Das jüdische Echo
- Journal
- Das jüdische Echo
- Volume
- 19 (1932)
- Issue
- 28 (8.7.1932)
- Date
- 1932-07-08
- Page
- Seite 223 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 97% known words query
- IRI
…/9072829-9103089-9181528--12402-9084472- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
- Hrodna 1× ep/1044655
OCR text
Nr. 28 Das Jüdische Echo 223 Der gute Mann hat recht; es ist buchstäblich so. Nur in einem Punkte täuscht er sich: wenn er glaubt, daß es irgend jemand Freude machen könnte, derartige Nummern zusammenzustellen. Und in einigen anderen Punkten scheint er sich einer ganz falschen Auffassung hinzugeben. Es kann in diesen Zeiten nicht Aufgabe einer jüdischen Zeitschrift sein, Freude zu bringen, indem man an den Ereignissen des Tages vorbeigeht und es kann nicht ihre Aufgabe sein, der weitverbreiteten Neigung, den Kopf in den Sand zu stecken, Vorschub zu leisten. Schließlich ist es wichtiger zu erkennen, was ist, als sich durch literarische und ästhetische Betrachtungen — seien sie an und für sich auch noch so wichtig und schön — eine Ablenkung zu verschaffen. Das Jüdische Echo hat sich die Aufgabe gesetzt, über alles zu unterrichten, was jüdisches Leben der Gegenwart, insbesondere in Deutschland, berührt. Zugegeben: es gehört Mut dazu, den Dingen ins Gesicht zu sehen und innere Sicherheit die stereotype Wiederkehr der gleichen Scheußlichkeiten Woche für Woche zur Kenntnis zu nehmen und es bleibt der Redaktion nur die Hoffnung, daß die Lektüre des „Jüdischen Echo“ dazu dienen kann, diesen Mut zu stählen und zu einer inneren Sicherheit beizutragen. I. E. Das Los der polnischen Juden Es ist erklärlich, daß im Brennpunkt des jüdischen Interesses in Deutschland die Vorgänge im eigenen Lande stehen. Diese Entwicklung wird auch von den Judenheiten anderer Länder mit größter Aufmerksamkeit verfolgt. In dieser Haltung dokumentiert sich das übermächtige Gefühl der jüdischen Verbundenheit, die an keiner Landesgrenze Halt macht. Die letzten Entschließungen im Preußischen Landtage haben insbesondere in den Oststaaten Europas Befremden und Entrüstung erregt. Es ist bekannt, daß sich die polnische Regierung zur Entschließung des Preußischen Landtages, die Ostjuden in Preußen zu enteignen, in dem Sinne geäußert hat, daß sie die Rechte ihrer jüdischen Staatsbürger in Deutschland wahrnehmen wird. Im eigenen Lande bemüht sich die gegenwärtige polnische Regierung auch, wohl nicht aus Judenfreundschaft, aber aus allgemein polnisch-politischen Gründen, dem Antisemitismus der polnischen. Gesellschaft zu begegnen. Dieser ist aber nach wie vor stark wirksam. Es ist eine Tragik, daß die polnische Regierung, auch wenn man ihren besten Willen als vorhanden voraussetzen wollte, nicht imstande ist, im eigenen Lande die Rechte der jüdischen Staatsbürger wahrzunehmen, gerade in der Zeit, wo sie ihren Willen kundgibt, die Interessen ihrer jüdischen im Ausland lebenden Bürger zu schützen. Die Analyse dieser Situation gehört jedoch in ein anderes Kapitel. Die Judenfrage ist kompliziert und bietet manche kuriose Erscheinung. Trotz der eigenen Sorgen sollte die jüdische Gemeinschaft in Deutschland auch in diesen schweren Zeiten nicht achtlos an den Zuständen der Judenheiten in anderen Ländern Vorbeigehen. Besonders beklagenswert ist die Lage der Juden in Polen. Mit ihr beschäftigen sich in der letzten Zeit angesehene amerikanische Zeitschriften. So hat eine der letzten Nummern der amerikanischen -N a t i o n“ einen Aufsatz von Boris S m o 1 a r veröffentlicht, der vom ökonomischen Standpunkt aus die Lave der polnischen Juden untersucht. Die