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Das jüdische Echo · 1932-10-21 · 43 (21.10.1932) · p. Seite 345

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Das jüdische Echo
Volume
19 (1932)
Issue
43 (21.10.1932)
Date
1932-10-21
Page
Seite 345 (sequence 5)
Language
German
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Nr. 43 Das Jüdische Echo 345 Kuchen, Äpfel, Birnen, — hineintun. Das war der Proviant für sein Heer. Alle fünf Minuten drehte er sich um und rief: „Heilige Herde von Israel“ und wir antworteten: „Bä—ä, bä—ä, bä—ä.“ ln seiner Eigenschaft als Versorger der Swislowitzer Jungens mit Leckereien hatte Juda einen Nebenbuhler in dem Hausierer Eliakim Josches, einem auf tiefer sozialen Stufe stehenden Juden, der meistenteils außerhalb der Stadt in den Dörfern lebte. Einmal im Jahr, am Tage der Gesetzesfreude, genoß Eliakim Josches öffentliches Ansehen — der einzige Moment persönlicher Genugtuung für ihn, wenn jeder einräumen mußte, daß auch er im Laufe der Dinge eine Rolle spielte. Obgleich ausschließlich Juda — der Vorsteher und Hauptvorbeter der Synagoge — dieses Recht zustand, gelang es Eliakim, durch Versprechen einer reicheren Beute für seine Söldner, ein eigenes Heer zu bilden. Er führte seine Truppen ebenfalls zum Angriff auf die Speisekammern der Stadt. Zwischen den Feldmarschällen bestand eine jahrelange Feindschaft. Juda ärgerte sich über die Unverschämtheit Eliakims, dieses Ignoranten, und dieser wieder haßte die angestammte Arroganz Judas. Trafen die beiden Horden im Verlauf ihrer Raubziige auf der Straße zusammen, so flogen haßerfüllte Blicke von einem Lager zum andern, und oft brach die unverholene Wut der Truppen in offene Feindseligkeiten aus, bis Zuschauer dazwischentraten und wenigstens äußerlich den ,Frieden wiederherstellten. Die Abende waren noch vergnügter. Bei dieser einen Gelegenheit durften die Frauen aus den isolierten Galerien in die Männerschul heruntergehen, und das war für uns Jungens das Signal, daß alle alltäglichen Gesetze aufgehoben waren. Denn an diesem einzigen Tag im Jahr geschieht es, daß die Thora, die Gesetzeslehre, diese strenge Herrin, die während aller übrigen 300' und etlichen Tage eine so unnachgiebige Herrscherin ist, sich zu ihren Anhängern herabläßt und ihnen ihre freundlichere, zärtlichere Seite zeigt. 613 Gebote legt sie ihren Anhängern auf und die Übertretung jeder einzelnen Bestimmung ist eine große Sünde. Um jede Situation, jeden Schritt ihrer Anhänger hat die Thora einen Zaun errichtet, und keine einzige tägliche Handlung liegt außerhalb ihrer Kompetenz. Das trifft alles zu. Aber sie tut das zum Heil ihrer Anhänger, wie eine Mutter ihren Kindern zu deren eigenem Wohle Beschränkungen und Pflichten auferlegt. Und wie eine Mutter hat sie ihre Stunden der Weichheit und Zärtlichkeit und dann tanzen ihre Kinder, wild vor Freude, um sie herum. Am Vorabend des Freudenfestes genießt jeder Bürger, vom Raw angefangen bis herab zum niedrigen Wasserträger ein besonderes Recht: er darf sich dem Umzug um die Kanzel anschließen und — wenn die Reihe an ihn kommt — die große Pergamentrolle in ihren mit Glöckchen und Granaten verzierten Samtmänteln tragen. Die Knaben folgen lärmend der Prozession und schwingen ihre Fahnen, auf denen Löwen und Hasen gemall sind: ,,Sei flink wie ein Hase und stark wie ein Löwe, auf daß du die Befehle der Thora durchführen kannst“. Auch die Mädchen mischen sich unter die Jungens und tanzen und singen. In einem symbolischen Ritus sind sie eifriger als die Knaben: flink drücken sie Küsse auf die seidenen und