Das jüdische Echo
- Journal
- Das jüdische Echo
- Volume
- 19 (1932)
- Issue
- 33 (12.8.1932)
- Date
- 1932-08-12
- Page
- Seite 263 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr -3 Das Jüdische Echo 263 den politischen Gewalttaten und unterhielten in Synagogen- und Friedhofshallen Waffenlager. Der Minister würdigte die Mitteilungen mit allem Ernst und sicherte alle in seinen Kräften stehenden Maßnuilinmen zu. Die Judenfeindschaft in der Wirtschaftsentwicklung Angesichts der politischen Gefährdung der jüdischen Gemeinschaft durch das übermächtige Wachstum der radikalantisemitischen Parteien in Deutschland vergißt man leicht an den Haupttein d der Juden, der in Deutschland ebenso wirksam ist wie in den Vereinigten Staaten, nämlich an die Wirtschaftsentwicklung, die allerdings durch die bewußte antisemitische Haltung in Deutschland für die jüdische Gemeinschaft noch verschärft wird. Die Problematik des heutigen Spätkapitalismus ist von der des Hochkapitalismus grundverschieden; wir haben es nicht mehr mit dem Antisemitismus eines aufsteigenden Bürgertums zu tun, der sich verflüchtigte, sobald der Aufstieg gesichert war, sondern mit dem eines im Niedergang befindlichen Bürgertums. Die technische Entfaltung hat eine Stufe erreicht, wo auch eine großartige Erweiterung der Wirtschaft sich bei gleichzeitiger Verringerung der Beschäftigungsmöglichkeiten vollzieht. Wir sahen im letzten lahrzelmt »in Deutschland und in Amerika erstmalig die Erscheinung, daß die Zahl der in der Industrie beschäftigten Personen selbst während der Hochkonjunktur absolut abnahm. Der einzige Wirtschaftszweig, der eine Zunahme aufwies, war der Handel, insbesondere der Kleinhandel, in Amerika auch das Gastwirtgewerbe und ähnliche. Daß es sich dabei um eine durchaus ungesunde Entwicklung handelt, liegt auf der Hand. Nicht weil der Handel so große Möglichkeiten bot, strömten ihm die Menschen zu, sondern weil andere Möglichkeiten für sie überhaupt nicht vorhanden waren. Schon während der Konjunktur war der Handel in Deutschland überfüllt, in der Krise erweist sich, vollends seine Überdimensionierung. Die Luft wird immer stickiger und es ist nur natürlich, daß nun jeder einzelne und ebenso das Kollektiv versucht, sich in dem eng gewordenen Raum seinen Platz zu erobern. Darum verschärfter Kampf, verschärfter Antisemitismus. Hätte die aufsteigende Entwicklung des Hochkapitalismus lange genug gedauert, damit sich die Assimilation der deutschen luden vollende, so gäbe es hier heute allerdings keine ökonomische Judenfrage, Aber der Assimilationsprozeß ging nicht so schnell vor sich, gerade die Konzentration der Juden in den Großstädten verzögerte ihn und heute sind ihm bereits Schranken gesetzt. Die Juden existieren auch in Deutschland noch als eigene ethnische Gruppe und als solche sind sie in dem Kampf um die wirtschaftliche Existenz den Angriffen der größeren ethnischen Gruppe, des Wirtsvolkes ausgesetzt. Was für den Handel gilt, gilt in noch höherem Maße für die freien Berufe, in denen das Intellektuellenproletariat ranid zunimmt. Das erklärt auch, warum gerade die Hochschulen die Brutstätten des rabiatesten Antisemitismus sind. Die gleiche ökonomische Entwicklung vollzieht sich auch in A m e r i k a , nur wurde sie dort erst in der Krise sichtbar, da in einer in der Geschichte einzigartigen Prosperitätsperiode, wie sie Amerika von 1921 bis 1929 erlebte, auch ein überdimensionierter Handel Erwerbsmöglichkeiten bot. Das Schicksal