Das jüdische Echo
- Journal
- Das jüdische Echo
- Volume
- 19 (1932)
- Issue
- 28 (8.7.1932)
- Date
- 1932-07-08
- Page
- Seite 224 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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224 Das Jüdische Echo Nr. 28 sten antisemitischen Ausschreitungen schütze — dann werde sie als „judenfreundlich“ verschrien! Die jüngsten antisemitischen Universitätskrawalle hätten eine wirtschaftliche Ursache und einen politischen Zweck. Es bestehe nämlich in Polen ein durch die Wirtschaftskrise verschärftes Überangebot an Akademikern. Während man aber anderwärts den Ausgleich zwischen Angebot und Nachfrage vom freien Spiel der wirtschaftlichen Kräfte erwarten würde, liege in Polen die Versuchung allzu nahe, das Gleichgewicht durch terroristische Ausschaltung der „minderwertigen Rassen“ herzustellen, und diese terroristische Methode werde von der öffentlichen Meinung Polens weitgehendst gebilligt! — Da der Nationalitätenkampf, dessen Zeichen man überall begegne, noch durch die wirtschaftliche Not verschärft werde, so sei die Erbitterung im Lande derart groß, daß man an eine Stabilität der Verhältnisse nicht glauben und ein Voraussagen nicht wagen könne. — Farbmann schildert dann die Parteikämpfe und die außenpolitische Lage Polens, um all die ungeheuren Spannungen, die das neue Staatswesen zu zersprengen drohen, sichtbar zu machen. Aus der jüdischen Welt Antisemitischer Überfall auf den Geschäftsführer der Göttinger Synagoge Göttingen, 3. Juli. (JTA.) Der Geschäftsführer der Göttinger Synagogengemeinde Taustein wurde in der Nacht von vier Nationalsozialisten, die ihn im Kraftwagen verfolgt hatten, überfallen, mit der Anlasserkurbel des Autos mehrere Male über den Kopf geschlagen, so daß er bewußtlos und blutüberströmt zusammenbrach. Vor der Tat schrien ihm die S.A.-Leute zu: „In Düsseldorf sind zwei Parteigenossen erschossen worden, dafür mußt du büßen!“ Taustein wurde schwer verletzt in die chirurgische Klinik gebracht, die Täter sind ermittelt worden. Raubmörder aus Antisemitismus Berlin, 29. Juni. (JTA.) Das Landgericht Berlin I fällte am Dienstag nachmittag das Urteil gegen den 17jährigen Zepernick und den 22jährigen Rühlow, die angeklagt waren, am 2. Februar d. J. an dem jüdischen Kaufmann Meyerhardt einen Raubmord begangen zu haben. Der junge Zepernick wurde zu sechs Jahren und einem Monat Gefängnis, Rühlow zu zwölf Jahren und einem Monat Zuchthaus verurteilt. In der Verhandlung vor Gericht erklärten beide Angeklagten, ihre Tat sei der nationalsozialistischen Ideologie entsprungen. Zepernick und Rühlow waren Nationalsozialisten. Zepernick war auch zeitweilig in der S.A. Rühlow erschien in der Fortbildungsschule mit dem Hakenkreuz geschmückt und man war gezwungen, gegen ihn displinarisch vorzugehen. Vor Gericht sagten beide, in Tränen aufgelöst: „Wir dachten uns, Meyerhardt ist ein Jude, er saugt die Arbeiter aus, ihm kann man Geld wegnehmen. Dem sollte man was zeigen.“ Und für die plötzliche Ernüchterung, Angesicht zu,Angesicht mit dem Opfer, hatte Rühlow folgende Erklärung: „Wir verloren plötzlich den Mut und die Nerven, wir hatten uns gedacht, wir würden einen Mann mit einer Hakennase vor uns sehen, ein geiziges Gesicht. Statt dessen sahen wir ein gutes Gesicht. Deshalb rief ich: „Das ist er nicht!