Das jüdische Echo
- Journal
- Das jüdische Echo
- Volume
- 19 (1932)
- Issue
- 46 (11.11.1932)
- Date
- 1932-11-11
- Page
- [Seite] (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
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Das Jüdische Echo Erscheinunmelt: Jeden Freitat. Bezug: Durch die Postanstalten oder den Verlag. — Bezugspreis- Jährlich: RM. 8.—. halbjährlich: RM. 4.—. vierteljährlich: RM. 3.—. Einzelnummer 20Rnf. / Verlag, Abslieferung des „Jüdischen Echos“: München, Plinganserstraße Nr. 64. I N H L T : Verstärkte Selbsthilfe! — Was nun? - Aus der jüdischen Welt — Gemeinden- und Vereins- Echo Spenden-Ausweis Nr. 46 Anzeigen: Di* viergespaltene Millimeter-Zeile 20 Rpf. I Familien- Anzelgen Ermäßigung / A n z e 1 ge n- Annahme: Verlag des J I d I sehen Echos. München. Plinganserstraße 64 / Telephon 73664/65 Postscheck - Konto: München 2087 München, 11. November 1932 19. Jahrgang Verstärkte Selbsthilfe! Kampf gegen die Erwerbslosigkeit! Das Ergebnis der Reichstagswalilen ist nicht derart, daß man erwarten könnte, von der politischen Seite her würden starke Impulse zur Belebung der Wirtschaft, zur Bekämpfung der Arbeitslosigkeit und zur Verringerung der Not kommen. Ungeachtet der großen Bedeutung aller politischen Probleme sind es aber in erster Linie die Fragen der nackten Existenz, die heute einen erschreckend großen Teil der Bevölkerung aufs Tiefste bewegen und beunruhigen. Man steht vor einem Notwinter, der — man darf sich keinen Illusionen hingeben — an Schwere die vorangegangenen wahrscheinlich übertreffen wird. Die Fragen des Obdachs, der Heizung, der Nahrung und Kleidung berühren unmittelbarer als die Befürchtungen hinsichtlich politischer Experimente und der Verschlechterung der Verfassungsg?setze. Durch die Struktur der jüdischen Gemeinschaft einerseits und durch den antisemitischen Boykott, den weite Kreise der Bevölkerung stillschweigend betätigen, andererseits, ist die Lage der Juden in Deutschland noch schwieriger als die der Umwelt. Neben der Arbeitslosigkeit jüdischer Arbeitnehmer lastet mit besonderer Schwere die Erwerbslosigkeit zahlreicher einst selbständiger Existenzen auf den Juden in Deutschland. Diese Erscheinungen legen den Organen der jüdischen Gemeinschaft spezielle Verpflichtungen auf. Es ist erfreulich, daß in dieser Hinsicht Einmütigkeit unter allen Richtungen des deutschen Judentums besteht. Es gibt eine wirtschaftliche Judenfrage in Deutschland, deren Behandlung in erster Linie und in dem Hauptmaße Pflicht der Juden allein ist. Aus dieser Erkenntnis heraus haben die zentralen jüdischen Körperschaften eine Aktion beschlossen, die unter dem Schlagworte: „Unser Recht auf Arbeit“ im Monat November propagiert werden soll. Diese Aktion ist ein Zeichen des erwachten Willens der deutschen Juden zur Selbsthilfe. Damit diese aber rationell durchgeführt werde und den größten Effekt ergebe, muß sie nach einheitlichen Gesichtspunkten organisiert sein. In erster Linie handelt es sich um die Forderung des jüdischen Arbeitsnachweiswesens. Die Zentralwohlfahrtsstelle der deutschen Juden, die auf dem Gebiete all dieser Fragen eine große Sachkenntnis besitzt, hat in den letzten Tagen gemeinsam mit anderen Instanzen das Gesamtproblem der Winterhilfe, der Aktion gegen Arbeits- und Erwerbslosigkeit durchberaten. Es liegt an der jüdischen Öffentlichkeit, diese Bestrebungen zu fördern. Voll sind die Vorschläge dieser zentralen Organisationen zu akzeptieren. Diese Vorschläge lauten zusammengefaßt: Stärkste Planmäßigkeit in der Arbeit ist die erste Forderung. Wir glauben, daß klar und, wenn es nottut, rücksichtslos unterschieden werden muß zwischen den guten, voll ausgenutzten Einrichtungen und Arbeitsformen, die aufrechterhalten werden müssen, und solchen, die durch unwirtschaftliche Führung und Leerlauf den Bedürfnissen der gegenwärtigen Notzeit nicht mehr entsprechen. Das Zweite ist, alle Kräfte dort einzusetzen, wo die gegenwärtige Notzeit neue, unumgänglich notwendige Aufgaben stellt. Hier steht die Sorge midie erwerbslose Jugend, Jungen und Mädchen, im Vordergründe, und es muß beachtet werden, daß das Arbeitslosenproblem nicht nur ein wirtschaftliches, sondern ebenso ein seelisches ist. Noch immer sind alle Einrichtungen für diese Jugend bei weitem nicht ausreichend. Wir nennen nur: Jugendheime, Kurse aller Art und die großen, durch den freiwilligen Arbeitsdienst gebotenen Möglichkeiten. Auf den weiteren Gebieten produktiver Arbeit weisen wir hier lediglich auf die überall aufgenommenen Bemühungen um die Schaffung von Bezirksdarlehenskassen hin, denen eine außerordentliche Bedeutung zukommt. Der von uns stets vertretene Grundsatz, daß es bei der Durchführung der jüdischen Wohlfahrtspflege keinen Unterschied gibt zwischen in Deutschland lebenden jüdischen Inländern und Ausländern, hat, wie wir feststellen können, überall Anerkennung gefunden. Sodann immer wieder: Zusammenwirken von Gemeinden und Vereinen, von ehrenamtlichen und beruflichen Kräften! Nun, da die Not so groß ist, ist jede Nebeneinanderarbeit, jedes Unterlassen frühzeitiger Verständigung und dauernder /Zusammenarbeit nicht mehr nur Luxus, den wir uns nicht gestatten können, sondern Handeln gegen den besten Geist unserer Arbeit. Wir sehen dankbar, daß die Zusammenarbeit auch dort, wo sie nicht schon ’.nmer gut war, in den letzten Jahren enger und stärker geworden ist. Aber jeder, der in der Arbeit steht, weiß, wieviel hier noch zu tun ist und wieviel mit dem Einsatz besten Willens noch erreicht werden kann. Eine große Sorge ist uns die Stärkung aller Arbeiten unserer Landes- und Provinzialverbände für die so schwer bedrängten mittleren und kleinen Gemeinden. Solcher Geist der Zusammenarbeit vermag sich nicht nur innerhalb der jüdischen Arbeit, sondern auch darüber hinaus auszuwirken. Kaum brauchen wir auf die gesteigerte Bedeutung des Zusammenwirkens mit der öffentlichen Wohlfahrtspflege hin-