Das jüdische Echo
- Journal
- Das jüdische Echo
- Volume
- 19 (1932)
- Issue
- 28 (8.7.1932)
- Date
- 1932-07-08
- Page
- Seite 222 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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222 Das Jüdische Echo Nr. 28 Die Methoden sind seit 400 Jahren und mehr die gleichen geblieben. Es ist dasselbe, ob der lauteste Schreier Pfefferkorn oder Peperkorn heißt, ob er ein getaufter Jude ist — wie es Pfefferkorn war — oder der Pfarrer eines kleinen Nestes in Schleswig- Holstein. Stets hat man versucht, die niedrigsten Instinkte gegen die Juden aufzuhetzen und seine Rache- und anderen Gelüste an ihnen zu befriedigen. Stets aber hat das jüdische Volk über die Zeit solcher Verfolgungen hinaus die innere Kraft und den Lebenswillen sich bewahrt, und sich allen Anfeindungen zum Trotz erhalten. Wenn es auch für uns eine gewisse Beruhigung sein mag, daß die Zeiten eines Pfefferkorns, solange das jüdische Volk im Galuth lebt, immer von neuem gekommen sind und immer wieder überstanden wurden, und wenn wir auch die Überzeugung haben dürfen, daß die Judenverfolgungen der Nationalsozialisten nicht folgenschwerer sein werden, als die der „Dunkelmänner“ aller Zeiten, so dürfen wir doch nicht nur darauf vertrauen, daß es „nicht so schlimm“ und daß es „bald besser“ sein wird. Wir müssen uns darüber klar sein, daß den Juden in Deutschland schwere Jahre bevorstehen, und wir müssen alle unsere Kräfte zusammenfassen, um den Angriffen, mit denen wir in nächster Zeit rechnen müssen, gerüstet gegenüberzustehen. Als Pfefferkorn mit Vollmacht des Kaisers Maximilian in Frankfurt a. M. alle hebräischen Bücher verbrennen lassen wollte, berief die jüdische Gemeinde in Frankfurt einen Gemeindetag, um über die Vereitelung der boshaften Anschläge Pfefferkorns zu beraten. Kleinere Gemeinden steuerten damals ihre Beiträge zu den notwendigen Ausgaben bei. Aber die größeren und reicheren zeigten sich dem Ruf der Frankfurter gegenüber gleichgültig. Erst als infolge des zweiten Mandates des Kaisers von neuem die jüdischen Bücher nicht nur in Frankfurt, sondern auch in anderen Gemeinden konfisziert wurden, steuerten auch die größeren Gemeinden zu dem gemeinsamen Opfer bei. Ebenso wie damals hoffen noch große Teile des deutschen Judentums, die Entwicklung der Dinge untätig und in Ruhe abwarten zu können. Wir halten es für unsere Pflicht, immer von neuem alle, die es angeht, darauf hinzuweisen, daß alle Mittel angewandt werden müssen, um den Juden jede wirtschaftliche Position, die sie bisher sich noch haben wahren können, zu erhalten, und daß es keineswegs angeht, irgendwelche Teile der jüdischen Bevölkerung oder irgendwelche Berufsgattungen aufzugeben, um die anderen angeblich sicherer bewahren zu können. Glauben wir nicht, daß die Nationalsozialisten bei dem Vermögen der nach dem Jahre 1914 nach Deutschland eingewanderten Ostjuden Halt machen werden, und seien wir uns klar, daß es Pflicht jedes einzelnen ist, alles daran zu setzen, um die Angriffe der Nationalisten zurückzuweisen. F. Bemerkungen Neuartige Parität Noch immer gibt es an den deutschen Hochschulen sogen, paritätische Verbindungen, d. h. solche, die in ihren Satzungen betonen, daß bei der Aufnahme Unterschiede in „konfessioneller Hinsicht“ nicht gemacht werden sollen. In Wirklichkeit sind diese paritätischen Verbindungen fast vollständig aus Juden zusammengesetzt — es sollen auch Fälle Vorkommen, in denen sie nahezu judenrein sind — ein