unbestimmte Zeit. In der Affäre des bei den Zusammenstößen in der Lemberger Kopernikus-Gasse schwer verletzten polnischen antisemitischen Studenten Zamorski ist eine sensationelle Wendung eingetreten. Es hat sich herausgestellt, daß Zamorskis Verletzungen nicht von Schüssen, die auf ihn abgegeben worden seien, herrühren, sondern von einer Petarde, die er in seinen Kleidern versteckt hielt. Zamorski hat ein diesbezügliches Geständnis bereits abgelegt. Die letzten Meldungen aus Lemberg besagen, daß die Stadt sehr stark durch Polizei, die aus Warschau, Sosnowiec und der ganzen übrigen Umgebung von Lemberg zusammengezogen worden ist, besetzt ist. Abg. Dr. Rosmarin intervenierte bei der Lemberger Leitung der Bank Polskie wegen Verlegung der Wechselzahlungstermine für die jüdischen Kaufleute, die infolge der Unruhen ihre Läden geschlossen halten müssen und darum über keinerlei Barmittel verfügen. In Lemberg laufen täglich Hunderte von Depeschen von Verwandten Lemberger Einwohner aus Deutschland, Palästina, Amerika usw. ein, in denen sich die Absender über das Schicksal ihrer Angehörigen erkundigen. In der Nacht zu Donnerstag, dem 1. Dezember, explodierte vor der Synagoge in der Dziulkiewska- Gasse eine Petarde,, wobei sämtliche Fensterscheiben der Synagoge in Trümmer gingen. In der gleichen Nacht explodierte eine Petarde auf dem Lemberger jüdischen Friedhof, ohne viel Schaden anzurichten. Eine neue Regierung Nach 14 Tagen einer schweren Regierungskrise haben wiederum die Nationalsozialisten nicht die Macht erhalten und gewisse Anzeichen, so die Gemeindewahlen in Thüringen lassen darauf schließen, daß ihr sugestiver Einfluß gebrochen ist. Es erscheint auch nicht ausgeschlossen, daß der Prozeß des Absteigens dieser Partei sich aus sich selbst heraus verstärkt, wie es zweifellos beim Aufsteigen in außergewöhnlichem Maße gewesen ist. Und trotzdem haben wir deutschen Juden nicht den geringsten Anlaß uns irgendwelchen optimistischen Erwartungen hinzugeben. Die Tatsachen der deutschen Politik haben sich in den letzten Jahren zu sehr geändert, als daß die Annahme möglich wäre, es gäbe eine Rückkehr zum Vorher. Noch ist zwar alles in der Schwebe. Erst die Konsolidierung der Verhältnisse wird eine richtige Bestandsaufnahme und eine genaue Erkenntnis der Situation ermöglichen. Ob die neubestellte Regierung unter der Führung des Generals von Schleicher diese Konsolidierung herbeiführen kann, steht dahin — wenn dies aber der Fall sein sollte, so wird es sicherlich auch eine Konsolidierung der nationalsozialistischen Partei bedeuten. Denn wenn seit dem Sturze Brünings eine Richtung der deutschen Regierung innerpolitisch zu beachten war, dann war es die Einbeziehung der Nationalsozialisten in die Verantwortung. Diese Aufgabe nicht gelöst zu haben, hat, wie es scheint Hindenburg dem Kanzler Brüning zur Last gelegt, an dieser Aufgabe ist Papen gescheitert; mittlerweile dürfte sie erheblich leichter geworden sein, weil die Gefolgschaft der Nationalsozialisten kleiner geworden ist, wohl aber auch, weil die zögernde Taktik Hitlers gegenüber den Entscheidungen immer versagt hat. Die Lösung der Aufgabe durch Schleicher kann aber nur darin bestehen, daß er einen Teil der Macht den Nationalsozialisten einräumt, wie denn auch von Erwägungen geschrieben oder gesprochen wird, daß Hitler zum preussischen Ministerpräsidenten gewählt werden und als Vizekanzler in die Regierung Schleicher eintreten sollte. Gelingt es auch Schleicher zunächst nicht zu einem mehr oder weniger festen Abkommen mit den Nationalsozialisten zu.kommen, so ist nicht ersichtlich, wie verfassungsmäßig in Deutschland weiter regiert werden kann; eine nochmalige Auflösung des Reichstages muß zwar ernsthaft in Betracht gezogen werden, aber damit wäre wiederum alles in der Schwebe. Es mag wahrscheinlich sein, daß eine Neuwahl die heutige Sperrmajorität von Nationalsozialisten und Kommunisten zum Verschwinden und damit die deutsche Innenpolitik in neue Bahnen brächte — eine Beteiligung der Nationalsozialisten an der Regierung wäre auch nachher wahrscheinlich, und schon deshalb keine Erleichterung der Situation für die deutschen Juden zu konstatieren. Man braucht sich nur die Tatsache zu vergegenwärtigen, daß der jetzt zusammengetretene deutsche Reichstag kein jüdisches Mitglied aufweist, um zu ermessen, welche Veränderung in der Position der deutschen Juden der Umstand herbeigeführt hat, daß nunmehr nahezu 15 Jahre die Judenfrage zu einem Kernpunkt des politischen Streites geworden ist, und die Juden selbst in die traurige Rolle des Sündenbockes der deutschen Geschichte gedrängt sind. Was die Juden in dieser Zeit tun können, tun müssen, haben unlängst die Schlußsätze aus Kollenschers Broschüre „Aktive und passive Judenpolitik“ dargetan, - auf die bei dieser Gelegenheit noch einmal nachdrücklich hingewiesen sei; — allerdings wäre es auch unumgänglich, daß die deutschen Juden eine Revision vornehmen, wie sie jetzt