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Das jüdische Echo · 1932-11-11 · 46 (11.11.1932) · p. Seite 366

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Journal
Das jüdische Echo
Volume
19 (1932)
Issue
46 (11.11.1932)
Date
1932-11-11
Page
Seite 366 (sequence 2)
Language
German
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366 Das Jüdische Echo Nr. 46 zuweisen, die überall zu solcher Gemeinschaftsarbeit zum Zwecke besserer Hilfe bereit ist. In gleich hohem Maße gilt dies von der Arbeit in Gemeinschaft mit den anderen Organisationen der freien Wohlfahrtspflege. Hierzu gibt die allgemeine Winterhilfe, in der schon im vorigen Jahr alle unsere Stellen mit großer Hingabe tätig waren, besonderen Anlaß. Wir erneuern unsere Aufforderung zu solcher Mitarbeit in der Winterhilfe, indem wir auf die soeben erfolgte Versendung der ersten Nachrichten der Deutschen Liga für freie Wohlfahrtspflege (als Reichszentrale der Winterhilfe) und auf die Veröffentlichung der Aufrufe zur Winterhilfe besonders hinzuweisen. _ Die Mitarbeit in der allgemeinen Winterhilfe entbindet aber nirgend von der eigenen jüdischen Winterhilfsarbeit. Sicherlich ist heute alle Mittelbeschaffung durch das Andauern der Wirtschaftskrise erschwert; vielleicht können auch Sachspenden nicht mehr im gleichen Maße wie im vorigen Jahr gegeben werden. Aber Anblick und Eindruck so unendlich gesteigerter Not haben neue starke Willenskräfte zu opferbereiter Hilfe geweckt und die Überzeugung gefestigt, daß neue, wirksame Wege der Mittelbeschaffung gesucht und beschritten werden müssen. Wohl werden, wie bisher, überall die Gemeinden die starken Stützen aller Wohlfahrtsarbeit, aller pioduktiven sozial-politischen Maßnahmen sein müssen, die der Erhaltung der in ihrem Lebenskern bedrohten jüdischen Gemeinschaft in Deutschland gelten. Es bedarf aber daneben eines starken Zeugnisses der tätigen Solidarität aller dazu fähigen Mitglieder dieser Gemeinschaft, damit den so große Not Leidenden Wille, Vertrauen und Kraft zum Leben erhalten bleiben. Was nun? Unter dieser Überschrift nimmt die „Jüdische Rundschau“ zum Wahlausfall Stellung und führt unter anderem aus: Das wichtigste Ergebnis der letzten Reichstagswahlen vom jüdischen Standpunkt ist wohl die Tatsache, daß eine Alleinherrschaft der nationalsozialistischen Partei im Deutschen Reiche endgültig ausgeschlossen erscheint. Man muß sich erinnern, daß noch vor drei Monaten, bei den Wahlen vom 31. Juli, die Nationalsozialisten die Erreichung der Mehrheit als ein mögliches Ziel aufgestellt haben, wenn sie auch selbst vielleicht nicht daran glaubten. Da die Erlangung der Macht durch Gewalt ihnen versperrt war, mußten sie sich auf den Weg des parlamentarischen Kampfes begeben, und berauscht von den stetig steigenden Wahlziffern der letzten zwei Jahre, glaubten sie, unmittelbar vor ihrem Ziele zu stehen. Es kam der Umschwung vom 13. August, die Zurückweisung von Hitlers Anspruch, Reichskanzler zu werden, und am 6. November haben die Nationalsozialisten zum ersten Male seit 2 Jahren einen Rückgang zu verzeichnen. Die Bedeutung dieser Tatsache liegt weniger auf par- 'lamentstechnischem Gebiet als auf psychologischem. Die Hoffnung, durch Wahlen die Mehrheit im Parlament und damit die verfassungsmäßige Voraussetzung für die angestrebte Alleinherrschaft der Partei zu erlangen, ist geschwunden. An eine putschistische Machtergreifung ist aber im Augenblick wohl weniger zu denken als je. Damit ist eine neue Konstellation entstanden, mit der die Nazis