Das jüdische Echo
- Journal
- Das jüdische Echo
- Volume
- 19 (1932)
- Issue
- 29 (15.7.1932)
- Date
- 1932-07-15
- Page
- Seite 230 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 97% known words query
- IRI
…/9072829-9103089-9181530--12410-9084480- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
230 Das Jüdische Echo Ni. 29 vergessen. Nachdem jahrelang vorher systematisch die Schuld an all dem Unglück, das Deutschland getroffen, angefangen vom Ausgang des Weltkrieges und dem „Schmachvertrag“ von Versailles bis zu Youngplan, Arbeitslosigkeit und Bankenkrach nicht jenem größenwahnsinnigen Halbidioten von Gottes Gnaden und seinen Hofvasallen, sondern den Juden zugeschoben wurde, soll nun der Jude ganz ausgerottet werden und aus dem deutschen Leben verschwinden. Das geht verhältnismäßig leicht und schmerzlos. Für das deutsche Volk natürlich. Das Ausland wird sich gewiß nicht um die paar armseligen hunderttausend deutschen Juden kümmern, es hat an seinen eigenen Sorgen und — Juden genug und übergenug, also feste druff! Und schon wird in allen Landtagen Judenentrechtung und Schächtverbot beantragt, schon werden jüdische Angestellte aus Geschäften und Büros, jüdische Journalisten aus den Redaktionen, jüdische Schauspieler und Regisseure aus den Theatern gejagt und nun soll auch das Vermögen der Juden konfisziert werden. Es ist das alte Rezept: Der Sündenbock! Wir kennen ihn aus dem Mittelalter,Jwir kennen ihn aus dem alten Rußland. Deutschland, dem „Herrenvolk“, an dessen „Wesen die Welt genesen soll“, ist es beschieden, ihn wieder herrlich auferstehen zu lassen. Schwere Zeiten kommen über das Judentum und die deutschen Juden werden die ersten sein, die ihr Judesein in furchtbar tragischer Form zu spüren bekommen werden. Es verleiht dieser Tragik einen bitteren Beigeschmack, daß gerade die deutschen Juden es waren, die sich mit ihrem Wirtsvolk ganz verwachsen glaubten, die meinten, es bedürfe nur einer besonderen Leistung des Juden, um in den offenen Armen seiner Umwelt als gleichberechtigt und gleichwertig zu landen. Und sie taten alles, um dieses „Gleich“ zuerkannt zu bekommen. Obwohl kaum ein Prozent der Gesamtbevölkerung, vollbrachten sie übermenschliche Leistungen, stellten sich durch hervorragende, oft geniale Persönlichkeiten an die Spitze von Literatur, Kunst und Wissenschaft, Politik, Wirtschaft und Technik. Und das Ergebnis? Das gerade Gegenteil dessen traf ein, was sie erwartet hatten. Mit der Leistung des Juden stieg auch der Haß gegen ihn und die Anfeindung, wuchs die Gefahr für sein Leben und seine Existenz. Vielleicht wird aber diese entsetzliche Zeit, die unsere Brüder in Deutschland jetzt durchmachen müssen, wenigstens den einen Vorteil haben und sie das begreifen lassen, was Rathenau und seine Zeit nicht verstand: Nicht Anpassung an Fremdes, noch Arbeit, ja nicht einmal Aufopferung für Fremde, sondern einzig Besinnung auf sich selbst und Arbeit für sich selbst und seine Art macht den Menschen wie den Juden erst — zum Menschen unter Menschen. Hans Goslar über „Die Sozial*« und Wirtschaffsethik des Alten Testaments“ Vortrag im Deutschland-Sender Berlin, 8. Juli. (JTA.) Im Hinblick auf den Verleumdungsfeldzug der Nationalsozialisten gegen das Alte Testament und die im evangelischen Teil des deutschen Volkes überhandnehmende, sogar von manchen Kirchenkreisen genährte Bewegung, das Alte Testament als „rassisch-jüdisch“ auch aus dem religiösen Leben auszuschalten, ist es bemerkenwert, daß der Deutschland-Sender Königswusterhausen