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Das jüdische Echo · 1932-09-30 · 40 (30.9.1932) · p. Seite 319

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Journal
Das jüdische Echo
Volume
19 (1932)
Issue
40 (30.9.1932)
Date
1932-09-30
Page
Seite 319 (sequence 3)
Language
German
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Nr. 40 Das Jüdische Echo 319 verlangen, aber Grund zur Beruhigung und zur Ablehnung einer Aussprache wäre es noch lange nicht. Mehrheiten können sich bekanntlich ändern. Doch es ist leider nicht so, wie man es gerne Herrn B. Weinberg glauben möchte. Belehrung darüber wäre zum Beispiel ganz gut bei der Staatspartei zu erholen oder bei flüchtiger Lektüre etwa der Frankfurter Zeitung. Wer sich und andere nicht belügen will, muß feststellen, daß projüdische Aktivität heute von keiner deutschen Partei zu erwarten ist. Die Parteien haben andere Sorgen und fürchten sich als Judenschützer abgestempelt zu werden und darunter zu leiden. Zu offenen Verfassungsänderungen würden die Linksparteien und das Zentrum natürlich kaum zu haben sein; wie weit aber die gegenwärtige Verfassung interpretiert werden kann und daß die Kräfte der Verwaltung stärker denn je geworden sind, braucht wahrlich nicht erörtert zu werden. Man sollte es also von jüdischer Seite her jedenfalls nicht deshalb ablehnen, mit Menschen und Anschauungen zu diskutieren, die den heute prävalierenden mehr oder weniger antisemitischen Stimmungen Ausdruck geben, weil man glaubt, sich auf gute Freunde und die Majorität des deutschen Volkes verlassen zu können. Für diese Ablehnung ließen sich andere, bessere Gründe finden und es ist ja auch tatsächlich nicht so, als ob der Central- Verein die Wirklichkeit des deutschen Antisemitismus mißachte. Allerdings hat er bisher kaum je ein Wort gefunden, das befreiend und lösend hätte wirken können. Der unlängst in Frankfurt a. Main abgehaltene Delegiertentag der deutschen Zionisten hat in der von ihm angenommenen Resolution (wiedergegeben in Nr. 38 des J. E.) eine Formel gefunden, die in würdiger Weise all das enthält, was von uns aus zu der gegenwärtigen Situation zu sagen ist. Ohne jede Apologie und ohne Ängstlichkeit spricht sie aus, was ist; verlangt sie, was uns rechtens zukommt, frei und stolz. Sie fordert von einem bewußten deutschen Nationalismus die Respektierung auch der jüdischen Besonderheit und sie beansprucht vop, dem Staate, dem wir durch Recht und Schicksal eingegliedert sind, Gleichberechtigung und Freiheit der Entfaltung unserer eigenen Art. Dies ist das Entscheidende; die Entfaltung unsererer eigenen Art ist es, die allein auch das Verhältnis von Juden und Deutschen erträglich macheu kann. Jüdische Selbstbehauptung, Abkehr von allem, was nach Mimikry und Identifizierungsbestrebungen aussieht, ist notwendig, für die jüdische Gruppe als solche und für jeden einzelnen Juden. Wir haben schon in vielem gelernt, uns frühere jüdische Generationen in ihrer Einfachheit und Zähigkeit, ihrer Beharrungskraft und Vitalität zum Vorbild zu nehmen — bemühen wir uns um die Sicherheit ihres jüdischen Instinkts, lernen wir, was sie immer wußten, daß Golus Golus bleibt, daß uns aber eine große Hoffnung gegeben ist, sehen wir ein, daß es nur an uns liegt, diese Hoffnung zur Wirklichkeit zu machen — dann wird das neue Jahr uns mutig und stolz finden in der Verbundenheit mit der Vergangenheit und der Zukunft unseres Volkes. I. E. 10 Jahre Palästina-Hrbcit Eine Rede Dr. Weizmanns in Zürich Z ü r i c h , 23. September. (JTA.) Am Donnerstag, den 22. September, abends, sprach Dr. Chaim Weizmann, früherer Präsident der Jewish