“ Antisemitische Unruhen in der Berliner Universität B e r 1 i n , 30. Juni. (JTA.) Nachdem am Dienstag, den 28. Juni, Versuche der Nationalsozialisten, im Anschluß an eine Kundgebung im Lustgarten antisemitische Unruhen in der Universität hervorzurufen, mißlungen waren, entlud sich die gespannte Stimmung erst am Donnerstag, den 30. Juni. Gegen Mittag bildeten sich nationalsozialistische Studententrupps, die überall in der Halle herumstanden, das Horst Wessel-Lied sangen und „Juda verreche!“, „Juden raus!“ riefen. Es kam zu Plänkeleien zwischen Nazis und republikanisch gesinnten Studenten. Man sah, wie einige Personen mit blutigen Köpfen weggeführt wurden. Der Rektor, der von den Plänkeleien benachrichtigt wurde, erschien in der Halle und forderte die streitenden Parteien auf, sich zu trennen und nacii rechts und links zu treten. Der Aufforderung des Rektors wurde Folge geleistet. Der Rektor forderte die streitenden Parteien auf, durch verschiedene Tore das Universitätsgebäude zu verlassen, und bat die Führer um ihr Ehrenwort, daß sie dafür sorgen, daß Friede gehalten werde. Nachdem die Ansprache des Rektors still angehört wurde, ergriff der Führer der Nazi-Studenten das Wort und stellte die Bedingung, daß die „Juden zuerst gehen“ sollen. Diese Bedingung konnte der Rektor nicht erfüllen, so daß sein Vermittlungsversuch damit gescheitert war. Unter Führung des Rektors verließen die linken Studenten die Halle und das Universitätsgebäude, während die Nazis von den Pedellen nach der anderen seite hin abgedrängt wurden und das Universitätsgebäude verließen. Dabei kam es wieder zu Zusammenstößen zwischen Links und Rechts, die sich nachher in der Universitätsstraße, wo sich beide Züge trafen, erneuerten. Die herbeigeeilte Polizei war bemüht, die beiden Lager voneinander abzudrängen, konnte aber nicht verhindern, daß es wieder blutige Köpfe gab. In der Straße Unter den Linden kam es dann noch zu schweren Zusammenstößen, wobei die Polizei mit Gummiknüppeln nach rechts und links einhieb und schließlich die Menge zerstreute. Ob auch jüdische Studenten verletzt wurden, war nicht zu ermitteln. Die Universität bleibt heute und morgen geschlossen. Berlin, 1. Juli. (JTA.) Der Rektor der Berliner Universität hat am Donnerstag, den 30. Juni, nachmittags, mit den Vertretern der Studentenverbände verhandelt, um den durch die gestrigen Tumulte an der Universität, die bekanntlich einen antisemitischen Charakter getragen haben, entstandenen schweren Konflikt beizulegen. Der Deutsche Studentenverband, die sozialistische und auch die kommunistische Studentenschaft gaben die Erklärung ab, daß sie sich allen Weisungen des Rektors bedingungslos unterwerfen würden. Die Studentengruppe des Jungdeutschen Ordens schloß sich dieser Erklärung an. Die Vertreter der nationalsozialistischen Studentenschaft erwiderten jedoch, daß sie eine solche Erklärung ihrerseits nicht abgeben könnten, es sei denn, daß die jüdischen Studenten aus der Berliner Universität verschwinden würden. Der Rektor der Berliner Universität, Prof. Dr. Lüders, wies auf die Unhaltbarkeit dieser Forderung hin. Alle Bürger seien nach der Verfassung vor den Gesetzen gleich. Darauf erklärten die Nationalsozialisten, daß sie vorläufig noch nicht darauf bestehen würden, daß die jüdischen Dozenten entfernt würden. Doch müßten sie daran festhalten, daß die jüdischen Studenten entfernt würden. Im Laufe der Verhandlungen mäßigten die nationalsozialistischen Studenten ihre Forderung dahingehend, daß die jüdischen Studenten zwar an der Universität bleiben könnten, daß ihnen aber nicht