Herrn Ministerialrat Hans Goslar Gelegenheit gegeben hat, eine Vortragsreihe über „Sozial- und Wirtschaftsethik des Alten Testaments“ zu halten. Der erste Vortrag der Reihe fand am Donnerstag, den 7. Juli, 18.30 Uhr statt. Auch wir Heutigen, sagte Hans Goslar, können manches, ja sogar erstaunlich viel an großen Gesichtspunkten und Leitsätzen zu Nutz und Frommen unserer Zeit aus dem Sozial- und Wirtschaftssystem des Alten Testaments lernen. Man muß sich allerdings vorher darüber klar sein, daß das Alte Testament nicht eine Sammlung von Legenden und Heldensagen sein will — im Gegenteil bestätigen alle bisher gemachten Ausgrabungen in der alten vorderasiatischen Kultursphäre die geradezu verblüffend genaue und zuverlässige Berichterstattung der Bibel über alle historischen und völkerkundlichen Begebenheiten und Zustände ihrer Zeit und der Vorzeit. Das Alte Testament ist vor allem ein Lehr- und Gesetzbuch, das ein einheitliches System darstellt, das allerdings erst in seiner Ganzheit und in seiner gewollten Gegensätzlichkeit zu den vorzeitlichen und zeitgenössischen Kulturen klar erkennbar wird, wenn man das gewaltige Material mit berücksichtigt, das die sogenannte mündliche Überlieferung des Judentums —- etwa 1800 Jahre hindurch getreu fortgepflanzt und erst dann in Form der „Mischna“ niedergeschrieben — der schriftlichen Überlieferung der Bibel zur Seite stellt. Sehr geistvoll hat ein neuerer, fest auf dem Boden der sinaitischen Offenbarung der Bibel stehender jüdischer Gelehrter, Samson Raphael Hirsch, das Alte Testament das kurze, nur Lehrsätze enthaltende Stenogramm eines großen Kollegs genannt, das nur von dem voll verstanden werden kann, der das gesamte Kolleg — in diesem Fall die mündliche Lehre — gehört hat. Das Wirtschafts- und Sozialsystem ist, entsprechend dem Zweck der Erziehung einheitlicher Menschen, die sich zu einem harmonischen Volk als Vorbild endlich für eine einheitliche, in hochstehender friedlicher Gesinnung miteinander verbundene Menschheit zusammenfügen sollen, ein geschlossenes Ganzes. Ziel und Zweck des Systems ist vor allem der lebende Mensch, ist die Schaffung von Zuständen, die ihm ein arbeitsames, aber gerade darum freies und glückliches Leben ermöglichen sollen. Dieser Zustand kann nur erreicht werden, wenn das Volk nicht gespalten und zerrissen wird durch den unheilbaren Gegensatz zwischen Besitzenden und Besitzlosen. Den zwölf Stämmen wird je ein Bodenanteil im Lande zugewiesen. Als Sicherungsmaßnahme dagegen, daß manche Familien für immer ihres Bodens verlustig gehen und als besitzlose Proletarier in die Stadt und ins Elend abgedrängt werden, wird gesetzlich bestimmt: der Boden kann überhaupt nicht auf immer verkauft werden. Rechtlich möglich ist nur die Abtretung des Bodens in Gestalt des Verkaufs der Ernten bis zum „Jobeljahr“. Aber auch bis zum „Jobeljahr“ kann der Besitzer jederzeit, sobald er wieder in bessere Verhältnisse gekommen ist, den Besitz wieder erwerben. Für den neuen Besitzer besteht gesetzlicher Zwang zur Wiederherausgabe. Ebenso kann ein Verwandter des Besitzers als „Goel“ (Erlöser) jederzeit den Boden für den Verarmten zurückerwerben. Auch im schlimmsten Falle kann eine Familie niemals länger als auf eine Generation vom Bodenbesitz abgedrängt werden. Der Boden ist ein Lehen Gottes an die Menschheit, die Urproduktion durch die Bodenbearbeitung die gesunde und unersetzbare Grundlage jedes menschlichen Gemeinwesens. Daher darf der Boden niemals Spekulationsobjekt werden. Die Bestrebungen der Bodenreform von