werden rechnen müssen, auch wenn sie heute noch die alte Parole der unbedingten Machterobcning ausgeben. Im übrigen sind die Wahlen ungefähr so ausgefallen, wie man es fast allgemein vermutet hatte. Manche erwarteten einen stärkeren Erfolg der Kommunisten und der Deutschnationalen. Die Sozialdemokraten und das Zentrum stehen — mit kleinen Verlusten — unerschüttert. Das offen proklamierte Hauptziel der Regierung Papern eine als Regierungsbasis in Betracht kommende Koalition zwischen Nazis und Zentrum unmöglich zu machen, wurde nur unvollkomriien erreicht, da diese beiden Parteien auch im neuen Reichstag durch Heranziehung der kleinen Splitterparteien die Möglichkeit einer Mehrheitsbildung haben, ohne auf die Deutschnationalen angewiesen zu sein. Zweifellos wird aber in den nächsten Tagen neuerlich der Versuch gemacht werden, die Nationalsozialisten zur l'eilnahme an einer sog. Präsidialregierung zu veranlassen, wobei sie den am 13. August abgewiesenen Anspruch auf die Führung im Kabinett zurückstellen müßten. Die ganze letzte Periode der deutschen Politik stand im Zeichen des scharfen Kampfes der Nah )- nalsozialisten gegen die Regierung Papen, die ihrerseits zwar oft zu Gegenhieben gezwungen war, aber nie den Weg zur Wiederanknüpfung der Beziehungen völlig versperrte. Die Frage, ob auch nach dem 6. November dieser Kampf weitergehen wird, ob Hitler durch Verbindung mit parlamentarischen Bundesgenossen eine Gegen, egierung zu schaffen versuchen wird, oder aberob der von der „D. A. Z.“ herbeigewünschte „große nationale Block“ zur Unterstützung einer umgebildeten Präsidialregierung zustande kommen wird, läßt sich heute noch nicht vorhersehen. Hitler weist in seinem Manifest jeden Gedanken an Verhandlungen und Kompromiß scharf zurück und hofft auf eine günstigere Stunde durch die sich verschärfende Not der Massen und Bolschewistenfurcht. Ob dieses erste Wort auch das letzte Wort ist? Man kann annehmen, daß der Einfluß der Nationalsozialisten und die Rücksicht auf sie in Zukunft eher größer werden wird als geringer. Denn gerade bei der gegenwärtigen Parteien-Konstellation werden auch die Deutschnationalen wieder nachdrücklich bestrebt sein, erkennen zu lassen, daß sie an nationalem Elan und völkischem Empfinden hinter den Nazis nicht zurückstehen. „Nationaler“ Geist bedeutet aber im heutigen Deutschland leider auch den Kult des antisemitischen Dogmas und die Fortsetzung einer aktiven judenfeindlichen Politik. Der Stimmenverlust der Nazis ist jedenfalls auf ganz andere Gründe zurückzuführen, als auf eine Ablehnung des Antisemitismus seitens der Wähler. Das deutsche Judentum muß der Tatsache ins Auge sehen, daß, wie immer sich die künftigen Regierungsverhältnisse gestalten werden, die völkische, judenfeindliche Strömung im deutschen Volke maßgebend bleiben wird. Wenn wir auch hoffen, daß der kommende Winter ohne Wirren vorbeigeht, und wenn wir auch überzeugt sind, daß eine offizielle Antastung der gesetzlichen Gleichberechtigung der deutschen Juden in einem europäischen Kulturstaat unmöglich ist, werden wir doch mit fortgesetzten Zurücksetzungen, mit Ehrenkränkungen und Einengung unserer Existenzgrundlage rechnen müssen. Demgegenüber hat das deutsche Judentum die Pflicht, sich in besonders hohem Maße auf sich selbst zu besinnen und für sich selbst einzutreten. Ein stolzes aufrechtes Bekenntnis zum Judentum wird immer auch in Deutschland die beste jüdische Politik sein. Nur durch entschlossene Selbsthilfe

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