Das jüdische Echo
- Journal
- Das jüdische Echo
- Volume
- 19 (1932)
- Issue
- 48 (25.11.1932)
- Date
- 1932-11-25
- Page
- Seite 382 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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382 Das Jüdische Echo Nr 48 höheren Beamtenposten in Preußen, der gesetzliche, nahezu vollständige Ausschluß jüdischer Kräfte aus dem Theaterbetrieb in einigen Ländern, das ist sicher nur der Anfang einer unabsehbaren Entwicklung. Wir müssen darauf gefaßt sein, daß sie in Zukunft verstärkt und beschleunigt weitergehen wird, und daß die Kräfte, die ihr entgegenwirken, schwächer sein werden als jemals zuvor. Der Fall des neu ernannten Professors Cohn in Breslau, dessen Vorlesungen bisher mit Erfolg von den nationalsozialistischen Studenten verhindert worden sind, wird eine Probe aufs Exempel sein. Aber selbst wenn die Regierung in diesem Fall den Professor gegen den Willen der Studenten halten sollte, so ist damit noch nicht gesagt, daß auch in Zukunft die unablässigen und stürmischen Forderungen der in ihrer großen Mehrheit antisemitischen deutschen Studentenschaft unerfüllt bleiben werden. Und so wird man nicht mehr die Augen davor verschließen können, daß Parolen wie Entfernung der jüdischen Hochschullehrer und selbst numerus clausus auch in Deutschland mehr sind als Worte. Steht vor uns ein Bild der jüdischen Lage, das sich ebenso frei hält von leichtfertigem Optimismus wie von übertriebenem Pessimismus, so erhebt sich die Frage: Was sollen wir tun? Die erste Antwort darauf ist nicht gebunden an irgendwelche Parteiprogramme, sie ist die selbstverständliche Antwort des überwiegenden Teiles der deutschen Juden und sie lautet: Weiterkämpfen um Existenz und Recht für den einzelnen und für die jüdische Gemeinschaft. Aber man muß sich restlos und ohne Beschönigung darüber klar sein, daß dieser Kampf ein Rückzugs gefecht ist. Und tatsächlich sind sich die deutschen Juden, auch wenn offizielle Stellen es immer noch nicht eingestehen wollen, darüber im klaren. Wer wagt es jetzt noch, mit dem alten Pathos von der Gleichartigkeit oder auch nur dem Anspruch auf vollständige und alles umfassende Gleichberechtigung der Juden in Deutschland zu reden? Überraschend stillschweigend und ohne Aufregung hat man sich damit abgefunden, daß ein Teil der bedeutungsvollsten sog. „Errungenschaften“ allmählich abgebaut werden, daß z. B. die Tätigkeit von Juden an leitenden politischen Stellen wieder undenkbar ist oder daß der immer mit so großem Stolz betonte Einfluß der Juden im deutschen Kulturleben rapid zurückgedrängt wird, und man wird sich ebenso stillschweigend auch mit anderen Dingen abfinden. Und damit werden auch zwangsläufig diejenigen, die sich immer verzweifelt gegen die Erkenntnis der wahren Verhältnisse wehrten, darauf stoßen, daß sie, auch wenn man sie nicht haßt, als fremd empfunden werden, als Glieder einer Gemeinschaft, deren Denken. Fühlen und Tun anders sei als die Art der Deutschen. Es ist oft mit guten Gründen darauf hingewiesen worden, daß die deutschen Juden nicht als nationale Minderheit im gebräuchlichen Sinne bezeichnet werden können, weil ihnen wichtige Merkmale einer solchen, so die annähernd geschlossene Siedlung, die eigene Sprache und der lebendige Kulturbesitz, fehlen. Trotzdem bleibt eine grundsätzliche Gemeinschaft bestehen, die zwar für uns Zionisten nicht neu ist, die aber in diesem Angenblick mit größerer Aussicht auf allgemeines Verständnis