Das jüdische Echo
- Journal
- Das jüdische Echo
- Volume
- 19 (1932)
- Issue
- 29 (15.7.1932)
- Date
- 1932-07-15
- Page
- Seite 232 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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« 232 Das Jüdische Echo Nr. 29 bürgerlicher Moralbegriffe einiges gewöhnt und man wundert sich längst nicht mehr, wenn der größte Teil der kapitalistischen Presse, der Spiegel der bürgerlichen Welt, von den Verfallserscheinungen nicht nur angekränkelt ist, sondern teilweise tonangebend vorausgeht. Ein Musterbeispiel hierfür ist der stockreaktionäre großkapitalistische Nürnberger „Fränkische Kurier“, ein Blatt, das wiederholt schon charakterathletische Kraftproben von sich gegeben hat. Vom im redaktionellen Teil heißt das Blatt in geradezu widerlicher Weise alles gut, was das Braune Haus an Gemeinheiten gegen die Arbeiterschaft und gegen das Judentum von sich gibt, das hält aber nicht ab, hinten um so eifriger um jüdische Inserate zu werben. Ein besonders typisches Beispiel für die Gesinnungstüchtigkeit dieses „vornehmen Blattes Nordbayerns“ liefert die Nummer 185 vom 6. Juli. Tagelang schwelgte die politische Redaktion auf den beiden ersten Seiten in übertriebenen Schilderundeu der Münchener Braunhemdenmaskerade und registrierte feinsäuberlich jeden Ton, den irgendein hakenkreuzlerischer Bonze von sich gab. Auf der letzten Seite der gleichen Nummer aber füllt eine volle Viertelseite Raum eine Protestentschließung des Gentral-Vereins deutscher Staatsbürger jüdischen Glaubens gegen die Nazi-Judenhetze. „Wir erheben, heißt es da — feierlichen Einspruch gegen die schmachvolle judenfeindliche Hetze in unseren Heimatstädten. Erbittert wenden wir uns gegen die Verleumdungen und Beschimpfungen. Mit Zorn und Entrüstung verwehren wir uns gegen die Schandplakate „Die Juden sind unser Unglück“ und „Fertigmachen nach Palästina“. Wir verlangen, daß einem Zustand ein Ende gemacht werde, der mit einem Rechtsstaat unvereinbar ist. Wir wenden uns an alle gerechtdenkenden Mitbürger,'wir wenden uns an Reich und Land und rufen sie auf, den ungehemmten Schmähungen und der gefährlichen Aufreizung zum Haß endlich Einhalt zu tun.“ Soweit die „Münchner Post“. Uns will scheinen, daß man in diesem Falle nicht mir das Verhalten des „Fränkischen Kurier“, sondern auch das des Gentral-Vereins angreifbar gewesen ist. Aus der jüdischen Welt Max Liebermanns 85. Geburtstag Berlin. (JTA.) Am 20. Juli vollendet der große Maler Professor Max Liebermann sein 85. Lebensjahr. Max Liebermann wurde 1847 in Berlin als Sohn einer angesehenen jüdischen Fabrikantenfamilie geboren, bezog 1868 die Universität, um Philosophie zu studieren, besuchte gegen den Willen seines Vaters heimlich die Malakademie, wo er bald ein Meisterschüler Karl Steffecks wurde. Mit Einwilligung seines Vaters ging dann Max Liebermann 1869 nach Weimar, wo er bei Ferdinand Pauwels malte und bei Tumann zeichnete. 1873 entstand Liebermanns erstes größeres Gemälde „Die Gänserupferinnen“. 1879 begab er sich nach Holland, wo er mit Josef Israels in sehr freundschaftliche Beziehungen trat. 1880 entstand hier sein Bild „Alte Frau am Fenster“ sowie das zu seinen kostbarsten Schöpfungen gehörende Bild „Altmännerhaus in Amsterdam“, das ihm in Paris eine Medaille und die Ernennung zum Ritter der Ehrenlegion eintrug. Im Dezember 1873 übersiedelte er nach Paris, wo er sehr viel von Manet, Millet und anderen modernen französischen Malern lernte. 