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Das jüdische Echo · 1932-08-05 · 32 (5.8.1932) · p. Seite 254

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Journal
Das jüdische Echo
Volume
19 (1932)
Issue
32 (5.8.1932)
Date
1932-08-05
Page
Seite 254 (sequence 2)
Language
German
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254 Das Jüdische Echo Nr. 32 Punkt als unchristlich, so scheint uns doch gewichtiger zu sein, daß es aus dem stärksten eigenen Interesse alle gegen die Verfassung etwa geplanten Anschläge zu verhindern wissen wird. Aus diesen und ähnlichen Überlegungen, aus gewissen Äußerungen des Reichskanzlers und schließlich auch aus aussenpolitischen Erwägungen ergibt sich, daß für uns Juden über die schon seit langem gegebenen Besorgnisse hinaus gegenwärtig kein Grund zu besonderer Beunruhigung besteht. Unsere Situation ist gewiß schlecht, sehr schlecht: durch den Wahlausfall dürfte sie aber kaum schlechter geworden sein. I. E. Meinungen zur Reichstagswahl „Jüdische Rundschau“ Die „Jüdische Rundschau“, nimmt zum Ergebnis der Reichstagswahlen in einem Artikel Stellung, in dem festgestellt wird, daß der Nationalsozialismus auch im deutschen Reichstag die bei weitem stärkste Partei ist und daß man auf Grund der Erfahrung des Preußischen Landtags, sich ein Bild darüber machen könne, in welcher Weise die Nationalsozialisten von dieser Position Gebrauch machen würden. Während jedoch im Landtag verschiedene Anträge nur demonstrativen Charakter hätten, könnte im Reichstag, falls es den Nazis gelingt, Zufallsmehrheiten für ihre Anträge zu bekommen, ein ernsteres Problem entstehen. Die uationalsozialistische Welle entspreche zweifellos dem in Deutschland insbesondere unter der Jugend und der Intelligenz herrschenden starken antiliberalen Zuge. Da der Liberalismus in der Vorstellung des Durchschnittsdeutschen eng mit dem Judentum verbunden sei, liege es nahe, daß Schichten, deren Bildungsgrad nicht besonders hoch ist, und die die tieferen Wurzeln der geistigen Revolution des 19. Jahrhunderts nicht kennen, in den Juden die Erfinder und Nutznießer des Liberalismus sehen. Als größte Partei Deutschlands habe die nationalsozialistische Partei aber auch auf die Stimme des Auslands zu hören. Sie scheine dazu zu neigen, dieses hinsichtlich ihrer antisemitischen Propaganda beruhigen zu wollen. Die „Jüdische Rundschau“ erwähnt in diesem Zusammenhang die im Anschluß an die Rundfunkrede des Reichskanzlers abgegebene Erklärung des Vertreters der Hearst-Presse, Herrn von Wiegand, weist aber •iarauf hin, daß eine Bestätigung dieser Erklärung von nationalsozialistischer Seite noch ausstehe. Was die Regierungsbildung anbetreffe, so lasse sich noch nichts Vorhersagen, ob die Anregung einiger Zeitungen der gemäßigten Rechten, den Nationalsozialisten in Form einer Regierungsbildung wichtige Ämter zu überlassen, Berücksichtigung finden werde. Es müße aber unterstrichen werden, daß die Bildung einer parlamentarischen Mehrheit ebenso wie in mehreren Länderparlamenten nur mit Hilfe des Zentrums, das den Antisemitismus und den Rassenstandpunkt als unchristlich verwerfe, möglich sei. Die Betonung der christlichen Weltanschauung durch die Regierung Papen könne, aber müße nicht als Spitze gegen das Judentum gedeutet werden. Sie könne auch in dem Sinne gemeint sein, daß die religiösen Fundamente der Kultur wieder stärker gefestigt werden sollen als es nach dem Erbe des