Mannheim
Compact Memory

Das jüdische Echo · 1932-09-23 · 39 (23.9.1932) · p. Seite 311

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Das jüdische Echo
Volume
19 (1932)
Issue
39 (23.9.1932)
Date
1932-09-23
Page
Seite 311 (sequence 3)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
98% known words query
IRI
…/9072829-9103089-9181549--12501-9084571
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

Nr. 39 Das Jüdische Echo 31 Ich bin mit dieser notgedrungenen flüchtigen Darstellung der Situation in den drei großen jüdischen Gruppen zu Ende. Das Gesamtbild ist ein sehr trauriges. Es ist das Bild eines armen, gehetzten und unglücklichen Volkes, und es zeugt von der ganzen Unanständigkeit und Dummheit der antisemitischen Propaganda, wenn man gegen dieses ärmste aller ärmsten Völker, für dessen Millionen hungernder Menschen keine Regierung sorgt, mit dem Argument hetzt, daß es die anderen Völker wirtschaftlich ausbeutet. Das Wichtigste, was ich in dieser Darstellung der jüdischen Lage nach dem Krieg hervorheben möchte, ist die ungeheure Lehre, die in ihr enthalten ist. Diese Jahre haben fast alle Möglichkeiten des Versuchs einer Lösung der jüdischen Frage im Galuth verwirklicht und ihr Scheitern aufgezeigt. Die „Lösung“ durch die Emanzipation ist in Deutschland ad absurdum geführt worden. Die „Lösung“ durch die nationale Autonomie hat sich ir Osteuropa als Fehlschlag erwiesen. Wir haben in Amerika erlebt, daß auch in freien Ländern, in denen das Argument von der Überfüllung durch Juden nicht zutraf, in denen antisemitische historische Vorurteile nicht vorhanden waren, eine Judenfrage sich entwickelt. Und wir haben in Rußland schließlich erlebt, daß eine große revolutionäre Bewegung, aus idealistischen Motiven geboren, darauf eingestellt, das Schicksal von Millionen Menschen zu bessern, uns auch nicht die Lösung bringt, sondern im Gegenteil den Niedergang und Untergang jüdischen Lebens mehr beschleunigt als es anderswo der Fall ist. Zu allem kommt noch hinzu der allgemein gegen uns gerichtete Charakter der Zeit, in der wir leben. Es gibt nichts, worüber sich Juden stärker klar werden müssen, als über das Faktum, daß das 19. Jahrhundert für uns nicht nur chronologisch, sondern auch wesensmäßig zu Ende ist. Das 19. Jahrhundert war ein sehr günstiges Jahrhundert, ein Jahrhundert des Liberalismus und der Demokratie, der Freiheit und der Toleranz, des Respekts vor dem Individuum und den Minoritäten. Es hat uns die Emanzipation gebracht, es hat uns große Entwicklungsmöglichkeiten eröffnet, und wir haben unseren Anteil an der allgemeinen Kultur geleistet. Das 20. Jahrhundert trägt einen ganz anderen Charakter. Es ist ein Jahrhundert der brutalen Kämpfe. Hunderte Millionen neue Menschen sind in die Arena des politischen und sozialen Geschehens getreten. Die Geschichte von heute wird nicht nur gemacht durch einige aristokratische mittel- und westeuroäische Völker, sondern ganze Rassen und Kontinente sind erwacht und Subjekte der Politik geworden. Asien ist erwacht, Rußland ist erwacht, morgen werden Indien und China bestimmende Faktoren der Weltpolitik sein. Die Geschichte von heute ist auch nicht mehr das Privileg einer kleinen, saturierten Schicht der westeuropäischen Bourgeoisie, das Proletariat ist aufgestanden und verlangt seinen Anteil an den Gütern der Welt. Und jedesmal, wenn solche Zeiten kommen, in denen neue Völker und Klassen ihren Anteil verlangen, dann beginnt eine Zeit brutalen Kampfes, denn die Besitzenden geben nichts freiwillig her. Es gibt keine Geschenke in der Geschichte. Ein Volk und eine Klasse haben das, was sie sich erkämpfen. Das ist der tiefste