Das jüdische Echo
- Journal
- Das jüdische Echo
- Volume
- 19 (1932)
- Issue
- 29 (15.7.1932)
- Date
- 1932-07-15
- Page
- [Seite] (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
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Das Jüdische Echo Erscheinungszeit: Jeden Freitag. Bezug : Durch die Postanstalten oder den Verlag. — Bezugsoreis: Jährlich; RM. 8.—. halbjährlich: RM. 4.—. vierteljährlich: RM. 2—. Einzelnummer 20 Rof. I Verla«, Anslleferung des ,.Jüdischen Echos“: München. Plinganserstraße Nr. 64. N H L T Wahlparole — Hans Goslar über „Die Sozial- und Wirtschaftsethik des alten Testamenss“ — Reichsregierung für staatsbürgerliche Gleichberechtigung der Jmden — Vorne so, hinten so — Aus der jüdischen Welt — Gemeinden- und Vereins-Echo — Geschäftliches — Spenden-Ausweis Anzeigen: Dl? viergespaltene Millimeter-Zeile 30 Rpf. / Famillen- Anzeigen Ermäßigung / Anzeigen- Annahme: Verlag des J i d 1schen Echos. München. Plinganserstraße 64 / Telephon 73664/65 Postscheck - Konto: München 3987 Nr. 29 München, 15. Juli 1932 19. Jahrgang Wahlparole In zwei Wochen werden die deutschen Wähler wieder an die Urne schreiten, um den kommenden Reichstag zu wählen. Auf die Bedeutung dieser Wahl hinzuweisen ist überflüssig. Wie in allen Fällen während der letzten Jahre ist auch diese Wahl für die in Deutschland lebenden Juden infolge der hemmungslosen judenfeindlichen Agitation der gegenwärtig stärksten deutschen Partei, der Nationalsozialisten, noch bedeutungsvoller als für die nichtjüdische Umwelt. Kein Mensch kann voraussehen, wie sich die letzten Ereignisse, die Notmaßnahmen der neuen Regierung, das Ergebnis von Lausanne usw. auf den Wahlausgang auswirken werden. Immerhin ist mit einem starken Anwachsen der radikal antisemitischen Stimmen, verglichen mit den Reichstagswahlen vom Jahre 1930, zu rechnen. Es ist erfreulich, daß sich in Deutschland gegenwärtig eine geschlossene antifaschistische Front gebildet hat. Man kann also hoffen, daß es der vereinigten antisemitischen Rechten nicht gelingen wird, allein die Mehrheit im kommenden Reichstag zu erlangen. Zu diesem Zweck ist es aber nötig, daß auf Seiten aller verfassungstreuen Richtungen alles getan werde, um eine Zersplitterung und einen unverzeihlichen Stimmenverlust zu verhindern. Die jüdischen Wähler werden also gut daran tun, sich bei der Abgabe ihrer Stimmzettel diese Überlegung vor Augen zu halten. Sonst kann eine jüdische Parole in diesem Augenblick, unter bewußter Hintansetzung aller privaten Interessen, nur lauten: K e i n e S t i m m e f ü r a n t i s e m i t i s c h e P arte i e n und auch für solche Richtungen, die m i t d e n A n tis e mit e nin Lis t e n Verbindung stehe n. Die letzten Vorgänge in Deutschland haben in der ausländischen Judenheit das größte Aufsehen erregt und die Bereitschaft erzeugt, der deutschjüdischen Gemeinschaft zu Hifle zu kommen. Pressestimmen und Protestversammlungen legen Zeugnis von dieser Haltung der Juden im Auslande ab. Der Kampf der Auslandsjuden gegen die Enteignungsentscliließung gegenüber den Ostjuden nützt auch den eingesessenen deutschen Juden. Wohl oder übel müssen die antisemitischen Heißsporne und Gesetzesmacher auf die Tatsache Rücksicht nehmen, daß sie die in Deutschland lebenden ausländischen Juden nicht als Freiwild betrachten dürfen. Diese Erkenntnis muß auf sie ernüchternd wirken. Wie Auslandsjuden sich zu den letzten Ereignissen in Preußen-Deutschland stellen, lehrt ein Beitrag, den wir von einem ehemals in Deutschland wohnhaften, nunmehr in seine Heimat zurückgekehrten Juden bekommen haben und den wir nachstehend im Auszug wiedergeben. Die Lage in Preußen nimmt bedrohlichen Charakter an. Mit banger Sorge sieht die preußische Judenheit der Zukunft entgegen, schon die nächsten Tage können das Unglück über sie hereinbrechen lassen. Zwar »kommt den letzten Beschlüssen des preußischen Landtages keine praktische Bedeutung bei, sie sind nur als Demonstrationsanträge zu werten. Die Regierung wird ihnen nicht entsprechen, denn sie verstoßen gegen die Reichsverfassung und sind auch keine Gesetze, sondern nur Anregungen, denen die Regierung nicht nachkommen muß. Wie dem aber auch sei — daß es so weit kommen konnte, ist Beweis genug, daß die politische Atmosphäre in Deutschland unerträglich geworden ist. Was wir seit jeher befürchtet haben, beginnt sich zu bewahrheiten. Die Nationalsozialisten wissen selbst nur zu gut, daß ihr außenpolitisches Programm ein Hirngespinst ist, und aus ihren Erklärungen in der ausländischen Presse geht klar hervor, daß sie wenigstens vorläufig nicht die mindeste Absicht haben, mit ihren Revisionsplänen ernsi zu machen. Sie wissen, daß es dann nicht nur ihnen, sondern dem ganzen deutschen Volke an den Kragen gehen wird, ln der Innenpolitik gab es zwar eine Zeit, wo sie sich sehr revolutionär und marxistisch gebärdeten, aber als ihnen das von ihren Geldgebern übel genommen wurde, mußten plötzlich auf Befehl des Braunen Hauses alle irgendwie nach Sozialismus riechenden Mäuler verstummen. Damals kam es zur Spaltung der Nationalsozialistischen Deutschen „Arbeiter“-Partei, eine Gruppe unter Hauptmann Stennes revoltierte und wurde aus der Partei ausgeschlossen. Was aber bis dahin nur stilles Geheimnis war, weiß heute jedes Kind: Hitler ist seinen Geldgebern auf 7'od und Leben verschrieben, xmal hat er den Geldsäcken der Schwerindustrie und den Hohlköpfen des ehemaligen Hofes seine Loyalität beteuert, wofür er schmunzelnd den gesalzenen Scheck des Herrn Krupp von Bohlen einstecken darf. Was fängt man aber mit der Masse an? Die ist bekanntlich launisch wie das Wetter und wechselt ihre Götter wie die Hemden. Was heute Hitler ist, kann morgen Thälmann sein, noch dazu, wenn man sich in seinen Hoffnungen auf Arbeit und Brot getäuscht sieht und Herr von Papen statt des erwarteten Goldregens nur neue Notverordnungen und Lohnkürzungen vom Himmel seines Lachkabinetts fallen läßt. Etwas muß geschehen, um dieser unbequemen Masse den Mund zu stopfen. Und so wirft man ihr — d e n J u d e n zum Fraß hin. Ob sie sich daran satt essen wird, ist mehr als fraglich. Gewiß wird sie aber für eine Weile Not und Hunger