Das jüdische Echo
- Journal
- Das jüdische Echo
- Volume
- 19 (1932)
- Issue
- 31 (29.7.1932)
- Date
- 1932-07-29
- Page
- [Seite] (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
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Das Jüdische Echo Erschelnungszeit: Jeden Freitag. Bezug : Durch die Postanstalten oder den Verlag —Bezugspreis Jährlich: RM. 8.—. halbjährlich: RM. 4.—. vierteljährlich: RM. 2.—. Einzelnummer 20 Ruf. / Verlag, Auslieferung des ,.Jüdischen Echos“: München. Pllnganserttraße Nr. 64. I N H H L T : Ein Schicksalstag — Zur Tagung des zionistischen Aktionskomitees — Sicherung der öffentlichen Ordnung und Freiheit der politischen Betätigung in Preußen — Aus der jüdischen Welt — Gemeinden- und Vereins-Echo -- Geschäftliches — Spenden-Ausweis Anzeigen: Die viergespaltene Millimeter-Zeile 30 Rpf. I Famillen- Anzelgen Ermäßlgung/Anzeigen- Annahme: Verlag des Jldl sehen Echos. München. Plinganserstraße 64 / Telephon 73664/65 Postscheck - Konto: München 3^87 Nr. 31 München, 29. Juli 1932 19. Jahrgang Ein Schicksalstag Am 31. d. M. wird in Deutschland der kommende Reichstag gewählt werden. Mit ungeheurer Spannung erwartet nicht nur die Bevölkerung des Reiches, sondern die gesamte Welt das Ergebnis dieser Wahl. Die derzeitigen Machthaber im Reiche und, durch die bekannten Vorgänge, auch in Preußen, haben vielmals betont, daß der weitere Kurs der deutschen Politik und auch ihr Verhalten von dem Resultate der Reichstagswahlen bestimmt sein werden. Es handelt sich also nicht nur um eine Wahl unter vielen in der letzten Zeit vorgekommenen Wahlhandlungen, sondern um einen wahren Volksentscheid und um eine letzte Befragung, wie sich das deutsche Volk den weiteren Fortgang der Politik denkt. Zieht man die im Jahre 1932 in Deutschland abgegebenen Wahlstimmen zum Vergleich heran, so ist zu vermuten, daß auch die Reichstagswahl,entsprechend denErgebnissen beim zweiten Wahlgang für die Wahl des Reichspräsidenten und den Wahlen für die einzelnen Landtage, ein starkes Anschwellen der nationalsozialistischen Mandate mit sich bringen wird. Es kommt aber hierbei auf den Grad des Anwachsens der nationalsozialistischen Stimmenzahl an. Wird das Ergebnis dem nationalsozialistischen Erfolge bei der Reichspräsidentenwahl oder bei der Wahl für den Preußischen Landtag entsprechen, oder ihn sogar noch übertreffen, dann wird der Machtbeteiligung der Nationalsozialisten im Reich und in den Ländern, wenn nicht gerade der Machtübernahme, kein Damm entgegengesetzt werden können. Sollte jedoch bei der Wahl am 31. Juli die Sturmflut der nationalsozialistischen Sitmmenvermehrung einen, wenn auch nur geringen Rückgang zeigen, dann wird diese Erscheinung symptomatisch sein dafür, daß die Sintflut ihren höchsten Stand erreicht hat und nunmehr abzuebben beginnt. Es wird sich also um jede Stimme handeln, die bei den Wahlen abgegeben werden kann. Wie die Dinge heute liegen, halten einander die zwei großen politischen Lager, die Faschisten und die Republikaner, die Waage. Die kommunistische Partei, zwischen beiden Lagern stehend, wird von den derzeitigen Inhabern der Gewalt im staatspolitischen Sinn als nicht entscheidend angesehen. Aus der Tatsache, daß rechts und links für sich allein nicht genügend Kraft haben, um das gegnerische Lager niederzuhalten, leitet das gegenwärtige Regime für sich das moralische Recht ab, gestützt auf die Machtmittel des Staates, das Heft in der Hand zu behalten und solange am Ruder zu bleiben, bis sich nicht eine klare Mehrheitsbildung ergeben hat. Wenn nun die Reichstagswahlen an dieser Sachlage nur sehr wenig ändern, kann man damit rechnen, daß das gegenwärtige Provisorium von langer Dauer sein wird. Wie man sich zur Regierung Papen-Schleicher als Bürger dieses Staates, als Anhänger einer bestimmten politischen Auffassung stellen soll, ist eine Frage, die außerhalb des Rahmens einer jüdischen Zeitung, die sich in erster Linie verpflichtet fühlt, für jüdische Interessen einzutreten, fällt. Als Juden muß es uns jedoch klar sein, daß unter den obwaltenden Verhältnissen die Regierung Papen- Schleicher gegenüber einer möglichen Regierung Hitler-Strasser das kleinere Übel ist. Darum, wir scheuen uns nicht, es als Realpolitiker unbeschadet aller Nebenempfindungen und unbeschadet der Tatsache, daß die Regieiung Papen-Schleicher weitgehend unter dem Einfluss der Nationalsozialisten steht, es auszusprechen, haben wir im Augenblick das größte Interesse, daß diese Regierung nicht durch iein Regime Hitler abgelöst werde. Darauf folgt, daß keine jüdische Stimme irgendeiner Richtung zugute kommen darf, die direkt oder indirekt den Nationalsozialisten in ihrem Streben, zur Macht zu gelangen, nützen könnte. Wir wissen ganz genau, daß die gegenwärtig das Heft in der Hand haltenden Männer im Reiche und in Preußen allzu sehr geneigt sind, Gedankengängen nachzugehen, die aus der nationalsozialistischen Küche stammen. Eines aber ist anzunehmen, nämlich, daß sich die derzeitigen Machthaber davor hüten werden, die Buchstaben der Gleichberechtigung zu verrücken. Darum sind sie uns, wohl oder übel, genehmer als ein offenes nationalsozialistisches Regime, welches, da ihm Erfolge auf wirtschafts- und außenpolitischem Gebiete versagt beiben müssen, allzu leicht geneigt sein wird, sich Lorbeeren auf dem dritten und gefiihlsmässig ersten Hauptgebiet seiner Vorstellungswelt im Kampfe gegen die Juden zu holen. Man mag natürlich darüber klagen, daß es so weit gekommen ist, eine Regierung, die die Nationalsozialisten als stille Partner hat, als das kleinere Übel anzusehen. Wir hatten und haben aber nicht die Macht, diese Verhältnisse zu ändern. Die Tatsachen sind stärker als wir, und darum muß das vorläufige Ziel unserer Bestrebungen sein, daß sich die Verhältnisse nicht noch zum Schlimmeren wenden. Wenn man die Dinge so betrachtet, dann bleibt für den jüdischen Wähler unter allen Parteien, die sich um Stimmen bewerben, nur eine ganz kleine Kollektion, unter der er zu wählen vermag. Hierbei muß er sich vor Augen halten, daß mit seiner Stimmenabgabe der größte Nutzeffekt erzielt werde. Die vorangegangenen Wahlen haben in dieser Hinsicht den deutschen Wählern böse Enttäuschungen gebracht. Bei der Wahl zum Preußischen