der amerikanischen Juden ist sogar besonders tragisch, denn in den vereinigten Staaten liatte früher das Judentum noch verhältnismäßig die gesündeste Berufsstruktur. Ein großer Teil der jüdischen Einwanderer waren Arbeiter, die auch in der amerikanischen Gewerkschaftsbewegung eine namhafte Rolle spielte und zum Teil noch spielen. Seit dem Weltkrieg vollzog sich nun in den Reihen der amerikanischen Juden ein rascher Entproletarisierungsprozeß, an Stelle des jüdischen Schneiders, Mützenmachers, Kürschners tritt immer mehr der jüdische Bankbeamte, Versicherungsagent, Zahntechniker und dergleichen. Diese Entwicklung wurde — abgesehen von den jüdischen Sozialisten — meist als Ausdruck eines ungewöhnlichen sozialen Aufstieges gewertet. Nun zeigt sich, daß es ein Aufstieg von sehr zweifelhaftem Wert, ein Aufstieg in die Sphäre gesteigerter sozialer UnsUc h e r h e i t ist. Die Bankenzusammenbrüche, die Krise des Handels- und des Luxus- und Vergnügungsgewerbes, dem sich Juden in besonders hoher Zahl zuwandten, trifft sie besonders schwer. Hat die geschilderte Entwicklungstendenz eine Verschärfung der Judennot dadurch zur Folge, daß sich die Konkurrenz in den „jüdischen“ Berufszwcjgen verschärft, so wirkt noch eine andere Entwicklung besonders in Deutschland in der gleichen Richtung. Der Privatkapitalismus hat sich während der Krise zur Ausübung gewisser wirtschaftlicher Funktionen unfähig erwiesen und der Staat mußte für ihn einspringen. Zusammengebrochene Großbanken mußten vom Staat gestützt oder übernommen werden, das gleiche trifft für große Industriegebiete zu. Es genügt, in diesem Zusammenhang die Namen Dresdner Bank und Gelsenkirchen zu nennen. Die Entwicklung ging so weit, daß man heute vielfach bereits von einem ..Staatskapital i s m u s“ spricht. Aber jener Staatskapitalismus schränkt zwar die Unternehmerfreiheit ein, beseitigt sie auch in manchen Zweigen und unterscheidet sich eben dadurch vom Privatkapitalismus, er ist aber keinesfalls Sozialismus. Er beseitigt weder die Arbeitslosigkeit noch den Kampf um den Arbeitsplatz. Was ist da natürlicher, als daß die Angehörigen des „Staatsvolkes“ sich bemühen, die Arbeitsplätze in den vom Staat beherrschten Wirtschaftszweige für sich zu monopolisieren und die Volksfremden von ihnen auszuschließen? Wir sehen also, daß die Judenschranke, die bisher in der Hoheitsverwaltung bestand, nunmehr auch in einem großen Teil der Wirtschaft errichtet wird. Nun könnte mancher einwenden, daß diese pessimistischen Betrachtungen eine Generalisierung der augenblicklichen Krisenerscheinungen sind. Das ist aber nicht der Fall. Es ist ja im Gegenteil so, daß die akute Krise, vor allem die Arbeitslosigkeit, in Westeuropa die Nichtjuden härter trifft als die Juden, weil erstere in höherem Grade lohnerhaltende Schichten umfassen. Aber das ist nicht die Frage, die wir uns gestellt haben. Wir haben vielmehr versucht, die allgemeinen Entwicklungstendenzen der Wirtschaft festzustellen und sind zu dem^ Ergebnis gelangt, daß die Strukturveränderungen für die Juden ungünstig sind. Gewiß kann eine Bebe- bung der Wirtschaftskrise auch die akute Jtidennot mildern, aber diese wird auch dann wesentlich'' schwerer sein als sie noch vor wenigen Jahren war. Wesentlich ist aber vor allem, daß die ökonomische Judenfrage zwangsläufig auch die politische und moralische Judenfrage verschärft. Für ' die konstruktive Arbeit einer Normalisierung eines Volkskerns in Palästina ergibt sich aus dieser Er-