Mannheim
Compact Memory

Das jüdische Echo · 1932-10-14 · 42 (14.10.1932) · p. Seite 334

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Das jüdische Echo
Volume
19 (1932)
Issue
42 (14.10.1932)
Date
1932-10-14
Page
Seite 334 (sequence 2)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
97% known words query
IRI
…/9072829-9103089-9181552--12527-9084597
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

334 Das Jüdische Echo Nr. 42 daß sich seit längerer Zeit kaum irgendwelche Änderungen in der nun schon fast typisch gewordenen Kräftekonstellation ergeben haben. Man hat darin einen Anlaß zur Genugtuung erblickt, da in einem politisch labilen Zustand das Fehlen von Störungen schon als Fortschritt aufgefaßt werden kann; immerhin wird man, wenn man auch in einem solchen vergleichsweise ruhigen Zeitabschnitt eine Aussprache der verschiedenen Partner gewünscht hätte, es doch begrüßen, daß sich zwischen dem High Commissioner und dem Chef des Politischen Departements der Jewish Agency ein enger Kontakt entwickelt hat, der in dieser Form seit 1928 nicht mehr vorhanden war. Das freundlichere Verhältnis der Regierung kam im Laufe der letzten Monate bei mehreren Gelegenheiten zum Ausdruck, bei denen der High Commissioner und hohe Regierungsbeamte anläßlich ihrer Teilnahme an jüdischen Veranstaltungen ihre Anerkennung und Sympathie mit den jüdischen Bestrebungen zum Ausdruck brachten. Eine der wichtigsten Veranstaltungen dieser Art war die Levante-Messe, die zwar fast durchwegs auf den Besuch palästinensicher Araber verzichten mußte, dafür aber auf ein sehr starkes Interesse der Geschäftswelt, eine Beschickung durch alle Regierungen der Länder des vorderen Orients und auf eine Teilnahme vieler bedeutender europäischer Länder verweisen konnte. Daß die politischen Grundprobleme des Landes nach wie vor einer Lösung harren, zeigt die neuere Entwicklung der Boden- und Fellachenfrage. Das Bodenproblem in Palästina, das im Grunde eine Frage der Anwendung geeigneter technischer Methoden zur Erschließung und Intensivierung nährstoffarmer Böden ist, ist durch die politische Situation auch zu einer politischen Frage ersten Ranges geworden. Man muß damit rechnen, daß dieses Problem der Bodenknappheit, das zuerst in roher und irreführender Form von der Shaw- Kommission aufgeworfen und dann geschickt von Simpson in den Vordergrund gestellt wurde, jetzt aller Voraussicht nach im French-Report von neuem und stärker aufgerollt werden wird. Es soll nicht verkannt werden, daß die Prüfung des Bodenproblems auch von jüdischer Seite heute weitgehende Sorgfalt und Erwägung verlangt. Palästina gehört zu den Ländern des vorderen Orients, in denen ein durch politische Auseinandersetzungen höchst kompliziertes Bodenproblem besteht; jedoch wäre es eine höchst primitive Vereinfachung, das Problem nur in den jüdischen Ansprüchen auf Boden für neue Einwanderer und Kolonisten zu sehen. Auch ohne die jüdische Einwanderung in Palästina ergibt sich bei dem enormen arabischen Bevölkerungszuwachs von etwa 25 000 Seelen pro Jahr die Frage, welchen Berufen dieser Zuwachs zugeführt werden soll, wenn angeblich heute schon im arabischen Dorf ein zunehmender Mangel an Boden verspürt wird. Zweifellos kann durch die Umwandlung der landwirtschaftlich intensiv geführten Betriebe, vor allem in der Bewässerungszone, Platz für zahlreiche neue Existenzen geschaffen werden. Solange aber die Regierung die Mittel für diese Betriebsformen nicht zur Verfügung stellt — und es sieht im Augenblick durchaus nicht nach einer baldigen Emission der Development-Anleihe