Das jüdische Echo
- Journal
- Das jüdische Echo
- Volume
- 19 (1932)
- Issue
- 41 (7.10.1932)
- Date
- 1932-10-07
- Page
- Seite 328 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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328 Das Jüdische Echo Nr. 41 Israel auf seinen Platz zur Rechten der Heiligen Lade erschien. Das Volk fühlte sich sicherer und zuversichtlicher, wenn sein geliebter und verehrter Rabbi in seiner Mitte weilte. Dann hatten die Leute erst den rechten Mut, von Gott die Verzeihung der Sünden zu erflehen. Man wartete lange, aber vergebens. Eine Unruhe bemächtigte sich der Versammelten. Mittlerweile schritt die Zeit vor und der letzte Moment, in dem noch das Kol Nidre vorgetragen werden durfte, nahte heran. Noch ein Augenblick und die Zeit war vorüber. Da sagten die Ältesten zueinander: „Am Ende ist der große, heilige Rabbi auch nur ein Mensch und seinetwegen darf die ganze versammelte Gemeinde nicht der Verzweiflung ausgesetzt werden ...“ Als die Mutter des armen Säuglings früher als sonst nach Hanse kam, war sie natürlich starr vor Staunen, in der Stube Licht zu sehen und den Säugling unter der Obhut des Rabbi Israel Salant friedlich in der Wiege schlummern zu finden. Sie griff sich an den Kopf: „Meinetwegen habt Ihr Kol Nidre versäumt, oh weh, welch eine große Sünde hab ich auf mich geladen!“ „Seid nur ruhig!“ antwortete der Rabbi, „die Sünde ist mein, denn ich habe versäumt, das Volk wissen zu lassen, daß Mütter, die Säuglinge zu betrauen haben, zu Kol Nidre daheim zu bleiben verpflichtet sind. Das ist ihr schönster Gottesdienst.“ Das war das einzigemal in seinem Leben, daß Rabbi Israel Salant Kol Nidre versäumt hat. Aus der jüdischen Welt Was Hitler im August vorhatte Berlin, 3. Oktober. In der letzten Augustwoche wurde in der „Frankfurter Zeitung“ erwähnt, welch tolle Forderungen in den Tagen um den 13. August herum von der verantwortlichen Führung der Nationalsozialistischen Partei an die Reichsregierung gestellt worden sind. Es wurde davon gesprochen, daß die Nationalsozialisten der Regierung Ansichten und Absichten vorgetragen hätten, die als beispiellos zu bezeichnen sind. Es waren damit Dinge gemeint, über die nunmehr der „Stahlhelm“, das Organ des Bundes der Frontsoldaten, folgendes berichtet: Herr Hitler hat in den Verhandlungen, die Mitte August mit den Beauftragten des Reichspräsidenten stattgefunden haben, nicht nur den Reichskanzlerposten für sich verlangt, sondern darüber hinaus, sozusagen als Vorleistung, gefordert, daß ihm vor der Amtsübernahme drei Tage lang die Straße (unter Zurückziehung der staatlichen Machtmittel) für seine SA freigegeben werde. Die „Eroberung der Macht“, zu der er sich nicht fähig fühlte, sollte also wenigstens unter freundlicher Hilfsstellung des Reichspräsidenten markiert werden. Angesichts dieser Tatsache, die, wie wir ausdrücklich feststellen möchten, durch kein Dementi aus der Welt zu schaffen ist, nimmt sich der vom „Angriff“ für die Nationalsozialisten in Anspruch genommene Wahlspruch: „Deutschland muß leben, und wenn wir sterben müssen!“ einigermaßen seltsam aus. Uns scheint, es hätten einige andere sterben müssen, wenn Herr Hitler hätte Deutschland regieren dürfen.