Agency, in Zürich, in einer von mehr als 600 Personen besuchten Versammlung, über das Thema: „Zehn Jahre Palästina-Arbeit“. Zahlreiche angesehene Nichtjuden, so u. a. Alt-Bundesrat Dr. Haab, der Rektor der Universität Prof. Fleiner, der Alt-Rektor Prof. Ludwig Köhler, Prof. Heß, wohnten der Versammlung bei. Nach einleitenden Worten von Dr. Georg Guggenheim (schweizerischer Keren Hajessod) und Dr. Marcus Cohn (Präsident des schweizerischen Zionistenverbandes) führte Dr. Weizmann ungefähr aus: Es ist kein leichtes Thema, das ich mir heute gewählt habe; ich soll darlegen, wie sich das Palästinamandat ausgewirkt hat. Denn mit allen seinen Klauseln war das Mandat nur ein Rahmen, eine Art Vertrag — von manchen sogar in seiner Rechtsgültigkeit angezweifelt —, dem erst ein Inhalt gegeben werden mußte. Die Basis für das Mandat war die Balfour-Deklaration, die das Recht des jüdischen Volkes, sich in Palästina eine Heimstätte zu erbauen, anerkennt; das Mandat verwandelte die Juden in eine juristische Körperschaft, die Jewish Agency, die zwei Funktionen zu erfüllen hat: erstens die Mandatarmacht zu beraten, zweitens: — was viel wichtiger, verantwortlicher und schwieriger ist — Trägerin der Aufbauarbeit zu sein. Nach zehn Jahren Aufbauarbeit sind wir aus dem Stadium des Experiments herausgetreten und eingetreten in ein normales Leben, und wir führen ein ganz und gar nicht abenteuerliches Dasein. Zu dem Aufbau eines Landes gehört zweierlei: Land und Menschen. Ich will bekennen, daß uns Zionisten nach der Ratifizierung des Mandats das Herz schwer wurde bei dem Gedanken: wo werden wir das Menschenmaterial hernehmen, mit dem wir ein Land aufbauen könnten. Allein wie so oft in der Geschichte der Völker, besonders in unserer Geschichte: ein Wunder geschah. Trotz des Zusammenbruchs des jüdischen Volkes durch den Krieg und seine Folgen kam zu uns eine Generation junger Menschen, die vorbereitet war, die Pionierarbeit in Palästina zu leisten. Es ist eine Ironie der Geschichte, daß uns just das russische Zartum und seine Armee diese Menschenreserve brachten. Im russischen Heer dienten 600 000 jüdische Soldaten, die von der Militärmacht in zwei Kategorien eingeteilt waren: Die eine schickte man als Stoßtrupps in die vorderste Feuerlinie, um sie schnell los zu werden; die zweite wurde hinter den Linien gehalten, weil man ihr nicht traute. In ägyptischer Fron bauten die Menschen der letztgenannten Kategorie Straßen, hoben Schützengräben aus und waren auf diese Weise für die Chaluziuth vorgebildet worden. Über die Steppen Rußlands, die Eisfelder Sibiriens und auf anderen Wegen und Umwegen kamen sie nach Palästina. Und so besitzen wir in Palästina eine Klasse von Menschen, die zu jeder Tätigkeit einer organisierten und differenzierten Gesellschaft fähig sind. Wir sind heute in der Agrikultur und Hortikultur so weit, daß unsere Resultate mit jenen in den entwickeltsten Ländern Europas und Amerikas verglichen werden können. Es erscheinen zuweilen in palästinensischen Zeitungen Inserate, durch welche amerikanische Citrus-Pflanzer palästinensische Juden suchen, die in Kalifornien palästinensische Methoden der Citrus-Pflanzung einführen sollen. Heute ist eine jüdische Bauernschaft in allen Zweigen der Landwirtschaft, tätig, die einen festen Grundstock für die weitere Entwicklung bildet. Als wir zu kolonisieren anfingen, benötigte man für die Seßhaftmachung und wirtschaftliche Verselbständigung einer Kolonistenfamilie 1000 Pfund; heute kommen wir mit einem Fünftel dieser Summe aus. Parallel mit der landwirtschaftlichen Entwicklung

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