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Das jüdische Echo · 1932-09-23 · 39 (23.9.1932) · p. Seite 310

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Journal
Das jüdische Echo
Volume
19 (1932)
Issue
39 (23.9.1932)
Date
1932-09-23
Page
Seite 310 (sequence 2)
Language
German
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310 Das Jüdische Echo Nr 39 gischen Verhängnis der neueren Entwicklung des Zionismus, daß zwischen Zionismus und Komunismus eine Feindschaft auf Tod und Leben sich entwickelt hat. Es hätte nicht so sein müssen. Es gibt nichts in den Grundideen dieser beiden großen Bewegungen, was sie zu Todfeinden machen müßte. Und ich fürchte, daß ein späterer Historiker dieser Zeit es als einen großen historischen Fehler unserer Bewegung bezeichnen wird, daß wir diesen Antagonismus als etwas Naturgegebenes und Unvermeidliches hingenommen haben und es zu dem heutigen 'Zustand unversöhnlicher Feindschaft haben kommen lassen. Aber wie man auch darüber urteile, die wirkliche Situation ist die, daß das Judentum in Rußland völlig zugrunde geht. Es hat gar nichts mit Antisemitismus zu tun, es wäre absurd und ungerecht, die Sowjetregierung antisemitischer Neigungen zu bezichtigen; sie ist ehrlich gegen den Antisemitismus, aber in ihrem Fanatismus, in der Einseitigkeit und Brutalität ihres Kampfes für die eine kommunistische Idee hat sie jedes jüdische Sonderleben vernichtet. Wir haben eigentlich in Rußland unsere Rechnung bereits abgeschlossen. Wie immer auch die Dinge dort kommen mögen, wir haben eine Generation von Juden in Rußland verloren, und zwar eine Generation bester, opferwilliger, idealistischer Menschen, deren Verlust für die jüdische Sache von unabsehbaren Konsequenzen ist. Ich will nur kurz über die Lage des west- und mitteleuropäischen Judentums reden und einige Worte sagen zu der Situation der deutschen Juden, und zwar nicht vom Standpunkt der Auseinandersetzung mit den politischen und geistigen Tendenzen in Deutschland selbst, sondern vom Standpunkt einer gesamtjüdischen Betrachtung. Das deutsche Judentum war bisher der Wortführer des mittel- und westeuropäischen Judentums, das Zentrum des emanzipierten Judentums, das Zentrum der jüdischen Weltgeltung. Das östliche Judentum hat im 19. Jahrhundert unsere großen innerjüdischen Leistungen vollbracht, das deutsche Judentum hat unsere großen Leistungen vor dem Forum der Völker gezeitigt. Wenn wir unseren Anteil an der modernen Kultur proklamieren wollten, dann waren es vorwiegend Namen deutscher Juden — Börne und Heine, Lasker und Bamberger, Mahler und Einstein und viele andere—, auf die wir hinzuweisen pflegten. Und das hat dem deutschen Judentum ein ungeheures Prestige in der jüdischen Welt gegeben. Alle Theorien der Emanzipation und der Assimilation sind von deutschen Juden geschaffen worden, und bis in die fernsten Weiten jüdischen Lebens — und ich habe es besonders häufig in Amerika empfunden — ist der Einfluß und die Autorität des deutschen Judentums fühlbar gewesen. Diese Position des deutschen Judentums ist in den letzten Jahren zusammengebrochen. Ich spreche gar nicht über die Fakten des neuen deutschen Antisemitismus. Diese Fakten sind nicht das Schlimmste an der Lage, nicht die Gefahr von Pogromen und nicht die Gefahr der politischen Entrechtung, an die ich nicht glaube. Schlimmer als all das ist die Atmosphäre, in der deutsche Juden heute leben: Die Atmosphäre vom Paria-Menschen. Schlimmer als die Brutalität des Hitler-Antisemitismus ist vielleicht noch die Passivität der nicht-antisemitischen