“ Die Forderung des nationalsozialistischen Parteiführers ging also auf nichts mehr und nichts weniger als auf eine „Bartholomäusnacht“ unter staatlicher Duldung. Der Wiener Synagogensturm Wien, 3. Oktober (J.T.A.). Die Pessimisten, die glaubten, daß die Nationalsozialisten ungeachtet der Versprechungen ihrer Führer die Gelegenheit nicht vorüber gehen lassen werden, am jüdischen Neujahrsfeste antisemitische Krawalle zu veranstalten, haben recht behalten. Die nationalsozialistischen Demonstrationen am Sonntag, den 2. Oktober, in den Wiener Straßen trugen einen ausgesprochen antisemitischen Charakter. Aus der Mitte der demonstrierenden Menge, die auf etwa 250 000 Personen, Männer und Frauen aller Altersstufen, unter ihnen zahlreiche Stadt- und Staatsbeamte in Beamtenuniform, geschätzt wurde, ertönten unablässig wilde Rufe wie „Juda verrecke!“, „Juden geht nach Palästina“ u. ä. m. Die nationalsozialistischen Führer aus dem Reiche wie Goering, Hauptmann Rohm, Dr. Frank II und Julius Streicher hielten Ansprachen, von denen besonders die von Frank und Streicher sich durch eine bodenlose Judenhetze auszeichneten. Tausende Polizisten flankierten die Straßen, durch die die Nazi-Massen zogen. Besonders wurden die Synagogen bewacht. Die jüdischen Andächtigen verließen die Synagogen und Bethäuser, in denen die Andacht schon früher beendet war, erst, als die öffentlichen Demonstrationen der Nazis zu Ende waren. Dennoch sollte es nicht ganz ohne Judenkrawalle abgehen. Von der Ringstraße, wo die Hauptumzüge stattfanden, zogen Nazitrupps in die Nebenstraßen und machten Jagd auf Juden, die gerade die Bethäuser verließen. Insbesondere hatten sie die provisorisch eingerichteten jüdischen Bethäuser im Auge. Vor einem Kaffeehaus in der Sperlgasse', im Judenviertel der Leopoldstadt, sammelte sich ein größerer Nazitrupp. Räume dieses Kaffeehauses waren für die hohen Feiertage als Bethaus eingerichtet worden. Nun behaupteten die Nazis, daß aus diesem Kaffeehaus auf die Demonstranten Revolverschüsse abgegeben und daß von den Etagen der benachbarten Häuser Stühle und andere Einrichtungsgegenstände auf sie geworfen wurden. Die Nazis drangen in das Kaffeehaus und in die Beträume ein und stürzten sich auf die Andächtigen. Da die Andachtsübung bereits vorüber war, befanden sich nur noch etwa 15 Andächtige in den Räumen, die sich den Eindringlingen entgegenstellten und tapfer ihrer Haut wehrten. Bei dem Handgemenge wurden fünf Juden und sechs Nationalsozialisten verletzt. Die verspätet eingetroffene Polizei verhaftete 42 Nationalsozialisten, die nach vorgenommenem Verhör zum größten Teil wieder entlassen wurden; bloß drei der Exzedenten wurden in Haft behalten und werden in das Landesgericht eingeliefert werden. Die Polizei steht den Behauptungen der Nazis, daß ihr Überfall nichts als ein Akt der Notwehr gewesen war, da aus dem Bethaus im Kaffee auf sie geschossen wurde, sehr skeptisch gegenüber, führt aber die Untersuchung auch nach dieser Richtung hin. Gegen die in Haft behaltenen Nazis wird Anklage wegen Hausfriedensbruchs, Religionsstörung und Sachbeschädigung erhoben werden. Bei der Schlägerei ging das gesamte Mobiliar des Cafes in Trümmer. Die Polizei, die bemüht ist, die Vorgänge als nicht sehr weittragend hinzustellen, ersuchte die Pressevertreter, die im Auslande über dieselben erschienenen übertriebenen Darstellungen einer Korrektur zu unterziehen.