Das jüdische Echo
- Journal
- Das jüdische Echo
- Volume
- 19 (1932)
- Issue
- 40 (30.9.1932)
- Date
- 1932-09-30
- Page
- [Seite] (sequence 1)
- Language
- German
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Das Jüdische Echo Erscheinungszelt: Jeden Freitag. Bezug : Durch die Postanstalten oder den Verlag. — Bezugsnreis; Jährlich: RM. 8.—. halbjährlich: RM. 4.—. vierteljährlich: RM. 2.—. Einzelnummer 20 Rpf. I Verlag, Auslieferung des „Jüdischen Echos“: München. Plinganserstraße Nr. 64. I N H ALT: Jahre der Entscheidung — Blick ins neue Jahr — 10 Jahre Palästina-Arbeit — Aus der jüdischen Welt — Gemeinden- und Vereins-Echo — Spenden-Ausweis Anzeigen: Die vlergospultene Millimeter-Zeile 30 Rpf. I Familien- Anzeigen Ermäßlgun» / Anzeigen- Annahme: Verlag des J ■ d 1sehen Echos. München. Plinganserstraße 64 / Telephon 73664/65 Postscheck - Konto: München 3987 Nr. 40 München, 30. September 1932 19. Jahrgang Jahre der Entscheidung Zum Judenjahr 5693 Das kommende Judenjahr 5693 wird aller Voraussicht nach eines der wichtigsten in der Reihe der Entscheidungsjahre werden, die die gegenwärtige Generation durchlebt. Es ist zu allen Zeiten so gewesen, daß man sich eingebildet hat, gerade das Zeitalter, in welches man durch den Zufall der Geburt hineingeraten ist, sei das wichtigste. Trotz dieser einschränkenden Erkenntnis kann man, ohne sich einer Übertreibung schuldig zu machen, sagen, daß die Epoche, in der die jetzige Generation auserwählt oder verurteilt ist, zu leben, im vollsten Sinne des Wortes eine für die Geschichte der Menschheit entscheidende ist. Gilt diese für die menschliche Gesellschaft im allgemeinen, so ist es in einem noch weit höheren Grade für das jüdische Volk zutreffend. Gerade in den letzten Jahren ist in zahlreichen soziologischen Schriften und in vielen philosophischen Betrachtungen immer wieder darauf hingewiesen worden, daß das jüdische Volk gewissermaßen die Entwicklungen, die sich vohbereiten, früher konzipiert als die anderen Gemeinschaften und daß sich Wirkungen kommender Ereignisse beim jüdischen Volke viel Liiher bemerkbar machen als bei anderen Nationen. Das gilt für anbahnende geistige Entwicklungen, für ökonomische Wandlungen und — man nehme die neueren Bevölkerungsstatistiken zur Hand — für biologische Prozesse. Wenn man von Welt und Zeitenwende spricht, so kann man diese Begriffe für die jüdische Gemeinschaft besonders nachdrücklich in Anwendung bringen. Zwei Faktoren sind es gewesen, die den Bestand der jüdischen Gemeinschaft bisher bestimmt haben. Der erste Faktor ist der Drang des jüdischen Volkes, seine Eigenart zu bewahren und das Erbe von Jahrtausenden immer neuen Generationen anzuvertrauen. Dieser „bestimmende Faktor“ der jüdischen Gemeinschaft war stets bestrebt, Bedingungen für die Juden zu finden oder zu schaffen, die es ihnen ermöglichen, ihre Sonderart zu pflegen und das zu bleiben, was Ahn und Urahn gewesen waren, nämlich Angehörige einer scharf umrissenen Gruppe, die sich bewußt von der Umgebung isoliert. Die jüdische Diasporageschichte ist im Grunde genommen die Geschichte des jüdischen Strebens, unter allen Verhältnissen Bedingungen herzustellen, die das Leben nach Eigengesetzlichkeit ermöglichen. War das in irgend einem Zeitalter oder in irgend einem Lande nicht möglich, so verkümmerte die jüdische Gemeinschaft bis auf ganz geringe Reste, bzw. sie griff zum Wanderstab, um an irgend einer anderen Stelle Bedingungen zum Fortbestand der Gemeinschaft herzustellen. Die Welt von heute ist trotz aller Zerrissenheit eine Einheit in einem Ausmaße, wie es den erreichten technisch-wissenschaftlichen Bedingungen entspricht. Mit lokalen Abwandlungen sind jetzt in der ganzen Welt gleiche Tendenzen wirtschaftlicher und sozialer Art am Werk. Die Situation in den einzelnen Erdteilen ist im Grunde genommen die gleiche. Die Welt ist in Gärung, neue Gesellschaftsformen sind im Entstehen, es gibt keine Oasen mehr, wo der Strom der Entwicklung in dem größten Teile der Welt nicht spürbar wäre. Die Folge ist, auf das jüdische Volk bezogen, daß wie in keinem Zeitalter vorher die wahre Situation der Juden in der ganzen Welt prinzipiell gleich ist. Und das Hauptkennzeichen dieser Situation ist, daß die Bedingungen für die Entfaltung des bestimmenden Faktors der Erhaltung des Sonderdasein, immer enger werden, so daß man ohne Übertreibung behaupten kann, die Situation der Juden in der ganzen Welt hat sich sehr kritisch gestaltet. Diese Entwicklung hat eigentlich schon in der Zeit des Kriegsanfangs eingesetzt und schreitet nun ihrer Reife entgegen. Die anormale Lagerung der jüdischen Gemeinschaft in der Welt wird immer stärker offenbar. Eine Zusammenfassung aller Judenheiten der Zerstreuung zu gemeinsamem Handeln, die Erkenntnis von der allweltlichen Natur des jüdischen Problems, die Schaffung eines gesamtjüdischen Systems ist heute dringender als je zuvor. Sinn der ganzen Entwicklung ist eine prinzipielle Umgestaltung der gesamtjüdischen Lage. Die jüdische Diaspora befindet sich in Liquidation. Das will heißen, daß das Diaspora-Dasein der Juden unhaltbar geworden ist. An seine Stelle muß eine Normalisierung treten, deren Durchführung unendlich schwer ist. Die zahlreichen Prüfungen, denen das jüdische Volk in der ganzen Welt ausgesetzt ist, die schweren Schicksalschläge, die es erlitten hat, die ungeheure Krise, die auf ihm als Volksgemeinschaft stärker lastet als auf anderen Völkern, stellen an die Juden ungeheure Anforderungen der Überlegung, des Opferwillens und der Tatkraft. In solchen Zeiten werden Schwache schwächer und Starke stärker. Die Jahre, die über uns hinwegstürmen, sind wie ätzendes Scheidewasser. Das echte bleibt erhalten und in seinem Willen gestählt, das Unechte und die Legierungen werden zersetzt. Auch das kommende Jahr wird diesen Scheidungsprozeß noch weitertreiben. Es wird die Kräfte noch stärker herausarbeiten, die trotz aller Schwierigkeiten für die Erhaltung der eigenen Art und für den Bau einer neuen Zukunft wirken wollen und