Deutschen, der deutschen Intelligenz, der sogenannten fortschrittlichen Kreise in diesem Lande. In Rußland hat 'unter einem zaristischen Regime, in dem es gefährlicher war als hier, die Intelligenz heftig und laut gegen Pogrome und Antisemitismus zu protestieren gepflegt. Wo bleibt frage ich, die Stimme der deutschen Intellektuellen? Ich spreche hier nicht von den internationalen Wirkungen, die diese Entwicklung in Deutschland haben wird, von den Rückwirkungen auf die internationalen Beziehungen der Juden zu Deutschland, mit dessen Kultur das moderne Judentum besonders eng verknüpft ist, dessen Sprache noch bis heute die vorherrschende Sprache auf internationalen jüdischen Zusammenkünften ist. Die „Frankfurter Zeitung“, die so wenig wie andere Zeitungen den nötigen Mut in der entschiedenen Zurückweisung antisemitischer Angriffe aufbringt, soll nicht wieder von „Drohungen, gegen Deutschland“ sprechen, wenn ich darauf hinweise, daß die Entwicklung in Deutschland die innere Einstellung des internationalen Judentums zu Deutschland entscheidend zu ändern mag. Wichtiger als all das vom jüdischen Standpunkt sind die Gefahren der moralischen Wirkungen dieser Atmosphäre auf die deutschen Juden. Die Gefahr des russischen Antisemitismus war physische Vernichtung für Juden, aber nicht die Demoralisation des jüdischen Menschen. Der deutsche Jude, der an Deutschland naiv und hingebungsvoll glaubte, hat nicht mehr diese schützende Haltung der freiwilligen Distanz. Die ganze moralische Auswirkung der antisemitischen Atmosphäre in Deutschland, die Juden zu Menschen zweiter und dritter Klasse degradiert, auf das Gros der deutschen Juden ist die ärgste Gefahr in all diesem Zustand. Die dritte große jüdische Gruppe unserer Zeit ist das amerikanische Judentum. Amerika war das Land, von dem Juden bis vor kurzem glaubten, daß dort die jüdische Existenzfrage eigentlich gelöst sei. Es war das Land ohne die europäische Tradition, ohne den jahrhundertelangen Judenhaß, das Land, das als erstes die Gleichberechtigung der Menschen proklamiert hatte, gegründet von Menschen, die für die Toleranz und religiöse Freiheit kämpften. Die Juden haben dort große Expansionsmöglichkeiten gehabt. Der Krieg und die Nachkriegsjahre brachten ihnen Wohlstand, und bis vor kurzem noch glaubte die Majorität der amerikanischen Juden, auch viele unserer zionistischen Freunde, daß der Begriff „Galuth“ auf Amerika eigentlich nicht zutreffe, daher die etwas philanthropische Färbung des zionistischen Lebens in Amerika bis vor kurzem. Diese letzten Jahre der Krise in Amerika haben eine völlig radikale Wandlung herbeigeführt. Es gibt heute ein latentes, überall fühlbares jüdisches Problem. Die Wirtschaftskrise der Juden ist doppelt groß, weil sie Juden sind, weil sie in den großen ökonomischen Posititionen des Landes nicht drin sitzen und weil ein starker ökonomischer Antisemitismus! ^ich bemerkbar macht. Es gibt große Berufe, fast die ganze Industrie, alle Großbanken, die dem Juden hundertprozentig verschlossen sind; die vornehmsten Universitäten des Landes haben einen numerus clausus für jüdische Studenten, es herrscht ein gesellschaftlicher latenter Antisemitismus, der leise ist, aber so fest gegründet, daß er unüberwindlich erscheint. Und in den letzten Jahren haben amerikanische Juden das Erlebnis „Golus“ zu erleben begonnen, und das ist der Grund, warum die zionistische Stimmung in Amerika stärker ist denn je, denn erst, wenn man Golus erlebt, erlebt man auch Zion!

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