oder der andere „Renomierchrist“ sorgt meist dafür, daß die „Parität“ gewahrt bleibt. Es ist keine Übertreibung, wenn man feststellt, daß es wenigstens in den letzten Jahren in vielen Fällen nicht die reinsten Motive sind, die nichtjüdische Studenten in solche Verbindungen führen. Aber ganz abgesehen davon, konnte man bisher annehmen, daß sowohl die nichtjüdischen Studenten in solchen Verbindungen, wie die Verbindungen selbst nicht nur für die jüdische Gleichberechtigung eintraten, sondern sie in ihrer Praxis verwirklichen und eine Andersbewertung der Juden unter keinen Umständen dulden oder gar herbeiführen würden. Den Gegenbeweis hat eine Würzburger paritätische Verbindung, die„Wirceburgia“, imBurschenbunds-Convent geführt. Nach gut begründeten Berichten zuverlässiger Gewährsmänner des Hamburger Isr. Familienblattes hat diese Verbindung, um anläßlich des Chargierens beim 350jährigen Stiftungsfest der Würzburger Universität eine Änderung der bisherigen Rangfolge zu erreichen und nicht zum Schluß mit den jüdischen Verbindungen aufmarschieren zu müssen, den Vorsitzenden der Studentenschaft ersucht, sie nicht an der gewohnten Stelle, sondern vor den katholischen Verbänden chargieren zu lassen, „da sie es ihren christlichen Bundesbrüdern nicht zumuten könnte, zusammen mit den jüdischen Korporationen zu gehen.“ Dem Ersuchen, wird weiter berichtet, sei stattgegeben worden. Die wiedergegebene Begründung entbehrt nicht einer geradezu großartigen Originalität; auch dann nicht, wenn das Ersuchen von den christlichen Mitgliedern der Verbindung ausgegangen ist. Sie wäre dann der Inbegriff der Judenverachtung und ließe einen Rückschluß auf recht merkwürdige Geisteshaltung der betreffenden Herren, auf einen sehr neuartigen Paritätsbegriff zu; selbstverständlich auch einen Rückschluß auf die Juden, die mit solchen Leuten in einer Verbindung bleiben. Wahrscheinlich aber, und das macht die Angelegenheit erst wirklich interessant, stammt das Ersuchen und die Begründung von den jüdischen Mitgliedern der Verbindung; denn Nichtjuden, die schon einmal in einer paritätischen Verbindung sind, ist solch eine Absurdität und Infamie kaum zuzutrauen und selbst wenn es doch so sein sollte, wären sie zahlenmäßig sicher nicht imstande gewesen, etwas derartiges durchzusetzen. Es müssen schon die Juden selbst gewesen sein. Diese Juden gehören offenbar zu denen, die sich aus irgendeinem Grunde für die Besseren und Vornehmeren halten und mit den allgemein verachteten Juden, die sie selbst verachten, nicht zusammengehören wollen, die, um sich selbst zu retten, zu jeder Preisgabe der anderen bereit sind. Kann es einen noch höheren Grad von Würdelosigkeit und feigem Selbstverrat geben? Sagen wir es offen: die „Parität“ war schon seit langem eine Farce und eine höchst peinliche Form der jüdischen Assimilation. Der Würzburger Vorgang beweist, daß sich dies noch verschlimmert hat und er beweist, daß es für die jüdische Selbstentäußerung keine Grenze gibt, die eine „paritätische“ Verbindung nicht noch überschreiten könnte. Es macht keine Freude mehr Es macht gar keine Freude mehr, das Echo zu lesen, so beklagte sich unlängst ein Abonnent, zuerst kommt ein Leitartikel, in dem die Situation der Juden in düsteren Farben gemalt ist und im Weltecho bringt jede Nummer in der gleichen Reihenfolge Berichte über Friedhofsschändungen, Überfälle, Schächtverbotsanträge. Das weiß man alles schon voraus, man braucht das Blatt gar nicht mehr aufzuschlagen.