samtenen Mäntel der Thorarollen, die an ihnen vorbeigetragen werden. Aber in den Knaben, in deren Instinkten schon der Vorgeschmack eines Mädchenkusses halbwach ist, haben ihren eigenen Kniff. Sie passen gut auf: und so bald ein paar Mädchenlippen den Mantel der Thorarolle berühren wollen, schiebt sich ganz flink eine Knabenhand zwischen Lippen und Samt, und statt der heiligen Rolle küßt das Mädchen die Hand eines unverschämten Jungen. Dann bricht die Synagoge in schallendes Gelächter aus und das Gesicht des kleinen Mädchens wird feuerrot vor Scham. Manchmal speit sie den Kuß aus und manchmal schluckt sie ihn in ihrer Verlegenheit hinunter. Dem Tag der Freude geht ein Abend der Freude voran, denn es tanzt der Bräutigam mit der Braut, das ausgewählte Volk mit der Gesetzeslehre. So steht es in den Büchern geschrieben: die Thora ist die Braut, und die Gemeinde von Israel ist der Bräutigam, und Gott selbst ist der Heiratsvermittler, der bald die Braut und bald den Bräutigam zum Altäre führt. Die Braut trägt eine Krone aus Silber und ein Kleid aus Samt und Seide und der Bräutigam legt seine Arme um sie und führt sie im Tanz zur Kanzel. Und der göttliche Heiratsvermittler lacht und wendet sich an die Anwesenden: „eine wundervoll passende Partie, nicht wahr? Zwillingsseelen, Geistesverwandtschaft Der Tag der Freude war nicht so vergnügt wie der Vorabend, denn das Tageslicht nahm den festlichen Handlungen die Intimität und Zartheit und beleuchtete zu grell unsere geheimsnisvollen seelischen Regungen. Die Nacht ist zart, der Tag ist brutal. Und obwohl die Zeremonien des vorigen Abends am Nachmittag des Festtages in allen Einzelheiten wiederholt wurden, war die Wirkung nicht die gleiche. Dieselben Umzüge um die Kanzel, dieselben Mädchen, die die Mäntel der Thorarollen oder die Finger frecher Jungens küßten, aber nicht dasselbe Tempo, nicht dieselbe Begeisterung. Von Stunde zu Stunde flaute die Stimmung ab und zwischen den Nachmittags- und Abendgebeten war die Lustigkeit schon gezwungen und gekünstelt. Zum Schluß kam die Schwermut der Juden zum Durchbruch; die Melodien gingen in Moll über und statt der fröhlichen Lieder des Vorabends schlichte alte, von unbestimmbarer Sehnsucht und ewiger Verlassenheit erfüllte Gesänge tönten durch die Synagoge und hallten von den Wänden wieder. * * * Gemeinden- und Vereins-Echo München. Am 9. November 1932 spricht in einem Abend der Münchener Zionistischen Ortsgruppe Hans Rosenkranz, Berlin, über Fragen der jüdischen Politik in Deutschland. Hans Rosenkranz, der aus dem Blau-Weiß kommt, ist eine der beachtenswertesten Erscheinungen des zionistischen Nachwuchses. Ihn zum ersten Male in München zu hören, dürfte die weitesten jüdischen Kreise, besonders aber die Jugend, interessieren, zumal wir ja gerade hier in München kaum Gelegenheit haben, einen auswärtigen jungen zionistischen Redner in unserm Kreise zu begrüßen. * Rosenkranz ist auch der Verfasser einer Aufsehen erregenden, bei Ullstein erschienenen Biographie über den Grafen Zeppelin. Er hat soeben ein Buch über Baruch Spinoza abgeschlossen. Zeit und Ort des Vortrages werden noch rechtzeitig im „Jüdischen Echo“ bekannt gegeben. Vortrag von Dr. Hans Kohn Im Rahmen der Veranstaltungen der Jesaia-Loge spricht Dr. Hans Kohn am Mittwoch, den 20. Oktober, im Saale des Kunstgewerbevereins (Pfandhausstraße) pünktlich abends /49' Uhr über seine diesjährige Reise nach Amerika: „Die amerikanischen Juden der Gegen war t.“ Der Redner, einer weiten deutschen Öffentlichkeit durch seine

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