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Das jüdische Echo · 1932-09-23 · 39 (23.9.1932) · p. [Seite]

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Journal
Das jüdische Echo
Volume
19 (1932)
Issue
39 (23.9.1932)
Date
1932-09-23
Page
[Seite] (sequence 1)
Language
German
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Das Jüdische Echo Erscheinungszeit: Jeden Freitag. B e z u s : Durch die Postanstalten oder den Verlag. — Bezugspreis' Jährlich: RM. 8.—. halbjährlich: RM. 4.—. vierteljährlich: RM. 2.—. Einzelnummer 20 Rof. I Verlag, Aaslieferung des „Jüdischen Echos": München. Plinganserstraße Nr. 64. I N H fl L T : Das jüdische Volk in der Weltkrise — Richard Lichtheim legt die Leitung des deutschen Revisionismus nieder — Aus der jüdischen Welt — Gemeindenu. Vereins-Echo — Spenden-Ausweis Anzeigen: Die viergespaltene Millimeter-Zeile 30 Rpf. I Familien- Anzelgen Ermäßigung /Anzeigen- Annahme: Verlag des J ■ d 1schen Echos. München. Plinganserstraße 64 / Telephon 73664/65 Postscheck - Konto: München 3987 Nr. 39 München, 23. September 1932 19. Jahrgang Das jüdische Volk in der Weltkrise Referat von Nahum G o I d m a n n Die zionistische Situation ist heute dadurch charakterisiert, daß die ursprünglichen und elementaren Motive, aus denen der Zionismus entstanden ist, zu einer erneuten Aktualität gelangt sind. Der Zionismus ist aus zwei großen Urmotiven geboren worden: Aus der Erkenntnis der Unhaltbarkeit der objektiven Lage der Juden im Galuth und aus dem Gefühl der Unerträglichkeit der psychischen Lage, der Seelenlage des einzelnen Juden in den Existenzbedingungen des Galuth. Meine Aufgabe ist es, Ihnen ein Bild von der äußeren Lage des jüdischen Volkes in der Welt zu geben. Die große Polarität, von der der, Zionismus getragen wird, die Antithese der beiden Begriffe Galuth und Palästina, ist heute stärker fühlbar als je zuvor in der Geschichte des Zionismus. Galuth ist heute hundertfach mehr Galuth als es in den Zeiten war, in denen der Zionismus begründet wurde. Aber — und dies ist unser Trost und dies charakterisiert die veränderte jüdische Situation nach einer 40jährigen zionistischen Arbeit — Palästina ist heute nicht mehr nur Wunschbild und Theorie, sondern wird von Tag zu Tag mehr Erez Israel. Beim Versuch einer, wenn auch flüchtigen, Analyse der jüdischen Situation in der Welt ergibt sich eine in der Natur der Sache liegende Einteilung des jüdischen Volkes in drei große Gruppen. Das osteuropäische Judentum, das mittel- und westeuropäische Judentum und das amerikanische Judentum. Das osteuropäische Judentum war bis zum Krieg das eigentliche innerjüdische Zentrum, das große Kraftreservoir, aus dem der größte Teil der schöpferischen jüdischen Energien floß. Das ehemalige russische Judentum hat die moderne hebräische Kultur geschaffen, es hat die moderne jiddische Literatur geschaffen, es war das Zentrum eines starken religiösen Lebens und einer starken jüdischen Bildung. Dieses ehemalige russische Judentum existiert nicht mehr. Was man heute das osteuropäische Judentum nennt, ist zwar der physische Erbe des russischen Judentums, hat aber an inneren Energien, an schöpferischen Möglichkeiten wenig nur mit ihm gemein. Das osteuropäische Judentum ist politisch atomisiert worden. Wo ehemals ein 5-Millionen-Judentum saß, territorial geeinigt, leben heute verschiedene neue territoriale jüdische Gemeinschaften, voneinander getrennt und damit einer der Quellen ihrer Kraft beraubt. Die Juden in den russischen Nachfolgestaaten sind durch den Krieg nicht nur in den Besitz der völligen Emanzipation gekommen, sondern haben darüber hinaus nationale Autonomie und Minderheitsrechte für sich zugesichert erhalten. Wir wissen heute, daß der Besitz der nationalen Minderheitsrechte sehr wenig hilft. Die jüdische Lage im Osten ist trotz dieser Errungenschaft immer ärger geworden. Zu der politischen Atomisierung kam der Prozeß der ökonomischen Pauperisierung hinzu. Die wirtschaftliche Lage des größten Teils des Ostjudentums ist heute ärger als sie in den schlimmsten Zeiten des Zarismus des 19. Jahrhunderts war. Die neuen Staaten versuchen mit allen Mitteln die Wirtschaft der Mehrheitsvölker zu fördern, ihre eigene Bourgeoisie, ihr Bauerntum zu entwickeln, und notgedrungen verdrängen sie daher die Juden aus jahrhundertealten ökonomischen Positionen. Hier liegt die vielleicht tragischste Seite der Lage im Osten: Es handelt sich gar nicht um Antisemitismus im brutalen Sinn, sondern was vor sich geht, ist eine langsame Zermürbung der Juden, eine langsame ökonomische Verarmung und Verdrängung. Die polnische und die russische, die litauische und die lettische Regierung sind nicht programmatisch antisemitisch. Was heute dort besteht, ist der Normalzustand. Und deswegen bietet er keine Perspektive einer absehbaren Besserung. Es ist nicht verwunderlich, daß ein so zerschlagenes und pauperisiertes Judentum auch kulturell langsam zerbrochen wird. Die hebräische Literatur in Osteuropa ist am Untergang. Es gibt keine hebräische Tageszeitung mehr; es gibt keinen hebräischen Verlag, und wenn nicht Palästina, wo heute 9/io der hebräischen Buchproduktion beheimatet ist, die Rettung gebracht hätte, stünden wir heute vor dem völligen Zusammenbruch der großen modernen hebräischen Literatur. Dies ist nur ein Beispiel für viele andere, und das Resultat aller dieser Analysen ist die bittere Erkenntnis, daß der ungeheuere Aktivposten, den das russische Judentum früher in einer Bilanz des jüdischen Lebens dargestellt hat, heute nicht mehr vorhanden ist, und daß dieses Reservoir, das die größten innerjüdischen Leistungen des 19. Jahrhunderts gespeist hat, versiegt ist. Ich möchte ein besonderes Wort über die Lage der Juden in Sowjetrußland sagen. Ich will hier nicht das besonders delikate Problem der Beziehungen zwischen Zionismus und Kommunismus eingehend erörtern. Aber ein Wort möchte ich sagen, das manchem von ihnen als „ketzerisch“ erscheinen mag. Ich glaube, es gehört zu dem tra-

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