Grund des brutalen Charakters unserer Zeit; die Völker wollen nichts von Demokratie und Freiheit hören, sie leben in einem militaristischen Geist der Disziplin und der kollektiven Aktion, weil sie spüren, daß es hart auf hart geht und sie um die entscheidenden Positionen zu kämpfen haben. Eine solche Zeit ist sehr ungünstig für Minoritäten. Sie ist doppelt ungünstig für uns Juden, politisch atomisiert, territorial verstreut, machtlos, preisgegeben den brutalen Kämpfen dieser Zeit, in denen auf uns wenig Rücksicht genommen wird, und in der die Gefahr besteht, daß wir rücksichtslos zur Seite gedrängt werden. Was haben wir zu tun? Ich will nur einige letzte Worte dazu sagen. Es sind alte zionistische Wahrheiten, die ich zu wiederholen habe. Vor allem müssen wir innerlich unsere Haltung revidieren. Was uns not tut, ist die Rückkehr zu einer bewußten Isolierung und Distanzierung zu unserer Umwelt. Das Judentum des Galuth hat nur durch seine innere Haltung sein Martyrium überstehen können, und auch wir müssen zu dieser Haltung zurückkehren können. Wir müssen das Bewußtsein unserer Sonderexistenz stärker in uns entwickeln. Ich pflegte früher nicht gern vom „ewigen Volk“ zu sprechen, vom „auserwählten“ Volk, aber ich glaube, wir müssen heute das Bewußtsein unseres metaphysischen Sonderschicksals stärker erleben. Denn nur dann werden wir unserem Leidensschicksal einen Sinn geben können. Dazu gehört auch, daß wir in bewußter Opposition bleiben gegen die sogenannten modernen Ideale. Wir müssen festhalten an den großen immanenten Ideen unserer Geschichte: Recht und Gerechtigkeit, Gleichheit und Freiheit, Toleranz und Universalismus. Wir müssen weiterhin stehen zu diesen Idealen von gestern und vorgestern, die auch die Ideale von morgen und übermorgen sein werden. Das bedeutet die Opposition zu allen Auswüchsen eines verrückt gewordenen Nationalismus, der alle menschlichen Ideale in den Staub zu treten wagt. Und es ist mir ein seelisches und ein politisches Bedürfnis, dies hier zu sagen, nicht nur angesichts der Auswüchse des Nationalimus bei anderen Völkern, sondern auch angesichts mancher Auswüchse des Nationalismus bei uns, deren Beispiele wir erst jetzt auf der Revisionistenkonferenz in Wien erlebt haben. Bei aller Achtung vor der subjektiven Ehrlichkeit und dem Idealismus dieser Vertreter eines wild gewordenen jüdischen Nationalismus müssen wir mit aller Deutlichkeit erklären, daß unser Nationalismus sich frei halten muß von diesen Auswüchsen und Verzerrungen, daß er eng verknüpft ist mit jenen großen sittlichen Menschheitsidealen, die ihm seine Würde und Legitimität verleihen. Und das zweite, was ich Ihnen sagen will, ist natürlich: Palästina. Ich brauche hier nicht viel darüber zu sagen. Das leuchtende Bild des jüdischen Lebens in Palästina, dieser einzigen Insel von Freiheit und Entwicklung, von schöpferischem Fortschritt und konstruktivem Aufbau, inmitten des Meeres jüdischer Leidenschaft und Tragik, spricht so stark für sich selbst, daß jedes weitere Wort überflüssig wäre. Aber eines will ich hier nur noch unterstreichen: Mehr denn je zwingt die jüdische Lage heute, Palästina als die wirkliche volle Lösung der Judenfrage zu proklamieren. Wir haben in den letzten Jahren viel gekämpft um politische Formeln. Die Zeit für diese Kämpfe ist heute vorbei, und ich will die Diskussion keinesfalls wieder aufnehmen. Hier handelt es sich um ein anderes: Um die Konzeption eines maximalistischen Zionismus der praktischen Arbeit, der für Millionen Juden Platz schaffen will im vorderen Orient und damit eine wirkliche Lösung der jüdischen Exi-

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.