Das jüdische Echo
- Journal
- Das jüdische Echo
- Volume
- 19 (1932)
- Issue
- 41 (7.10.1932)
- Date
- 1932-10-07
- Page
- Seite 326 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 97% known words query
- IRI
…/9072829-9103089-9181551--12518-9084588- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
326 Das Jüdische Echo Nr. 41 wirtschaftliche Erschließung des Landes, die nach dem Krieg auf allen Gebieten des wirtschaftlichen Lebens, sei es in der Wirtschaft, im Pflanzungsbau. in der Viehzucht, eingesetzt haben, haben reiche Früchte getragen. L)ie vielen oft teuer erworbenen Erfahrungen haben sich bezahlt gemacht; man kann ohne Übertreibung feststellen, daß die gesamte wirtschaftliche Arbeit, die in den letzten Jahren in Palästina unter der Verwertung der früher gemachten Erfahrungen erfolgt ist, an sich und ganz gewiß in Anbetracht der in den anderen Ländern herrschenden Verhältnisse, überraschend günstige Ergebnisse gezeitigt hat. Im Zusammenhänge muß ein Wort über die eigentümliche finanzielle Struktur der jüdischen Aufbauarbeit gesagt werden. Es ist in Berichten über die jüdische Aufbauarbeit in Palästina schon wiederholt von der Funktion der nationalen Fonds im Rahmen des Aufbauwerks gesprochen worden. Gewiß wird niemand töricht genug sein, die Bedeutung der Privatinitiative gerade heute, im Zeitpunkt ihrer außerordentlichen Expansion schmälern zu wollen, aber niemals war es klarer als jetzt, wie sehr die private Unternehmungslust vorbereitet, angeregt, ermuntert werden muß durch die Vorarbeit der nationalen Fonds. In keinem Lande des vorderen Orients sind wirtschaftliche Erschließungsarbeiten in Landwirtschaft und Industrie ohne intensive Unterstützung des Staates möglich gewesen. Wer würde eine Fabrik im Innern eines vorderasiatischen Landes errichten, wenn er keine geschulten Arbeitskräfte hat, wenn er keine Kommunikation mit den Märkten hat, wenn er nicht über die richtigen Märkte verfügt. Wer wird in einem völlig unentwickelten Lande, das zunächst keinen Bedarf an elektrischer Energie erwarten läßt, Kraftwerke anlegen, wer wird dort Kinder und Frauen hinbringen wollen, wo es keine Schulen, keine Gesundheitsfürsorge, keine gesicherten Siedlungsbezirke gibt. Diese ihrem Wesen nach staatlichen Aufgaben zu erfüllen kann nur Aufgabe eines öffentlichen Fonds sein, der seine Mittel für Zwecke des Allgemeinwohls einsetzen kann, für die der private Siedler nichts tun kann, obwohl ihm diese öffentlichen Leistungen unentbehrlich sind. Man mag im einzelnen die Ausführung mancher solcher Aufgaben kritisieren, man mag gegen Details der Verausgabung Einwände Vorbringen, aber heute schon, nach Verlauf von kaum zehn Jahren in der palästinensischen Siedlungsgeschichte, wird niemand zu behaupten wagen, daß die Fonds die ihnen gestellte Aufgabe nicht nach Kräften erfüllt haben. Mit dieser starken Investierungstätigkeit öffentlicher Fonds, die die fortlaufend aus dem Ausland einfließenden Mittel in Anlagen umwandelt, ist im übrigen ein besonderer Vorteil für die wirtschaftliche Situation des Landes verbunden, der sich in dieser Krisenzeit besonders günstig auswirken sollte. Palästina gehört zu den Ländern mit dem höchsten relativen Kapitalimport. Drs Land erhielt und erhält seine Kredite zum größten Teil als Dauerinvestierungen, ohne daß eine Rückwanderung der Kapitalien angestrebt wird. Ein Teil der Mittel wird sogar in der Form von zinsenlosen Krediten gegeben und selbst in den Fällen, in denen es sich um geschäftsmäßig gegebene Kredite handelt, sind