Das jüdische Echo
- Journal
- Das jüdische Echo
- Volume
- 19 (1932)
- Issue
- 31 (29.7.1932)
- Date
- 1932-07-29
- Page
- Seite 246 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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246 Das J&dlsche Echo Nr. 21 Landtag sind Hunderttausende republikanischer Stimmen verloren gegangen. Bei den Reichstagswahlen darf sich dieser Vorgang nickt wiederholen. Nur aus dieser Erwägung heraus vermögen wir den jüdischen Wählern nicht zu empfehlen, ihre Stimmen der Staatspartei zu geben. Es bleiben somit nur noch zwei Parteien, die Sozialdemokratie und das Zentrum. Wir brauchen nicht zu betonen, daß die jüdische Gemeinschaft in Deutschland nicht den geringsten Anlaß hat, sich mit der Sozialdemokratie zu identifizieren, oder gar zu glauben, daß sie jemals auch nur zu einem erheblichen Bruchteile in den Reihen des Zentrums eine in jeder Hinsicht entsprechende Stätte finden könnte. Die jüdische Gemeinschaft hat allen Anlaß, sich sowohl von der sozial scharf charakterisierten Sozialdemokratie, wie auch von dem katholischen Zentrum zu distanzieren. Unter den gegebenen Umständen aber sind es jedoch einzig und allein diese Parteien, die praktisch-politisch für den jüdischen Wähler in Frage kommen. Aus diesem Grunde muß den jüdischen Wählern ausdrücklich abgeraten werden, der kommunistischen Partei auch nur eine einzige Stimme zuzuführen. Wenn wir diese Empfehlung ergehen lassen, so geschieht das nicht, weil wir irgendwie gegen den Kommunismus und die kommunistische Partei uns aussprechen möchten. Die kommunistische Partei ist, darüber kann kein Zweifel bestehen, programmatisch absolut nicht antisemitisch. Ihr soziales und wirtschaftliches Programm mag manchen Juden sogar durchaus annehmbar und sympatisch erscheinen. Trotzdem kann ein jüdischer Wähler in Deutschland in der gegenwärtigen Stunde, wo der Judenpunkt leider im Vordergründe der politischen Kämpfe steht, nicht ohne weiteres seinen persönlichen Neigungen folgen, sondern er muß in erster Linie darauf bedacht sein, sein jüdisches Interesse in den Vordergrund zu rücken. Dieses aktuelle jüdische Interesse legt ihm die zwingende Verpflichtung auf, alles zu tun, um bei den praktisch-politischen Entscheidungen der nächsten Wochen und Monate nach seinen Kräften dazu beizutragen, daß Hitler von der Macht ferngehalten werde. Man dient am besten dieser Absicht, wenn man bei der Wahl am Sonntag als Jude entweder für die Sozialdemokratie oder für das Zentrum seine Stimme abgibt. Daß keine jüdische Stimme einer antisemitischen Partei oder einer Richtung, die mit Antisemiten in Listenverbindung steht, zufallen darf, darüber braucht man kein Wort zu verlieren, h. c. Zur Tagung des zionistischen Aktionskomitees Am 28. Juli beginnt , in London die Tagung des Aktionskomitees, welches seit dem letzten Kongreß in Basel zum ersten Male Zusammentritt. Wohl begreiflich, daß dieser Tagung eine Fülle von Fragen harrt. Wenn auch seit dem Kongreß die Lage in Erez Israel in politischer und wirtschaftlicher Hinsicht sich stark konsolidiert, ja sogar wesentlich gebessert hat, wird sich das Aktionskomitee mit dem aktuellsten Problem unserer gegenwärtigen Politik, dem French-Bericht, eingehender als sonst beschäftigen müssen. Aus dem bisher bekannten Teil des French-Berichtes, soweit sie trotz dem Dickicht der Geheimnistuerei seitens der palästinensisch-britischen Administration in die Öffentlichkeit durchsickern konnten, spricht deutlich die antijüdische Tendenz gegen jede weitere Entwicklung unseres Aufbauwerkes in Erez Israel. Das Aktionskomitee wird auf Grund des sachlichen Gegenberichtes der von der Jewish Agency eingesetzten Sachverständigenkommission in der Lage sein, nicht nur den sachgemäßen Standpunkt des aufbauenden Palästinas kennen zu lernen, sondern auch ein einmütiges Urteil abgeben zu können. Das Aktionskomitee ist ungeachtet aller beschwichtigenden Erklärungen verpflichtet, in vollem Ernste und in aller Offenheit die Ergebnisse des French-Bcrichtes zu erörtern und entsprechende Direktiven der Exekutive zu geben, die sowohl der Londoner Regierung als auch die ausführenden Organe der Mandatarmacht klipp und klar auf die Tatsache hinweisen sollen, daß der French-Bericht nebst den bisherigen diversen Weißbüchern nur geeignet ist, die Liquidation des jüdischen Palästina zu inaugurieren, was sicherlich vom jüdischen Volk nicht ruhig hingenommen werden könnte. Im Zusammenhang mit dem French-Berichte müßte auch das Aktionskomitee die gewissen, gegen uns gerichteten Schikanierungen und „Praktiken“ der Palästina-Administration eingehend erörtern und dementsprechend vorzunehmende Schritte in der Politik der Mandatarmacht gegenüber beschließen. Eine nicht mindere Aufmerksamkeit wäre bei der Erörterung der politischen Lage, den sich gegenwärtig abspielenden Geschehnissen in der arabischen Welt, zuzuwenden. Die Kämpfe gegen den Wahabitenkönig Einfälle sinaitischer Beduinen über Transjordanien in den Hedjas, weisen auf eine gewisse Verbindung London—Mekka-Amman hin. Der Besuch Ihn Feisals in Rom scheint weitaus den Rahmen eines bloßen Höflichkeitsbesuches überschritten zu haben und dürfte auf die Beziehungen zwischen England und dem Wahabitenkönig recht störend eingewirkt haben. Die letzten Gerüchte, wonach England die Absicht habe, Akaba von Transjordanien abzutrennen und als Freihafen dem Colonial-Office zu unterstellen, die Delegierung des englischen Beamten Mr. Antonius durch den Emir Abdullah von Transjordanien, sowie dessen Bevollmächtigung durch den Jerusalemer Mufti Husseini wegen Verhandlungen zwecks lebenslänglicher Belassung seiner Stellung, können als gewisse Umorientierungsabsichten Englands Transjordanien gegenüber gewertet werden, die dem wachsamen politischen Auge unserer Exekutive nicht entgehen dürfen. Im Zusammenhang mit diesen politischen Geschehnissen wäre es schon an der Zeit, daß das A. C., das seit Jahr und Tag von unseren politischen Exponenten vernachlässigte Problem Transjordanien, dessen historische Verbundenheit mit Erez Israel erst vor kurzem Chaim Weizmann in der ihm so eigenen exakten Formulierung hervorgehoben hatte, behandelt. Abgesehen von den rein politischen Fragen wird das A. C. in den Vordergrund seiner Beratungen Fragen unserer Finanz- und Wirtschaftspolitik zu stellen haben. Diesmal gilt es vor allem nebst der Behandlung einer radikalen Erleichterung der jüdischen Einwanderung und der Intensivierung sowie des Ausbaues unserer nationalen Siedlungen, einen rationellen Plan einer umfassenden Mittelstandskolonisation und 'daher auch entsprechender Kapitalinvestitionen festzulegen. Nebst der Erörterung unserer Außenpolitik und den Fragen unserer Finanz- und Wirtschaftspolitik