ausgesprochen werden darf: Daß die Juden als fremd empfunden und auch behandelt werden, ist auf die Dauer nicht abzutun als Ausfluß böswilliger Verleumdungen. Das Schicksal, das d i e deutschen Juden erleiden, ist ihr notwendiges Schicksal als eines Teiles des jüdischen Volkes in der G a 1 u t h. — Die anderen nationalen Minderheiten kämpfen mit Ausdauer und Zuversicht für ihre Lebensrechte, weil sie wissen, daß es ein wirkliches Vaterland ihres Volkes gibt, und daß sie seine Art und Kultur als einen heiligen Besitz zu wahren haben. Woher nehmen die deutschen Juden solchen inneren Halt in ihrer Not und ihrem Kampf? Der Zionismus gibt die Antwort auf diese Frage schon seit langem. Sie heißt: Bewußtsein der eigenen Art und stolzes Gefühl für die Würde, die sie verleiht. Und sie heißt vor allem: Erkenntnis, daß das jüdische Volk lebt, und daß wir für sein Schicksal mit verantwortlich sind. Wenn wir heute die deutschen Juden mit verstärkter Eindringlichkeit auf Palästina hinweisen, so sind dazu keine kühnen und bestechenden Gedankengänge mehr notwendig. Palästina, so wie es heute schon ist, bildet selbst die lebendige Antwort auf die bangen Fragen nach Sinn und Zukunft, welche die deutschen Juden in ihrer heutigen Lage bedrängen. Jetzt endlich muß sich das deutsche Judentum mit Palästina verknüpfen, wenn es wissen will, wozu es noch lebt. Obwohl sich der C.V.! Ein Dokument Der Centralverein deutscher Staatsbürger jüdischen Glaubens will, wenn wir recht unterrichtet sind, die deutschen Juden ohne Unterschied der religiösen Richtung sammeln; er macht daher immer den Anspruch in religiösen und gemeindepolitischen Dingen neutral zu sein. Diese seine Neutralität betrachtet er als genügende Legitimation um gegenüber der nichtjüdischen Umwelt im Namen der Gesamtheit der deutschen Juden zu sprechen. In der Tat ist der C.-V. bei Gemeindewahlkämpfen bisher unseres Wissens nicht als C.-V. aufgetreten. Trotzdem hegt niemand, der auch nur einigermaßen mit den Verhältnissen vertraut ist, den geringsten Zweifel daran, daß der C.-V. seine Zionistenfeindschaft und Perhorreszierung der jüdisch-nationalen Idee auch direkt oder indirekt auf das religiöse und gemeindepolitische Gebiet überträgt, für das seine Satzungen unbedingte Neutralität versprechen. Das kann formell wenigstens korrekt geschehen, lindem die in Frage kommenden Persönlichkeiten sich in der jüdisch-liberalen oder auch einer anderen religiösen Partei betätigen oder mindestens dafür sorgen, daß weder Name noch Mittel des C.-V. nach außen hin in Erscheinung treten. Es kommt aber auch vor, daß nicht einmal diese eigentlich selbstverständliche Form eingehalten wird. Und dann kommen Dokumente zu Tage, die ganz einwandfrei beweisen, daß der C.-V. selbst alles andere als neutral ist, und auch sonst ein merkwürdiges Licht auf die im C.-V. herrschende Geisteshaltung werfen. Eine ganz besondere Leistung auf diesem Gebiete, die auch den Vergleich mit der unlängst von uns veröffentlichten Eingabe der Dortmunder Gemeindevorstände nicht zu scheuen braucht, hat die Ortsgruppe Würzburg des C.-V. aufzuweisen. Sie hat anläßlich einer bevorstehenden Rabbinerwahl in Burgpreppach das wörtlich folgende Flugblatt versandt: „Obwohl sich der C.-V. im allgemeinen in die Besetzung von Kultusstellen nicht einmischt, weil er in seinem Mitgliederbestand auf die israelitische Gemeinschaft in allen Schattierungen angewiesen ist, nehmen wir Veranlassung uns für die Kandi-