Das jüdische Echo
- Journal
- Das jüdische Echo
- Volume
- 19 (1932)
- Issue
- 38 (16.9.1932)
- Date
- 1932-09-16
- Page
- Seite 302 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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302 Das Jüdische Echo N r. 38 sehen Juden wollen und können Rechte einer nationalen Minderheit nicht beanspruchen; dazu sind die faktischen Voraussetzungen nicht gegeben; aber sie müssen und dürfen verlangen, daß ihnen alle Rechte des Staatsbürgers eingeräumt werden, wie sie alle Pflichten erfüllen und sie glauben gerade dann es tun zu dürfen, wenn sie offen als Juden auftreten und sich zu ihrer eigenen Art und ihrem eigenen Volkstum bekennen, an ihrer eigenen Kultur bauen und für ihre Zukunftshoffnungen Weiterarbeiten. So kann ihnen niemand den Vorwurf machen, sie wollten sich aufwerfen zum Verwalter deutschen Geistesgutes und deutscher Art. Nur dann lassen sich die „Grenzüberschreitungen“ vermeiden, die uns — mit Recht oder Unrecht — von der Gegenseite so heftig vorgehalten werden. Durch die theoretisch berechtigterweise scharfen Formulierungen des Blumenfeldschen Referates war die Diskussion zunächst wesentlich bestimmt und es war für den Delegiertentag nicht immer ganz leicht, den scharfsinnigen Distinktionen, die entwickelt wurden, zu folgen. Vielleicht ist es auch nicht die Aufgabe eines Delegiertentages, sich so weit auf das Gebiet begrifflicher Abgrenzungen und abstrakter Auseinandersetzungen einzulassen. So empfand man es auch offensichtlich als Befreiung, als zunächst Berger und dann Sereni, dem die Jugend begeistert zujubelte, zu Fragen der konkreten Arbeit zurückfanden. Mit den drei langen, sachlich sicherlich ausgezeichneten Referaten Brodetskis, Ruppins und Hoofiens der Abendsitzung, die sich bis weit über Mitternacht erstreckten, hatte man dem Delegiertentag doch offenbar zu viel zugemutet. Der Montag war den Kommissionssitzungen Vorbehalten. Namentlich in der Kommission über Ortsgruppen kam es zu einer grundsätzlichen, fruchtbaren Aussprache über die Fragen unserer praktischen Arbeit. Die Generaldebatte wurde am Montag nachmittag zu Ende geführt und in einer für zionistische Delegiertenversammlungen ungewöhnlichen Pünktlichkeit gelang es, den Delegiertentag nach Wahl der neuen Leitung, abends 9 Uhr zu beenden. Blumenfeld wurde mit großem Beifall einstimmig zum Präsidenten der deutschen Organisation wiedergewählt, ebenso wurden der geschäftsführende Ausschuß und der Landesvorstand in vollständiger Übereinstimmung aller Richtungen zusammengesetzt. Die Aufstellung des Etats wurde dem Landesvorstand übertragen. Blumenfeld schloß die Tagung mit einem Appell an die Opferwilligkeit unserer Gesinnungsgenossen, die allein Garantie für eine fruchtbare Arbeit bietet. * Es war ein Delegiertentag ohne Kampf, im Gegensatz zu manchem früheren und namentlich dem letzten von Jena. Nachdem die Revisionisten sich von der Z. V. f. D. getrennt hatten, war die Arbeit, die von den Flügelparteien anerkannt wurde, im Rahmen der Z. V. f. D. in harmonischer Kooperation geleistet worden, sodaß auch jetzt sich keine Stimme erhob, die hier eine organisatorische Änderung verlangt hätte. Diese Tatsache, wenn sie vielleicht auch dem Delegiertentag den Reiz eines scharfen Aufeinanderprallens gegensätzlicher Meinungen geraubt hat, berechtigt zu großen Hoffnungen für die Zukunft der zionistischen Arbeit in