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Das jüdische Echo · 1932-09-30 · 40 (30.9.1932) · p. Seite 318

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Journal
Das jüdische Echo
Volume
19 (1932)
Issue
40 (30.9.1932)
Date
1932-09-30
Page
Seite 318 (sequence 2)
Language
German
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318 Das Jüdische Echo Nr. 40 wird die Verzagten und Verzweifelten noch tiefer in Verzagtheit und Verzweiflung drängen. Die Weltgeschichte ist das Weltgericht und die Geschichte unserer Gegenwart wird ein Urteil sprechen über irrgegangene Strömungen des letzten Jahrhunderts jüdischer Entwicklung und über Bestrebungen, die aus dem gegenwärtigen Chaos Neues und Lebensstarkes formen wollen. „Wenn auch die Welt in Scherben geht, so werden den Unerschrockenen die Trümmer tragen.“ Ein Rest kehrt immer zurück, und dieser Rest ist gerade in labilen Zeiten der Führer und Schrittmacher für viele, die unschlüssig und schwach waren. Blick ins neue Jahr Wenn man sich bemühen würde, die Ereignisse des verflossenen Jahres, die uns deutsche Juden besonders berührt haben,zusammenzustellen, würde man, angefangen von den Rosch-ha-Schonoh-Ausschreitungen in Berlin unter Leitung jenes Grafen Helldorf, der mittlerweile, ungestraft, zum großen nationalsozialistischen Führer und deutschen Politiker avanciert ist, bis zur wüsten Ritualmordhetze des „Stürmer“ aus Anlaß des Paderborner Prozesses, die uns ins neue Jahr begleitet, eine überaus trübe Liste erhalten; und man würde vermutlich vergeblich nach freudigen und optimistisch stimmenden Tatsachen Umschau halten. Trotzdem: wenn auch stark von der Wirtschaftskrise und den politischen Ereignissen betroffen, wir leben. Unsere Organisationen und Institutionen müssen sich einschränken, aber sie bestehen. Unsere Gemeinden sind unangetastet und mit Ausnahme des Schächtverbotes sind wir im eigentlich jüdischen Bezirke unseres Daseins nicht eingeschränkt, auch an der Pflege jüdischer Eigenart und Kultur, der Ausübung jüdischer Solidarität nicht gehindert. Es läßt sich aber nicht leugnen, daß gerade auf diesen Gebieten von jüdischer Seite längst nicht alles geschieht, was geschehen könnte, um dem von außen drohenden Unheil Einhalt zu tun. Im Gegenteil: in den letzten Monaten häufen sich die Berichte über grauenhafte Verstöße gegen das Gebot elementarer jüdischer Solidarität und Selbstachtung. Es seien nur einige Beispiele für diese Überläufergesinnung angeführt, die hoffentlich nicht Schule machen wird. So hörte man vor kurzer Zeit, daß die Niederlassung einer großen amerikanischen, von Juden gegründeten und geleiteten Filmgesellschaft durch große Inserataufträge eine nationalsozialistische Filmzeitschrift erhält, die selbstverständlich ihre Aufgabe darin sieht, den jüdischen Einfluß im Filmwesen zu bekämpfen und dies mit den üblichen nationalsozialistischen rohen Mitteln tut. Die betreffende jüdische Filmgesellschaft, deren Geld man gerne nimmt, selbstverständlich ausgenommen. Auf der gleichen Linie liegt es wohl, wenn der bekannte „Hellseher“ Hanussen, ein geborener Jude, geradezu Propaganda für Hitler macht und wenn er noch einen Juden als Redakteur findet, der sich dazu hergibt. Die Anbiederungsversuche des Herrn Dr. Naumann und seines Grüppchens an die Nationalsozialisten sind zu gut bekannt, als daß man länger bei ihnen verweilen dürfte. Eine überaus ernsthafte Frage ist es, ob nicht auch die wachsende Zahl dei Mischehen hierher gehören, über die wir vor kurzer Zeite eine für München sehr unrühmliche Statistik veröffentlichen mußten. Abgesehen von der Charakter- und Würdelosigkeit, die in all diesen und ähnlichen Handlungen liegt, abgesehen von jeder moralischen