Das jüdische Echo
- Journal
- Das jüdische Echo
- Volume
- 19 (1932)
- Issue
- 34 (19.8.1932)
- Date
- 1932-08-19
- Page
- Seite 271 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 34 Das Jüdische Echo 271 Ein Frankfurter Pfarrer fordert eine „zweite Zerstörung Jerusalems“ Frankfurt a. M., 9. August. (JTA.) In der letzten Nummer des Frankfurter offiziellen Kir— chenblattes „Sonntagsgruß“ veröffentlicht der Herausgeber des Blattes, der Pfarrer an der Frankfurter Erlöser-Kirche, Hans Georg Probst, unter dem Titel „Kampf gegen Jerusalem“ einen antisemitischen Hetzartikel, in dem die Juden als gemeinschädliche Parasiten des deutschen Volkes bezeichnet werden, die ihre Vormachtstellung im Bank- und Finanzwesen zur Auspowerung ihrer Mitbürger ausnutzen, ln dem Artikel wird offen ein Vernichtungskrieg gegen das Judentum gepredigt und zu einer „zweiten Zerstörung Jerusalems“ aufgefordert. Pfarrer Probst hat die Veröffentlichung antisemitischer Artikel fortgesetzt, obwohl er bereits von der letzten Jahrestagung der evangelischen Landessynode wegen dieser Propagandatätigkeit einen Verweis erhalten hatte. Der Reichspräsident gegen antisemitische Ausschreitungen Berlin, 15. August. (JTA.) Der Central- Verein deutscher Staatsbürger jüdischen Glaubens hat den Berliner Tageszeitungen ein ihm als Antwort auf einen an Reichspräsident von Hindenburg unter Beischluß von aktenmäßigem Material über antisemitische Drohungen der NSDAP, gerichteten Brief zugegangenes Schreiben des Staatssekretärs Meißner zur Veröffentlichung übergeben, in dem es u. a. heißt: „Der Herr Reichspräsident, der jeden Versuch einer Einschränkung der verfassungsmäßigen politischen und religiösen Rechte deutscher Staatsbürger und die mitgeteilten Ausschreitungen jüdischen Reichsangehörigen gegenüber lebhaft mißbilligt und bedauert, hat das Schreiben und die Anlagen dem Reichsminister des Innern zur Nachprüfung zugeleitet.“ Dynamitanschlag auf dem jüdischen Siedlungsgut Groß-Gaglow Berlin, 18. August (JTA.). Auf dem Gute der „Jüdischen Landarbeit G. m. b. H.“ in Groß-Gag- >low bei Cottbus, wo die erste vom Reichsbund für jüdische Siedlung initiierte jüdische landwirtschaftliche und gärtnerische Siedlung errichtet wird, wurde in der Nacht vom 16. zum 17. August ein Dynamitanschlag auf ein leerstehendes Haus versucht. Die polizeiliche Untersuchung des Falles ist noch nicht abgeschlossen. In der Bevölkerung der Umgebung, die ausgezeichnete Beziehungen zu den jüdischen Siedlern unterhält, herrscht lebhafte Empörung über den Anschlag. Der Täter dürfte von auswärts gekommen sein und ist gleich nach der Tat wieder verschwunden. Die Siedler erklären, der Vorfall werde sie zu noch größerem Eifer bei der Durchführung des Siedlungswerkes anspornen. Vorarbeiten zur Schaffung eines Reichsverbandes der deutschen Juden. Eine Beratung der Finanzdezernenten der größeren Landesverbände Berlin, 9. August. (Amtlich.) Am 7. August d. J. trafen sich die Finanzdezernenten der größeren Landesverbände in Oberhof zu einer gemeinsamen Aussprache, um einen Überblick über die Lasten, die eine Reichsorganisation der deutschen Juden zu tragen haben würde, zu gewinnen. Es kann als ein erfreuliches Zeichen für die nahe Verwirklichung der Reichsverbandsidee angesehen werden, daß man sich nunmehr auch der Beratung der Spezialfragen zuwendet. Bei der Fülle der Probleme, um deren Lösung man jahrelang verhandelt und gestritten hat, um eine Basis für die Schaffung einer Reichsorganisation zu finden, traten die rein praktischen Fragen zunächst in den Hintergrund. Zwar spielten die finanziellen Aufgaben, die ein Reichsverband zu erfüllen haben würde, schon in den früheren Beratungen eine Rolle, doch hatten sie zunächst nur eine untergeordneteBedeutung gegenüber den religiösen und politischen Meinungsverschiedenheiten, deren Beilegung im Vordergründe aller bisherigen Verhandlungen stand. Der Preußische Landesverband jüdischer Gemeinden war bei der Beratung durch seine Schatzmeister Kareski und Woyda, der Verband bayerischer israelitischer Gemeinden durch Justizrat Dr. Straus, München, dieser zugleich für den Landesverband der israelitischen Religionsgemeinden Hessens, und Kommerzienrat Rosenzweig, Nürnberg, der Oberrat der israelitischen Religionsgemeinschaft Württemberg und der Oberrat der Israeliten, Karlsruhe, durch Ministerialrat Dr. Hirsch, Stuttgart, und der Sächsische israelitische Gemeindeverband durch seinen Vorsitzenden Carl Goldschmidt, Leipzig, und Rechtsanwalt Dr. Goldberg, Plauen, vertreten. Im Vordergrund der Besprechung, der das durch den Preußischen Landesverband jüdischer Gemeinden von Organisationen, Verbänden und Großgemeinden gesammelte Material zugrunde lag, standen zwei Dinge: die Prüfung der Frage, welche Mittel aufgebracht werden müssen, um im bisherigen Verhältnis Subventionen zu leisten. Beide Feststellungen konnten nach mehrstündiger eingehender Prüfung getroffen werden. Gegen die Höhe des ermittelten auf den Kopf der jüdischen Bevölkerung entfallendes Betrages wurden durch die Vertreter Sachsens und Hessens Bedenken geltend gemacht, doch kann der Hoffnung Ausdruck gegeben werden, daß ein Weg gefunden werden wird, der diese Schwierigkeit beseitigen wird. Am späteren Nachmittag schloß sich an diese Sitzung eine Aussprache mit Vertretern thüringischer Gemeinden, zu deren Einberufung die Reichsarbeitsgemeinschaft den preußischen und den sächsischen Landesverband ermächtigt hatte. Obwohl in Thüringen ein Landesverband besteht, hatte es sich erwiesen, daß er eine ausreichende Tätigkeit nicht entfalten konnte. Er umfaßt nur einen kleinen Teil der thüringischen Juden und ist auf Grund seiner Satzung zu irgendwelcher tatkräftigen Hilfeleistung nicht imstande. Die Besprechung zeigte mit erschreckender Deutlichkeit, daß hier unbedingt der Versuch gemacht werden muß, baldigst Wandel zu schaffen. An vielen Orten besteht überhaupt keine jüdische Gemeinschaft, vielfach gehören den Gemeinden nicht alle am Orte ansässigen Juden an, und nur ein Teil dieser Gemeinden besitzt die Rechte einer öffentlichen Körperschaft. Zahlreiche Kinder wachsen ohne jeden Religionsunterricht auf, eine geistliche Betreuung fehlt fast völlig und Verstorbenen kann mitunter keine rituelle Bestattung zuteil werden. Solche für die jüdische Religionsgemeinschaft untragbaren Zustände müssen schnellstens beseitigt werden. Da der thüringische Landesverband hierzu aus eigener Kraft nicht in der Lage ist, muß von außen her dabei geholfen werden. Diese Hilfs-