Deutschland. Die starke Beteiligung der Jugend am Delegiertentag zeigt, daß der jüdische Nachwuchs mit innerer Teilnahme und Begeisterung sich unserer Bewegung verbunden fühlt. Die Abgrenzung gegen den Revisionismus, der sich auf seiner Wiener Tagung eben erst in seiner ganzen Gefährlichkeit offenbart hat, kam auf dem Delegiertentag in .vielen der Reden zum Ausdruck — es ist zu bedauern, daß es dabei nicht geblieben ist und daß nach Schluß der Tagung die Revisionisten versuchten, durch Verteilung gehässiger Flugblätter für ihre Sache an einem höchst ungeeigneten Ort Propaganda zu machen. Die revisionistischen Flugblätterverteiler mußten mit handgreiflicher Gewalt aus dem Saale geschafft werden — die Revisionisten hätten sich und uns dieses beschämende Nachspiel ersparen können. S. V. S. Die Entschließungen Der Delegierlentag faßte einstimmig folgende Entschließungen: „Der XXIV. Delegiertentag der Zionistischen Vereinigung für Deutschland billigt die im Referat des Vorsitzenden der Z. V. f. D. dargelegten Anschauungen und erklärt: Die Juden in Deutschland stehen im Kampf um Rechlstellung und Existenz. Beleidigung und Herabwürdigung des Judentums, Drohungen und Gewalttätigkeiten gegen jüdisches Leben und jüdisches Eigentum sind die dauernden Begleiterscheinungen einer Bewegung, die sich im Namen der nationalen Idee an das deutsche Volk wendet. Dieser Gefährdung unserer Ehre und unserer Rechte gilt unser schärfster Kampf. Der Zionismus verwirft einen Nationalismus, zu dessen Grundlagen die Überzeugung von der Minderwertigkeit anderer nationaler Gruppen gehört. Diesem Nationalismus, der mit den Mitteln der Staatsgewalt Menschen anderer Art oder anderer Meinung Freiheit und Lebensmöglichkeit nehmen will, setzt der Zionismus als die nationale Erneuerungsbewegung des jüdischen Volkes das Bekenntnis zur wahren nationalen Idee entgegen: aufbauende Arbeit und Entfaltung der schöpferischen Kräfte der Nation, nicht Kampf verschiedener Menschengruppen gegeneinander. Von dieser Auffassung des nationalen Gedankens geleitet, kämpft die zionistische Bewegung für die Rechtsstellung der Juden in Deutschland. Wie sie die Bedeutung des Volkstums für das Lehen anderer Nationen anerkennt, fordert sie Respektierung auch des jüdischen Volkstums. Ein Judentum, das sich frei und selbstbewußt zur jüdischen Art, zum1 jüdischen Schicksal, zu seinem geistigen Erbe und zu seiner nationalen Aufgabe - Palästina — bekennt, wird die Kraft zur Selbstbehauptung finden. Vom Staate, dem wir durch Recht und Schicksal eingegliedert sind, fordern wir Wahrung der vollen Gleichberechtigung und Freiheit der Entfaltung unserer eigenen Art.“ Ein weiterer Antrag verpflichtet die Zionistische Vereinigung für Deutschland, im Sinne dieser Erklärung mit aller Intensität ihre Arbeit durchzuführen. Ferner wurden Anträge einstipimig angenommen, die die Frage der Aufbringung der Alijah-Gelder behandeln, die Fundierung der Siedlungen Giwatli Brenner und Kwuzah Rodges, die Schaffung eines Palästina-Wirtschaflsamtes in Berlin, die Erfüllung der Keren Hajessod-Ptlicht durch alle Zionisten, die Arbeit für den Keren Kajemeth, die Unterstützung der Makkabi-Vereine, sowie des Brith Iwrith Olamith und die Ausarbeitung eines Normalslatuls für die Ortsgruppen fordern. Es wurde mitgeleilt, daß zu Beginn des Winters in Berlin eine Kulturkonferenz staBlinden soll. In Zusammenarbeit mit dem Ge-