Aufklärungszeitalters und des Materialismus der Fall sei. In einer prinzipiell so wichtigen Frage wie der Entrechtung der Juden oder der offiziellen Anerkennung des Rassenstandpunktes könne die Papenregierung gegenüber' dem Nationalsozialismus nicht nachgeben. Die in einem Artikel der „Täglichen Rundschau“ ausgesprochene Ansicht, daß die Juden in Deutschland wieder wie in den Zeiten des Mittelalters Schutzjuden seien, enthalte wohl ein Körnchen Richtigkeit: Galuth bedeute immer in dieser oder jener Form mit mehr oder weniger Peinlichkeit, mit mehr oder weniger Offenheit, Schutzjudentum. Wenn man dies nicht wolle, müsse man eine tiefe Zäsur in der jüdischen Geschichte machen, die Galuth überwinden und das jüdische Volk wieder Volk werden lassen. Ein Aeusserung aus Central-Vereins-Kreisen Zu der durch die Reichstagswahl geschaffenen Lage wird der Jüdischen Telegraphen-Ägentur vom Syndikus des Central-Vereins deutscher Staatsbürger jüdischen Glaubens, Dr. Alfred Wiener, mitgeteilt: Das Reichstagswahlergebnis bestätigt die Zuversicht, daß sich innerhalb des deutschen Volkes keine Mehrheit für eine Entrechtung der deutschen Juden finden läßt. Diese Feststellung besagt aber noch nichts über die politischen Folgerungen, die sich aus dem Kräfteverhältnis der einzelnen Parteien zu einander ergeben werden. Ob es überhaupt zu einem Kabinettswechsel kommt, ist noch nicht zu übersehen. Sollte sich bei einem Kabinettswechsel das Zentrum bereit finden lassen, in das Kabinett zusammen etwa mit Nationalsozialisten einzutreten, so sind wird gewiß, daß sich das Zentrum gegen jede offene Verfassungsverletzung, auch den deutschen Juden gegenüber, energisch stemmen wird. Deutsche Zentrumspartei und Judentum Berlin, 1. August. (JTA.) In einer am Vorabend der Reichstagswahlen in den Spichernsälen zu Berlin abgehaltenen Versammlung der jüdischen Zentrumswähler befasste sich der Vorsitzende der Berliner Organisation des Zentrums, Schulrat Kellermann, in längeren Ausführungen mit dem Verhältnis der Zentrumspartei zum Judentum. Er erklärte, die Zentrumspartei sei keine rein katholische Partei, sie habe es seit ihrer Gründung, seit Windhorst, immer abgelehnt — abgesehen von einer Minderheit von heute 3 % — sich als katholische Partei zu bezeichnen. Das Zentrum sei vielmehr eine religiöse Partei, in der gläubige Juden und Protestanten ebenso Platz finden wie die gläubigen Katholiken. Ihr ethisches Grundgesetz sei der Dekalog des alten Testaments. Die durch den Nationalsozialismus gefährdete Heiligkeit der Familie werde vom Zentrum, das sich darin mit altjüdischen J raditionen berühre, hochgehalten. Die Gedanken des Zentrums seien in besserem Sinne national als die der Nationalsozialisten, die die seit Jahrhunderten mit Deutschland verwachsenen Juden entrechten wollen. Schulrat Kellermann trat für die konfessionelle Schule ein. Er forderte jüdische Lehrer für jüdische Kinder, katholische Lehrer für katholische Kinder. Der Vorsitzende der Versammlung, R.-A. Dr. Kollenscher, stellte fest, daß die Beziehungen zwischen Juden und Zentrumspartei keinen Vertragscharakter hätten. Weder wolle das Zentrum eine Judenschutztruppe werden, noch erwarteten die Juden vom Zentrum die Erfüllung bestimmter Forderungen. Direktor Kareski wies darauf hin, daß es in diesem Wahlkampf um die Entscheidung zwischen zwei Persönlichkeiten, zwischen Brüning und Hitler gehe.

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