Das jüdische Echo
- Journal
- Das jüdische Echo
- Volume
- 19 (1932)
- Issue
- 38 (16.9.1932)
- Date
- 1932-09-16
- Page
- [Seite] (sequence 1)
- Language
- German
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Das Jüdische Echo ErscheinunKszeit: Jeden Freitag. Bezug: Durch die Postanstalten oder den Verlag —Bezugspreis- Jährlich: RM. 8.—. halbjährlich: RM. 4.—. vierteljährlich: RM. 2.—. Einzelnummer 20Rpf. I Verlag, Aaslieferung des ,,Jüdischen Echos": München. PHnganserttraße Nr. 64. I N H Ä L T : XXIV. Delegiertentag der Z. V. f. D. — Auflösung — Vor Rosch Haschanah 5693 — Aus der jüdischen Welt — Gemeinden- und Vereins- Echo — Geschäftliches — Spenden-Ausweis Anzeigen: Die viergespaltenc Millimeter-Zelle an Rpf. / Familien Anzeigen Ermäßigung / Anzeigen- Annahme: Verlag des J 8 d 1 sehen Echos. München. Pllnganserstraße 64 / Telephon 73664/68 Postscheck - Konto: München 3987 Nr. 38 München, 16- September 1932 19. Jahrgang XXIV. Delegiertentag der Z.V.f.D. Den Auftakt zum Delegiertentag der deutschen Zionisten bildete die Tagung der deutschen Föderation der Wizo. In ihren zweitägigen Beratungen wurden alle Zweige der zionistischen Frauenarbeit durchgesprochen und es wurde besonders der Plan für die Winterarbeit aufgestellt. Gerade in diesem Jahr handelt es sich dabei nicht nur um kulturelle Forderungen und Erziehungsfragen innerhalb der Gruppen, sondern vor allem auch um Geldaufbringung. Die letzte Einwanderung nach Palästina hat nicht weniger als 40 Prozent weiblicher Jugendlicher ins Land gebracht, die untergebracht werden müssen. Nahalal soll in Zukunft für die doppelte Zahl von Mädchen aufnahmefähig sein; Neß Ziona, das bisher nur für 30 Mädchen bereit stand, soll für 200 eingerichtet werden. Es gilt Werkstätten zu schaffen — Bäckerei, Wäscherei, Bügelei — in denen auch ungelernte Kräfte untergebracht werden können, zur Ausbildung, zur weiteren Unterbringung und zur Verwurzelung im Lande. So nehmen die Frauen mit Kraft und Intensität'die Arbeit für die Jugend auf und versuchen der Forderung gerecht zu werden, die zehntausende auf Übersiedlung wartender junger Juden eben erst an die zionistische Weltorganisation gestellt haben. Die praktisch und organisatorisch wichtigste Auseinandersetzung, die auch am meisten die Gemüter bewegte, war die über die Mitarbeit in anderen Frauenorganisationen; an der Spitze stand die Frage der Mitarbeit im jüdischen Frauenbund. Trotz einer Protestresolution, die nach heftiger Debatte mit Bertha Pappenheim viel milder ausgefallen war, als sie ursprünglich die Berliner Vertreterinnen eingebracht hatten, siegte die Ansicht, daß die Wizo weiter mit den im jüdischen Frauenbund vereinigten Frauen Zusammenarbeiten müsse. Die Tagung, die alle Teilnehmerinnen sichtlich befriedigte und ihnen vielfache Anregung bot, ließ jedenfalls erkennen, daß die Wizo, zahlenmäßig und in der Intensität ihrer Arbeit einen erfreulich starken Aufschwung genommen hat; die Wizo wird in diesem Winter den jüdischen Frauen manches zu bieten und manches von ihnen zu fordern haben. * Die Eröffnungssitzung des Delegiertentages im überfüllten großen Saale des Volksbildungsheims brachte nach den Begrüßungen eine Ansprache Ussischkins. Ussischkin steht seit den Tagen der Bilu an vorderster Stelle in der zionistischen- Bewegung; noch immer aber ist er der leidenschaftlichste, unermüdlichste und wuchtigste Kämpfer für jüdisches Recht auf Palästina. Aus jedem seiner Worte spricht, daß er zutiefst mit der zionistischen Bewegung verwachsen ist, daß es für ihn keinen Zweifel, kein Schwanken und kein Zaudern gibt. So gilt auch seine Ansprache dem jüdischen Recht auf Palästina und denen, die in den zionistischen Reihen irre geworden zu sein scheinen, rief er das Bibelwort zu „Wer Furcht hat und schwachen Herzens ist, der kehre um und gehe in sein Haus und mache nicht mutlos die Reihen der anderen“. Ussischkin mag vieles gegen die deutschen Zionisten einzuwenden gehabt haben und die deutschen ‘Zionisten mögen oftmals weder seine Überzeugungen noch seine Politik geteilt haben: seine Ansprache hat sicher in der Selbstverständlichkeit, Offenheit, und inneren Stärke allgemeine Zustimmung gefunden und tiefsten Eindruck gemacht. Nicht minder großen Eindruck dürfte sein Appell an die Orthodoxie gemacht haben, die gerade in Frankfurt ihren Sitz hat und immer noch im Glauben daran verharrt, daß nur durch ein Wunder die Rückkehr nach Erez Israel möglich sei und blind dafür ist, daß dieses Wunder sich in unseren Tagen vor unseren Augen vollzieht. Das folgende Referat Nahum Goldmanns über „Das jüdische Volk in der Weltkrise“ hielt den Delegiertentag vom ersten bis zum letzten Wort in aufmerksamster Spannung. Goldmann begann mit der Schilderung der Verhältnisse, wie sie sich in Rußland, dem Kraftreservoir des Judentums vor dem Krieg, jetzt gestaltet haben. Dann ging er zu einer Schilderung des europäischen Judentums über, das infolge von Krieg und Wirtschaftsnot heute vielfach an sich selbst verzweifelt und keinen Ausweg findet und kam dann zu einer knappen und eindrucksvollen Charakterisierung der jüdischen Verhältnisse in Amerika, wo die Millionen jüdischer Einwanderer, die sich festgewurzelt und sicher wähnten, heute ebenfalls den Boden unter den Füßen wanken fühlen. So erleben viele erstmals die Realität des „Galutli“, die sie bisher nur aus Schilderungen anderer gekannt hatten und bekommen dadurch auch erst das richtige Verständnis für das, was Erez Israel dem Judentum bedeutet. In glänzender theoretischer Deduktion suchte Blumenfeld die heutige Lage der Juden in Deutschland und die Aufgabe der Zionisten abzugrenzen. Er betrachtet es als notwendig, die Dinge, die um uns herum vorgehen, auch da zu verstehen, wo wir sie gefühlsmäßig, selbstverständlich und entschieden ablehnen müssen. Das Problem der Juden in Deutschland ist ihm grundsätzlich das Problem des Lebens einer Minderheit in einem anderen Volkstum — ein Problem also, wie es in der Nachkriegszeit fast in jedem Staate aufgetreten ist. Die deut-