Wertung — sie führen nicht zu dem erwünschten Erfolg. Niemand kann letztlich gewinnen, wenn er Verrat an seiner Gruppe und an seinem Volke verübt; es wird sich an ihm oder an seinen Kindern bitter rächen. Freilich können sich aber zeitweise die Beziehungen zwischen den Juden und ihrer Umgebung noch trüber gestalten und darum müßte jeder Einzelne von uns eifriger als je darüber wachen, daß derartige Vorgänge verhindert werden. Daß die Charakterlosigkeit auch auf der anderen Seite Triumphe feiert, kann nur ein kleiner Trost für uns sein. Die Nationalsozialisten machen uns heute schon verantwortlich für die Taten jenes Herrn Düsterberg, der heute noch Stahlhelmführer ist, aber es vermutlich nicht mehr lange sein wird, nachdem sich herausgestellt hat, daß er ein sogen. Judenstämmling ist. Der nationalsozialistische Abgeordnete Brückner (Breslau) hielt im preußischen Landtag eine Rede, in der er es geradezu als einen besonders heimtückischen Trick eines jüdischen „Oberbefehls“ darstellte, daß Herr Düsterberg Stahlhelmführer geworden sei! Und wenn eines Tages die literarischen Leistungen des Herrn Arnold Bronnen (oder seine Nase) seinen nationalsozialistischen Protektoren nicht mehr behagen, so werden sie noch immer Zeit finden zu der Entdeckung, daß dieser Mann die Frauenehre seiner Mutter beleidigen mußte, um als reinrassig anerkannt zu werden. Sein Vater nach dem Gesetz nämlich ist ein jüdischer Gymnasiallehrer in Wien. Daß die Herausgeber jener nationalsozialistischen Filmzeitschrift wahrscheinlich auch ihre Bestechlichkeit zu büßen haben werden, ist nicht unsere Sache; daß aber die Herren, die sie bestochen haben, keinen großen Nutzen haben werden, kann man leicht prophezeien. So geht es nicht. Über Desertion als Mittel zum Kampf ums Dasein braucht hier kein Wort gesagt zu werden; wer Lust dazu hat, möge uns schleunigst von seiner Gegenwart befreien. Wir können zwar nicht hindern, daß man uns auch die Abtrünnigen und ihre Taten von außen her zur Last legt, aber wir haben keinen Anlaß, uns ihretwegen zu scheuen. Verantwortlich dafür ist nämlich vor allem jene Geisteshaltung, die für die Flucht aus dem jüdischen Lager geradezu Preise aussetzt und sich nachher noch über das maskierte Auftreten und die Tarnung der Juden beklagt. Es ist klar, daß jede Art von Mimikry und Vermummung beiden Teilen, den Juden wie ihrer Umwelt, moralisch und faktisch Schaden bringen muß, ebenso wie jeder Versuch, sich selbst durch irgend eine Form der Preisgabe der anderen oder durch Bestechung freizukaufen. Noch einmal: so geht es nicht. Es geht aber auch nicht dadurch, daß man den Kopf vor der Wirklichkeit in den Sand steckt und sich dabei, um den Vorgang interessanter zu machen, auf die Wirklichkeit beruft. So macht es immer wieder einmal mehr oder weniger offiziell der Central-Verein und seine Ideologen. Gewiß kann man über den Wert von Ausspracheveranstaltungen in der Art der unlängst wieder einmal von der „Europäischen Revue“ versuchten es wird darüber noch zu reden sein — sehr verschieden denken und ihren Wert ganz und gar bestreiten. Aber sich dabei darauf zu berufen, daß solche Veranstaltungen vollkommen an der Wirklichkeit Vorbeigehen, die darin bestehe, daß viele Millionen Deutsche die Juden als Volksgenossen, d. h. als gleichberechtigt und gleichgeartet anerkennen — so Herr Dr. Berthold Weinberg in Nr. 33 der Central-Ver.eins-Zeitung, ist denn doch Illusionismus in höchster Vollendung und Verblendung. Selbst wenn das die „Wirklichkeit“ wäre, so hätte man zwar ein erfreulich starkes Gegengewicht gegen die 14 Millionen, die ausgesprochenermaßen und höchst aktiv die Entrechtung der Juden

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