Das jüdische Echo
- Journal
- Das jüdische Echo
- Volume
- 19 (1932)
- Issue
- 44 (28.10.1932)
- Date
- 1932-10-28
- Page
- Seite 350 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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350 Das Jüdische Echo Nr. 44 mul Verachtung gegenüber den Juden genügend Beweise gegeben haben. Man wird auf jüdischer Seite gut daran tun, sich über die wahre Lage, in der inan sich in Deutschland befindet, keinen Illusionen hinzugeben. Die Entwicklung hat dazu geführt, daß die Juden aus dem politischen Leben fast vollständig eliminiert wurden. Der Verdrängungsprozeß in Gesellschaft und Wirtschaft schreitet gleicherweise rapid vorwärts. Einige Jahre hindurch gab man sich auf jüdischer Seite der Täuschung hin, man sei im Staate ein Rechtssubjekt und habe Veranlassung, sich mit einzelnen Parteien oder Regierungen zu identifizieren. Diese Täuschung ist jetzt entlarvt. Die Juden sind in abgewandelter Form trotz der formalen Gleichberechtigung in Deutschland heute wieder das, was sie Jahrhunderte lang gewesen sind, nämlich nur S c h u t z j u d e n. Das Wesen des Schutzjudentums hat es an sich, daß man von den Trägern der Macht um der Reputation willen geschützt, von den Parteien aber, die zur Macht drängen, und auch von solchen, die die Grundlage der Machtinhaber darstellen, angegriffen wird. Der Judenschutz wird nicht aus selbstverständlichem Gefühl für Recht und Billigkeit gewährt, und ein besonderes Vertrauensverhältnis zwischen Schützern und Geschützten ist keineswegs am Platze. Hat nun schon die fatale Entwicklung es so weit gebracht, daß die Juden einen Rückfall in mittelalterliche Zustände erlebt haben, so ist damit keineswegs die Notwendigkeit verbunden, daß man auch das letzte, was man sich im Laufe der letzten Jahrhunderte im Verhältnis zur Umwelt erworben hat. nämlich die Empfindung für Würde, opfert. Und es wäre eine Würdelosigkeit schlimmster Art. wollten die Juden in Deutschland anläßlich der kommenden Reichstagswahl von dem Grundsatz abgehen, daß keine einzige jüdische S t i m m e einer antisemitischen Partei zugute ko m m e n d a r f. Daß die jüdische Gemeinschaft aus dem politischen Leben Deutschlands in der Gegenwart eliminiert ist, ist eine Erkenntnis, die von den Juden aller Richtungen, bewußt oder unbewußt, geteilt wird. Auch die Vertreter der assimilatorisch-jüdischen Einstellung können nicht umhin, diese Gegebenheit festzustellen. Der Central-Verein spricht von der politischen Heimatlosigkeit der Juden in Deutschland. In seinen, letzten Enunziationen wTird lang und breit darüber gesprochen, daß die jüdischen Wähler in Deutschland von ihm Rat verlangen, wie sie sich bei den kommenden Wahlen zu benehmen haben. Und alle Ratschläge, die der Central-Verein durch den Mund seiner Führer gibt, beweisen, daß in seinen Reihen völlige Ratlosigkeit herrscht. Gegenüber dieser Ratlosigkeit kann von bewußten Juden nur folgendes erklärt werden. Wiewohl Wahlen im allgemeinen und die bevorstehende Wahl im besonderen keineswegs letzte Entscheidung bedeuten, so soll man doch hierbei unbedingt den Grundsatz beachten: Wenn schon alles verloren ist, dann muß m an sich b e m ü - heil, wenigstens die Ehre zu retten, und die jüdische Ehre verlangt, daß kein Jude freiwillig durch seine Stimmenabgabe Richtungen Beistand leistet, die in ihren Programmen und in ihrem Verhalten Beweise von Haß und Verachtung gegenüber der jüdischen Gemeinschaft gegeben haben. Ls. Ein Schandmal Während der deutschen Judenheit politisch und wirtschaftlich von außen her schwerste Gefahren drohen und die Juden als Staatsbürger schon so wreit zurückgedrängt sind, daß man nicht mehr weiß, ob sie es überhaupt noch sind, ereignen sich im innerjüdischen Lager Vorfälle, die erkennen lassen, daß cs noch immer eine gewisse Gruppe gibt, die glaubt, sich gegen das jüdische Schicksal durch Preisgabe anderer jüdischer Gruppen, durch Denunziation und ähnliche Machenschaften wehren zu können. Die Geschichte dieser jüdischen Gruppe, die leider in vielen jüdischen Gemeinden am Ruder ist, wird noch einmal geschrieben werden, eine Abrechnung mit ihr wird noch einmal gehalten werden müssen, wenn es wieder eine freie Auseinandersetzung gibt. Vorläufig bleibt nur die traurige Aufgabe zu erfüllen, ihr Verhalten in Zeiten größter jüdischer Not aufzuzeichnen und einige Denunziationen dieser innerjüdischen Schande der allgemeinen Verachtung preiszugeben. Es gibt manche Stufen und Formen, verschieden schwere Grade der gleichen Erscheinung. Prinzipiell ist es aber für die Beurteilung ohne Unterschied, ob etwa die Ortsgruppe einer großen jüdischen Organisation, wenn es sich um die Wahl eines neuen Beamten handelt, gegen einen Kandidaten Stimmung macht, weil dieser der jüdischen Volkspartei angehöre, also in deutschen Angelegenheiten nicht zuverlässig sei oder ob der Vorstand einer jüdischen Gemeinde den Mut besitzt, bei deutschen Behörden ähnliches vorzubringen, um eine Änderung des Gemeindestattits gegen Zionisten und Ostjuden durchzusetzen — die geistige Haltung bleibt die gleiche. Beide soeben angedeuteten Fälle haben sich wirklich ereignet. Über den einen wird noch zu berichten sein; mit dem anderen verhält es sich wie folgt. Der Vorstand der Jüdischen Gemeinde Dortmund versucht seit mehreren Jahren von dem Oberpräsidenten der Provinz Westfalen die Genehmigung zur Aufhebung der bisher bestehenden Gleichberechtigung der Ostjuden neben anderen Ungerechtigkeiten zu erwirken. Tn einer Eingabe an die Regierung sagt der Vorstand, nicht große Kreise der Gemeinde träten diesen Entrechteten entgegen, sondern nur eine kleine Gruppe, die völkisch eingestellt sei und ihr Deutschtum leugne, während der überwiegende Teil der Gemeinde sich mit dem Deutschtum treu verbunden fühle. Vor wenigen Wochen, kurz vor dem Neujahrsfeste, richtete der Vorstand eine erneute Eingabe an die Regierung, in der es heißt: die Zionisten verfolgten politische Ziele, ihre Interessen zielten nach Palästina; gelänge es der zionistischen bezw. ausländischen Gruppe, die Zügel der Gemeindeverwaltung zu ergreifen, so hätte die Gemeinde damit zu rechnen, daß erhebliche Geldbeträge zionistischen, d. li. ausländischen, besonders palästinensischen Zwecken zugeführt würden. Es sei ein Lebensinteresse der deutschen Gemeinde, ihre Verwaltung nicht übermäßig von ausländischen Mitgliedern, insbesondere von zionistischen (also ausländischen!) Kräften beeinflussen zu lassen. Die Eingabe appelliert wiederholt an das wohlverstandene Interesse der Staatsregierung, welche die deutschen Elemente gegen die Zionisten unterstützen müsse, die vorgäben, die Belange der zum erheblichsten Teil verarmten und derWohltätigkeit zur Last fallenden Ausländer zu ver-