aus — gibt es keinen idealeren Vorschlag als den der jüdischen Experten, nach dem die für die Intensivierung der arabischen Wirtschaft notwendigen Mittel als Kaufpreis für den freiwerdenden Boden gestellt werden sollen. Freilich ist damit noch keine endgültige Antwort auf die vielen Thesen der Sachverständigen über de endgültige Kapazität des Landes gegeben. Akzektiert man daher weder die Simpsonschen Berechnungen, die bekanntlich auf sehr problematischen Bodenaufnahmen vom Flugzeug aus beruhen, noch die Berechnungen jüdischer Sachverständiger, die zum Teil auf recht zuverlässigen Schätzungen und Vermessungen bewährter Bodenfachleute basieren, so gibt es nur einen Weg, um die wirkliche Ausdehnung des heute und morgen kultivierbaren Bodens in Palästina festzustellen: Nämlich in ganz Palästina mit größter Beschleunigung und ohne Rücksicht auf eventuelle Unkosten eine Bodenvermessung und -Bonitierung durchzuführen. Ob sich die. Regierung dazu entschließen wird, erscheint heute sehr zweifelhaft. Hat es doch Jahre gedauert, bis sie überhaupt die Notwendigkeit begriffen hat, eine Agrarpolitik einzuleiten, die den Bedürfnissen der überwiegenden Mehrheit der Bevölkerung Rechnung trägt. Wären die Steuernachlässe, die Ansätze zu Steuerreform und Reformen der Grundbesitzverteilung schon früher unternommen worden, so hätte das palästinensische Agrarproblem, das heute nicht nur das Wirtschaftsproblem, sondern fast auch das wuchtigste politische Problem des Landes überhaupt darstellt und die Beziehungen der Bevölkerung zur Regierung verschlechtert, nicht nur weniger ernste Formen angenommen, sondern könnte auch nicht in dieser Form gegen die jüdische Aufbauarbeit ausgespielt werden, wie es leider seit zwei Jahren von englischer und arabischer Seite geübt wird. Richard Lichtheim über die Disziplin-Frage Berlin, 5. Oktober. (JTA.) Richard Lichtheim, der revisionistische Führer, der im Zusammenhang mit Beschlüssen der Wiener Revisionisten-Konferenz seine Ämter als Mitglied der Exekutive der Revisionistischen Union und als Vorsitzender des Landesverbandes der Zionisten- Revisionisten in Deutschland niedergelegt hat, veröffentlicht in der „Jüdischen Rundschau“ eingehende Ausführungen über „Revisionismus und zionistische Disziplin“, in denen er eine scharf umrissene Darstellung der so viel umstrittenen Disziplin-Beschlüsse der Calais-Konferenz der revisionistischen Führer und der Wiener Weltkonferenz der Revisionisten gibt und die nachstehenden Schlußfolgerungen zieht: Es ergibt sich, daß die revisionistischen Schekelzahler sich zur Disziplin einerseits gegenüber der Zionistischen Organisation, andererseits gegenüber der Revisionistischen Union verpflichtet haben. Die beide vom Revisionismus anerkannten Disziplinbeschlüsse stehen unvermittelt nebeneinander, ohne Bezugnahme des einen auf den anderen, und ohne Anerkennung des „Primats“ der einen gegenüber der anderen Disziplin. Es ist völlig verfehlt, aus der Tatsache dieser „doppelten Disziplin“ den Schluß zu ziehen, daß der Revisionismus in einen unlösbaren Konflikt mit der Zionistischen Organisation geraten müsse. Jeder Zionist anerkennt die „mehrfache“ Disziplin durch seine Zugehörigkeit zu verschiedenen Verbänden und Vereinen. Der Misrachist muß sich den Beschlüssen des Misrachi und der Zionistischen Organisation fügen. Ob die beiden Disziplinen in Konflikt geraten, ist Sache der Praxis, nicht des Prinzips. Entscheidend für das künftige Verhältnis des Revisionismus zur Zionistischen Organisation wird

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.