Das jüdische Echo
- Journal
- Das jüdische Echo
- Volume
- 19 (1932)
- Issue
- 44 (28.10.1932)
- Date
- 1932-10-28
- Page
- [Seite] (sequence 1)
- Language
- German
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Das Jüdische Echo Erscheinungen: Jeden Freitag. Bezug : Durch die Postanstalten oder den Verlag —B r. z u g s d r e Is Jährlich: RM. 8.—. halbjährlich: KM. 4.—. vierteljährlich: RM. 2.—. Einzelnummer 2(iRpl / Verlag, Abslleferung des ,,Jüdischen Ecnos": München. Plinganserttraöe Nr. 64. I N H Ä L T : Ob man will oder nicht — Ein Schandmal — Aus der jüdischen Welt — Gemeindenu. Vereins- Echo — Geschäftliches — Spenden-Ausweis Anzeigen: Dl* viergespaltene Millimeter-Zelle 30 Rpf. / Famillen- Anzeigen Ermäßigung/Anzeigen- Annahme: Verlag des J I d 1schen Echos. München. Pllnganserstraße 64 / Telephon 73664/68 Postscheck - Konto: München 2987 Nr. 44 München, 28. Oktober 1932 19. Jahrgang Ob man will oder nicht Ob man will oder nicht, man muß sich mit den kommenden Reichstagswahlen beschäftigen. Die zur Entscheidung stehenden Probleme haben bei dem gegenwärtigen Stande der politischen Entwicklung in Deutschland direkt eigentlich nur sehr wenig mit Juden zu tun. Darüber kann auch die Tatsache nicht hinwegtäuschen, daß von den Nationalsozialisten nach altbewährtem Wahlrezept krampfhaft und mancherorts auch mit gewissem Erfolg der Versuch unternommen wird, die schwere Auseinandersetzung, die sich jetzt innerhalb des nationalen Lagers in Deutschland vollzieht, auf ein antisemitsches Geleise zu schieben. Die Regierung Papen, welche durch drakonische Notverordnungen und Androhung allerschwerster Strafen zum größten Teile den ins ungeheuerliche gewachsenen Exzessen ein Ende bereitet hat, wird von den Nationalsozialisten konsequent als eine „Judenschutz-Regierung“ und als „Juden-Regierung“ ausgegeben. Immer neue Erfindungen der Nationalsozialisten sollen diese These bestätigen. Angeblich sollen die sozialreaktionären Bestimmungen der letzten Notverordnungen auf Betreiben jüdischer Ratgeber erlassen worden sein. Prompt erfolgte von Regierungsseite! ein entschiedenes Dementi. Dann wurde wieder behauptet, daß Papen sich mit Vorliebe der Hilfe jüdischer Finanziers bei delikaten Wirtschaftsmissionen im Auslande bedient. Sofort erklärte die Regierung, daß an dieser Behauptung kein wahres Wort sei. Auffallend ist, daß die Regierung Papen gegen den Vorwurf einer Verfilzung mit Juden so empfindlich ist. Es wird ihr von nationalsozialistischer Seite jeden Tag ein langes Register von aller schwersten Vorwürfen gemacht. Nur selten entschließt sie sich, auf Grund der ihr mit Hilfe der erlassenen Notverordnungen zur Verfügung stehenden Vollmachten, ihren Dementierapparat in Bewegung zu setzen. Nur, wenn man sie des Verbrechens zeiht, daß sie nicht gewillt ist, die Juden bedenkenlos den Nationalsozialisten zum Opfer hinzuwerfen, kriegt sie einen roten Kopf, ist schwer gekränkt und läßt ihre offiziellen Pressestellen in Aktion Treten. Es muß nicht erst hervorgehoben werden, daß die Juden in Deutschland in keiner Weise die Empfindung haben, das neue Regime hätte für die spezielle Situation der Juden ein besonderes Verständnis. Natürlich hat die neue Regierung durch die strenge Handhabung der von ihr erlassenen Notverordnungen im allgemeinen den anarchischen Zuständen in Deutschland ein Ende gesetzt und auf diese Weise auch eine Wiederholung der in den Monaten Juli und August in weiten Teilen Deutschlands zur täglichen Übung gediehenen Pogromaktion der Nationalsozialisten unmöglich gemacht. Die Regierung hat beim Erlaß ihrer Verordnungen sicherlich nicht in erster Linie an die bedrohten und gefährdeten Juden gedacht, sondern vielmehr an den Eindruck, den die in Deutschland überhandnehmenden Ausschreitungen auf das Ausland gemacht haben. Aus dieser Sachlage heraus jedoch den Schluß ziehen zu wollen, daß sich die neue Regierung mit besonderer Herzenswärme den Schutz der Juden als eine ihrer Hauptsorgen angelegen sein lasse, wäre eine fatale Verkennung der wahren Situation. Trotzdem sind sehr viele Juden geneigt, der neuen Regierung ein gewisses Maß von Vertrauen entgegenzubringen. Dies ist, wenn man die Wochen in den Monaten Juli und August in der Erinnerung noch einmal durchlebt, in gewissem Maße begreiflich. Unbegreiflich aber jedoch ist es, wenn sich, was leider nicht geleugnet werden kann, bei manchen Juden diese Empfindung des Vertrauens auch auf Parteien und Organisationen zu erstrecken beginnt, welche aus ganz anderen Gründen ihre Unterstützung der Regierung Papen zu leihen für notwendig erachten. Nicht immer kann der Grundsatz „die Freunde meiner Freunde sind auch meine Freunde“ Geltung haben, denn erstens wäre es übertrieben, wenn Juden in der Regierung Papen ohne weiteres einen „Freund“ erblicken wollten und völlig verfehlt muß es anmuten, wenn sich bei irgendeinem Juden die Neigung zeigen wollte, in den Deutsclmationalen, Stahlhelm oder in anderen rechtsstehenden Organisationen, die die Regierung Papen unterstützen, Faktoren zu erblicken, denen man ein wenn auch beschränktes Vertrauen schenken dürfe. So weit sind die Dinge denn doch nicht gediehen. Man kann und darf als Jude nicht übersehen, daß die Deutschnationalen, der Stahlhelm und alle anderen Organisationen, wie sie auch heißen mögen, stramm antisemitisch sind und daß sie in keiner Weise auch nur die geringste Neigung verspüren, den Bedürfnissen und den Rechten der Juden auch ein kleines Maß von Verständnis entgegenzubringen. Die Tatsache, daß eine Regierung Papen gegenüber einer möglichen Regierung Hitler das kleinere Übel darstellt, darf nicht dazu verführen, jede Spur von Würde und Sei bstbewußtsein zu verwischen und sich zum Lakaien und Sklaven von Parteien und Organisationen zu machen, die von ihrer Gehässigkeit