Das jüdische Echo
- Journal
- Das jüdische Echo
- Volume
- 19 (1932)
- Issue
- 50 (9.12.1932)
- Date
- 1932-12-09
- Page
- [Seite] (sequence 1)
- Language
- German
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Das Jüdische Echo Blutige Vorfälle in Polen — Eine neue Regierung — C.-V. und Gemeinde — Aus der jüdischen Welt — Personalia — Gemeinden- und Vereins-Echo — Spenden-Ausweis Anzeigen: Dl* viergespaltene Millimeter-Zelle 30 Rpf. / Famillen- Anzeigen Ermäßigung / Anzeigen- «chen Echo*. München. Plinganserstraße 64 / Telephon 73664/65 Postscheck - Konto: München 3987 Erscheinungszeit: Jeden Freitag. Bezug: Durch die Postanstalten oder den Verlag. — Bezugspreis* Jährlich: RM. 8.—. halbjährlich: RM. 4.-. vierteljährlich: RM. 2.-. Einzelnummer 20 Rpf. I Verlag, Aaslleferung des ..Jüdischen Echos“: München. Pllnganserstraße Nr. 64. Kr. 50 München, 9. Dezember 1932 19. Jahrgang Blutige Vorfälle In Polen Seit Beginn letzter Woche sind Lemberg und mehrere andere Städte Polens der Schauplatz wüster antisemitischer Ausschreitungen, bei denen schon über hundert Juden verletzt und zahlreiche jüdische Läden geplündert wurden. Der gesamten Bevölkerung hat sich eine außerordentliche Erregung bemächtigt, und wenn auch die Regierungsbehörden die Unruhen zu unterdrücken versuchen, so scheinen sie doch gegen die Exzedenten bisher machtlos zu sein. Das tragische Los der Juden wird durch die Tatsache beleuchtet, daß das Signal für die Unruhen keineswegs durch einen politischen Streit gegeben wurde, sondern durch einen bedauerlichen Zwischenfall in einem dunklen Viertel Lembergs, bei dem ein christlicher Student erstochen wurde. Nach den einwandfreien Darstellungen, die *auch von dem Rektorat der Lemberger Universität offiziell bestätigt wurden, handelte es sich um eine Rauferei zwischen betrunkenen Studenten und ebenfalls betrunkenen jüdischen Handwerkern, die freilich durch antisemitische Provokationen der Studenten begann. Ist es doch in Polen in der letzten Zeit allgemein üblich geworden, daß nationaldemokratische Studenten Juden auf der Straße anpöbeln. Die Unruhen, die sich aus dem Lemberger Zwischenfall entwickelt haben, zeigen, daß die Verhältnisse in Polen infolge der Verelendung der agrarischen und klein bürgerlichen Massen überaus gespannt sind. Der Mob wartet offenbar nur auf Gelegenheit zum Losschlagen. Es wird auch gemeldet, daß die Kommunisten sich die Situation zunutze machen und durch Verbreitung von Flugblättern die in Erregung geratene Masse für eine kommunistische Aktion gewinnen wollen. Obwohl man derartige Meldungen mit Vorsicht aufnehmen muß, ist doch die Lage gegenwärtig gar nicht zu übersehen, zumal aus Lemberg, dem Hauptherd der Unruhen, eine strenge Nachrichtensperre eingeführt wurde. Nach den vorliegenden Berichten haben sich die Ereignisse folgendermaßen abgespielt: Drei übel beleumundete jüdische Handwerker, ein Bäckergehilfe Moses Katz, ein Zeitungsausträger Schalom Keller und ein gewisser Nachum Schmer, gingen in der Lemberger Schenacha-Gasse mit einer Dirne aus einem Cafe, als ihnen sechs nationaldemokratische Studenten der Verbindung „Venetia“, die ebenfalls von einem Vergnügungslokal in ein anderes gingen, entgegentraten und sie beschimpften. Dabei wurde der übliche Ruf ausgestoßen „Juden und Hunde dürfen den Bürgersteig nicht benutzen“. Im Verlaufe der entstandenen Rauferei zog Katz, während das Weib gellende Schreie ausstieß, ein Messer und stach um sich, wodurch zwei der Studenten verletzt und der Student Grotkowski getötet wurde. Eine richtige Szene aus der „Unterwelt“ einer Großstadt. Sofort nach dem Vorfall setzte in den Straßen Lembergs eine gefährliche Judenhetze ein. Agitatoren versuchten, den Straßenmob zu einem Pogrom auf Juden aufzustacheln. In den von Juden bewohnten Straßen wurden zahlreiche jüdische Passanten zu Boden geschlagen und zum Teil erheblich verletzt. Am Montag, dem 28. November, wiederholten sich uie judenfeindlichen Ausschreitungen in verstärktem Maße. Studenten, vom Straßenmob unterstützt, griffen zahlreiche Juden in den Straßen an und schlugen sie nieder. Am Abend wurden die hölzernen Gebäude auf dem großen jüdischen Sportplatz der „Hasmonäa“ angezündet. An der Universität und an sämtlichen Hochschulen wurden die Vorlesungen unterbrochen. Bereits am Montag lagen in den Lemberger Krankenhäusern 46 bei den Straßenkämpfen verletzte Juden. Die Aufrufe der Behörden und des Rektorats, in denen festgestellt wurde, daß es sich bei der Ermordung Grotkowskis nicht um eine politische Tat, sondern um einen Zusammenstoß zwischen bummelnden und betrunkenen Studenten und ebenfalls betrunkenen Angehörigen der Unterwelt gehandelt hat, hatten nicht gefruchtet. Die Polizei versuchte überall die Ordnung herzustellen, allein als die Demonstranten Verstärkung erhielten und sich zu großen Zügen vereinigten, war die Polizei gegen sie machtlos. Am Dienstag Morgen schien es, daß die Polizei, die in voller Stärke eingesetzt wurde, den Ereignissen gewachsen sei. An diesem Tage fand die Bestattung Grotkowskis statt. Nach Beendigung der Bestattungsfeier setzten die Unruhen erneut ein. Die vom Friedhof zurückflutenden Studenten und der Straßenmob zogen im Laufschritt in die von Juden bewohnten Straßen, wo alsbald eine gefährliche Panik entstand. Die Zahl der Verletzten übersteigt bereits die Ziffer 100. Zu besonders schweren Zusammenstößen kam es in der Kopernikus-Gasse, wo mehrere jüdische Organisationen ihre Büros haben. Während des größten Tumults fielen von irgendwoher Schüsse, durch die der antisemitische Student Zamorski schwer verletzt wurde. Die Polizei nimmt an, daß Kommunisten die Schüsse abgegeben hätten. Aus Wilna eingetroffene Nachrichten besagen, daß es an der dortigen Universität zu schweren