1884 ließ sich Liebermann in Berlin dauernd nieder. Als Radierer errang Liebermann ebenfalls große Bedeutung. Auch als Kunstschriftsteller hat sich Liebermann hervorgetan, er schrieb Monographien über Degas, Josef Israels, Menzel und Manet, ferner „Über die Phantasien der Malerei“ u. v. a. Liebermann wurden im Verlauf seines reichen schöpferischen Lebens außerordentlich viele Ehrungen zuteil. Er ist Ehrendoktor der Universität Berlin, besitzt die Großen Goldenen Medaillen von Berlin, München, Paris, Dresden, Antwerpen und Venedig, ist Ehrenmitglied der meisten Akademien des Festlandes und Ehrenpräsident der Berliner Kunstakademie. Max Liebermann hat wiederholt an jüdischen sozialen und charitativen Angelegenheiten Anteil genommen, er förderte den „Bezalel“ in Jerusalem und interessierte sich, wie sein an den Bürgermeister von Tel-Awiw Dizengoff vor einiger Zeit gerichtetes Schreiben bezeugt, auch für die junge palästinensische Kunst. In seinem 80. Lebensjahre schuf er die Graphik „Die Mutter der Zwölftausend“ zum Gedenken an die zwölftausend im Kriege gefallenen deutschen Juden und widmete sie dem Reichsbund jüdischer Frontsoldaten. 60 Jahre Hochschule für die Wissenschaft des Judentums Berlin, 1. Juli. (JTA.) Die Hochschule für die Wissenschaft des Judentums blickt in diesen Wochen auf ein sechzigjähriges Bestehen zurück. Sie veröffentlicht aus diesem Anlaß einen Bericht, dem die fünf Dozenten kurz gehaltene, doch überaus wertvolle, wissenschaftliche Abhandlungen beigegeben haben, aus denen auch der Laie ein Bild von der Hochschule und ihrem Gebiet gewinnt. Dem Tätigkeitsbericht des Kuratoriums über das Jahr 1931 geht eine kurze Übersicht über die Geschichte der Hochschule, ihren Auf- und Ausbau während der sechzig Jahre, den Kampf um ihre Unabhängigkeit und um ihre Erhaltung, ihr Vorwärtsstreben, ihre Leistungen und ihre Anerkennung voraus. Die „Frankfurter Zeitung“ und Herr Polizeivizepräsident Weiß Der rabiate Wahlkampf droht den Rest der Vernunft noch zu zerstören. Das Niveau, auf dem er geführt wird, ist schauerlich. Die NSDAP, gibt dabei den Ton an. Der alte Satz, daß Politik den Charakter verderbe, ist reichlich unsinnig. Es ist gerade umgekehrt: sämtliche Scheußlichkeiten des Charakters, deren die Leute fähig sind, werden hemmungslos über die Gegner ausgeschüttet, — und man ist noch stolz darauf. Spielregeln gibt es nicht mehr. Selbst die Frau des Vizepräsidenten der Berliner Polizei ist vor gemeinen Anwürfen nicht mehr sicher, weil die Nationalsozialisten ihren Mann politisch vernichten wollen. Ob es andererseits richtig ist, in dieser Zeit, wo die Polizei täglich politisch dreinschlagen muß, einen beim Gegner besonders verhaßten jüdischen Vizepräsidenten zu haben, ist eine andere Frage, die man sich längst hätte überlegen müssen. Von dieser neuen Äußerung der „Frankfurter Zeitung“ gilt in erhöhtem Maße, was wir bereits früher im „Jfid. Echo“ zum Ausdruck gebracht haben. Wir wären höchst gespannt darauf, was herauskäme, wenn die „Frankfurter Zeitung“ sich heute prinzipiell zur Judenfrage äußern würde. Abermals schwere Ausschreitungen an der Berliner Universität Berlin ,12. Juli. (JTA.) Am Dienstag, den 12. Juli, gegen ^11 Uhr vormittags entdeckte man in