Wirtschaftskrise, schreibt Smolar, trifft Polen besonders schwer, weil zwei Hauptexportartikel, Getreide und Holz, dem Sowjetdumping unterliegen. Gerade der Getreide- und der Holzhandel sind aber früher vorwiegend in jüdischen Händen gewesen, im Getreidehandel allein sind vor dem Kriege schätzungsweise 100 000 Juden tätig gewesen. Jetzt ist der Export erstens unter dem russischen Konkurrenzdruck stark gesunken, und zweitens verstaatlicht, und im Binnenhandel werden die Juden durch die landwirtschaftlichen Genossenschaften verdrängt. — Sodann hat die Verstaatlichung wichtiger Industrien, vor allem der Tabak-, Sprit- und Salzwerke ungeheuer geschadet, da hier überall jetzt ein regelrechter Boykott gegen jüdische Arbeitskräfte durchgeführt wird — ebenso wie in den eigentlichen Staatsbetrieben, bei der Post und der Eisenbahn. Obwohl ein Drittel der Warschauer Bevölkerung, stellen die Juden nur 4% der Angestellten der dortigen Staatsbetriebe! In den Tabakfabriken von Grodno sind früher fast 95% der Beschäftigten Juden gewesen — jetzt sind die Juden dort nur noch ein verschwindender Bruchteil! Am schlimmsten aber ist wohl die Lage der 345 000 jüdischen Kleinhändler, die 75% aller Kleinhändler des Landes überhaupt bilden. Sie werden nicht nur durch ganz unverhältnismäßig hohe Besteuerung in den Ruin getrieben, sondern außerdem bei der Zuteilung staatlicher Kredite gegenüber ihren nichtjüdischenBerufskollegen schwer benachteiligt. Von 132 Millionen Zloty, die 1930 von der Staatsbank an Kreditgenossenschaften und Banken ausgeliehen wurden, haben die 481 jüdischen Kreditgenossenschaften zusammen nur 361 000 Zloty erhalten! Die Existenz der 150 000 jüdischen Handwerker wird durch eine Reihe raffinierter behördlicher Maßnahmen immer mehr untergraben, um polnische Handwerker an ihre Stelle zu setzen. — Auf den Universitäten endlich ist der Antisemitismus besonders bei den Medizinern und Technikern unerträglich. Eine gute politische Ergänzung zu Smolars volkswirtschaftlicher Studie bildet ein Aufsatz des bekannten amerikanischen Juden Michael Farbmann in der „New Republic“ über „Polen als werdendes Reich“. Den heutigen Besucher Polens frappiere auf Schritt und Tritt die Fortdauer altösterreichischer, noch weit mehr aber zaristischer Zustände. So ähnele vor allem das Verhältnis der Polen zu den übrigen Nationalitäten des Landes dem früheren Verhältnis der Großrussen zu den übrigen Bewohnern des Zarenreiches. Nur die Polen seien Staatsbürger erster Klasse; die Deutschen seien eine zwar nicht beliebte, aber auch keinesfalls verachtete Minderheit, die übrigen Nationalitäten aber, vor allem die Ukrainer und Juden, würden ganz offen als getreue Unterschicht (underdogs) behandelt. Die relativ bevorzugte Stellung der deutschen Minderheit hinge damit zusammen, daß jeder deutsch-polnische Konflikt von Deutschland vor den Völkerbund gebracht werden könnte; wer aber trete in Genf für die Juden oder Ukrainer ein? Als die letzteren, deren Lage in Polen der jüdischen sehr ähnele, versuchten, ihre Beschwerden vor den Völkerbund zu bringen, und ein gewisses Maß lokaler Autonomie für Ostgalizien zu erlangen, war ganz Polen empört über sie; täten die Juden etwas ähnliches, so würden sie entweder als Hochverräter denunziert oder einfach ausgelacht werden! Minderheiten wie die Juden und Ukrainer würden von den Polen eben noch geduldet, dürften es sich aber nicht einfallen lassen, etwa Gleichberechtigung zu verlangen! Für die Lage der Juden sei es bezeichnend, daß die Rechtsopposition sofort daraus politisches Kapital zu schlagen suche, wenn die Regierung die Juden auch nur gegen die grob-