die Kreditgeber am Verbleib der Mittel im Lande interessiert und haben bisher auch in ungünstigen Zeiten ihre Anlagen nicht oder nur im geringen Ausmaß zurückgezogen. Daher kann auch die Kapitalbildung in den letzten Jahren im Lande sehr gute Fortschritte verzeichnen. Gesamtvorstandssitzung der Zentralwohlfahrtsstelle der deutschen Juden und der Hauptstelle für jüdische Wanderfürsorge Berlin, 3. Oktober. (JTA.) Am Sonntag, dem 25. September, fanden in Berlin die Gesamtvorstandssitzungen der Zentralwohlfahrtsstelle der deutschen Juden und der Hauptstelle für jüdische Wanderfürsorge 'statt. Däe Verhandlungen unter dem Vorsitz von Dr. Baeck und unter dem Vorsitz von Rechtsanwalt Dr. Oskar Cohn, waren aus allen Teilen des Reiches zahlreich besucht. Den Gesam'tvorständen lagen ausführliche Tätigkeitsberichte beider Stellen vor, welche zunächst Gegenstand der Aussprache waren. Als wesentliche Ergebnisse konnte der Vorsitzende die folgenden Punkte hervorheben: Der Gesamtvorstand legt einmütig den größten Wert darauf, daß die Einrichtung der dringend notwendigen Heilstätte für tuberkulöse jüdische Männer nunmehr baldigst und entschieden gefördert wird. Die Erholungsfürsorge soll im Hinblick auf den Gesundheitszustand vor allem der Kinder und Jugendlichen unbedingt aufrecht erhalten werden. Die Lehrgänge für jüdisch-soziale Ausbildung und Fortbildung sollen eine Umgestaltung in der Richtung erfahren, daß sie auch in geeigneter Weise an mehreren Stellen im Reich veranstaltet werden. Die von dem Vorsitzenden des Wohlfahrtsamtes der Jüdischen Gemeinde zu Berlin abgegebene Erklärung, daß mit der baldigen Errichtung des Übergangsheimes für gefährdete jüdische Mädchen zu rechnen sei, wurde dankbar zur Kenntnis genommen. Der Gesamtvorstand erklärte sich ferner zur Mitarbeit an der und zur Werbung für die Zeitschrift „Jüdische Wohlfahrtspflege und Sozialpolitik“ bereit. Über die Fragen der Zusammenarbeit mit den großen interkonfessionellen Organisationen soll demnächst eingehend besonders berichtet werden. Neben diesen Einzelergebnissen wurde vor allem einmütig die Notwendigkeit der Weiterentwicklung des Arbeitsprogramms der Zentralwohlfahrtsstelle gemäß den gesteigerten und veränderten Bedürfnissen der Gegenwart ausgesprochen und anerkannt. Ferner bestand Einigkeit darin, daß als wichtigste Aufgabe für die nächste Zeit die arbeitsmäßige und finanzielle Verstärkung der Tätigkeit der Landes- und Provinzialverbände für jüdische Wohlfahrtspflege anzusehen sei; auf diese Arbeit sollen in den nächsten Monaten die Kräfte sowohl der Zentralwohlfahrtsstelle als auch der genannten Verbände besonders konzentriert werden. Bei den Organisationsfragen wurden, einem Anträge des Vorstandes der Jüdischen Gemeinde zu Berlin entsprechend dieser Gemeinde im Gesamtvorstand fünf Vertreter (anstatt bisher eines), ferner ein Vertreter der Jüdischen Wohlfahrtspflege in Frankfurt am Main zugebilligt. Von dem Beschluß des geschäftsführenden Vorstandes der Zentralwohlfahrtsstelle, den Vorsitzenden des Wirtschaftsausschusses des Preußischen Landesverbandes, DipL- Ing. Bruno Woyda, zu kooptieren, wurde Kenntnis gegeben. Im Mittelpunkt der Gesamtvorstandschaft standen sodann Referate und Aussprache über: Hilfe für die Erwerbslosen — Kampf gegen die Erwerbslosigkeit! Dr. Friedrich O 1 1 e n d o r f f schilderte die durch die außerordentlichen Einschränkungen der öffentlichen Wohlfahrtspflege für die jüdische Wohlfahrtspflege geschaffene neue Lage, die außerordentlich gesteigerten Anforde-