Das jüdische Echo
- Journal
- Das jüdische Echo
- Volume
- 19 (1932)
- Issue
- 24/25 (17.6.1932)
- Date
- 1932-06-17
- Page
- Seite 196 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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196 Das Jüdische Echo Nr. 24/25 wenn Kulturmenschen im Goethejahr durch Rohheitsakte, deren sich die wilden Naturvölker Afrikas schämen würden, eine europäisch-politische Mission zu erfüllen glauben, und im Kampfe für eine Idee, wie sie meinen, ihre Lehre mit Knüppeln in die Schädel der Andersgläubigen hineinhauen? Wäre es nicht dringender, wenn unser Völkerbund das seelisch noch unerforschte Gebiet unserer nächsten Umgehung studieren und sich statt um die Wilden Westafrikas mehr um die Wilden Mitteleuropas kümmern würde? Zeigt sich da nicht wieder einmal klar und deutlich die Hilflosigkeit und Ohnmacht des Völkerbundes, der sich hinter exotische Erlösungsprobleme verkriechen muß, um ein weltpolitisches Tätigkeitsgebiet vorzutäuschen? Und ist es da zu verwundern, wenn man Menschen, die noch an den Völkerbund glauben, mit Hohn und Spott überschüttet und den Völkerbund nicht höher einschätzt, als die komische Figur der guten alten Tante Philanthrophine auf der Biilme des politischen Welttheaters? Da schleppen sich jahrelang müde und verdrossen internationale Verhandlungen und Konferenzen von einem toten Punk zum anderen, ohne daß sich die Not der Welt und das Elend der Menschheit um ein Jota bessert. Im Gegenteil, angesichts dieses diplomatischen Getues wächst die Geistes-Verwirrung unserer Zeit riesengroß empor, verdüstert sich uns immer mehr und mehr die Gegenwart und vernebelt sich uns auch der Augenblick in eine hellere Zukunft. Doch trotz der Ergebnisarmut internationaler Tagungen dürfen wir an dem Willen menschlicher Zusammenarbeit nicht zweifeln. Und wenn auch der Weltgeist dieser vielgeschmähten Zeit manche Unaufrichtigkeit, Betrug und Unzulässigkeit in sich birgt, so erheben sich auch überall hervorragende Leistungen der Arbeit, des Geistes und des Herzens. Nur sollen wir weniger auf fremde Hilfe und mehr auf die eigene Kraft hauen. Das gilt in erhöhtem Maße vom Judentum, dessen Fluch seine Wesenlosigkeit ist. Der Jude, der an alle und alles glaubt, an Paneuropa und Faschismus, an Kapitalismus und Marxismus, nur nicht an sich seihst, sein Schicksal und seine jüdische Welt, muß endlich erkennen, daß die innere Kraft die einzigen Machtmittel sind, unser Schicksal zu formen. Daher kann die Einberufung einer jüdischen Weltkonferenz nach Genf, dem Sitz des Völkerbundes, als Mittel zur Sammlung und Zusammenfassung unserer Kräfte nur begrüßt werden. Zwar können wir angesichts des an Gehässigkeit so zerfressenen weltpolitischen Lebens und der inneren Zerrissenheit im jüdischen Lager nicht sehr optimistisch sein und dürfen neben dem kläglichen Leerlauf internationaler Beratungen auch von einem jüdischen Weltkongreß, der endlich auf der Tagesordnung steht, nicht allzuviel erhoffen. Doch wäre damit der Anfang gemacht, zu uns seihst zuriickzutinden. Das allein bedeutet schon die Stärkung unserer Position, die immerhin notwendig ist, um neben dem Bund der 64 Staaten nicht ganz übersehen zu werden. Maxi ti Gorki über Hitlers antisemitischen Kampf In einem von „Isveslija“ und „Prawda“ gleichzeitig veröffentlichten großen Artikel über die europäische Lage, die als Antwort auf Anfragen zweier amerikanischer Journalisten gedacht ist, kommt Maxim Gorki auch auf das Problem des Judenhasses zu sprechen. Gorki traut der Bourgeoisie in den europäischen Ländern nicht zu, unter den herrschenden Bedingungen aus eigenen Kräften Ordnung schaffen zu können. Der Zynismus dieser Bourgeoisie sei grenzenlos; ein letztes Mittel, ihre Lage zu erleichtern, sehen große Teile dieser Bourgeoisie in der Abschlachlung der Juden. Dies habe der Nazi-Deputierte Berger auf seiner am 19. Februar in Köln gehaltenen Rede deutlich ausgedriiekl: „Wenn Hitler zur Macht kommt und die Franzosen versuchen werden, deutsches Territorium zu okkupieren, werden wir alle Juden abschlachlen.“ Die Hitler-Presse hat diese Äußerung dahin erläutert, Berger habe gemeint, man werde die Juden nicht ungesetzlich, sondern legal abschlachlen; die Nationalsozialistische Partei werde sich eben, sobald sie zur Macht kommt, ein solches Gesetz schaffen. Diese Äußerungen, fügt Gorki hinzu, seien keineswegs bloß ein „deutscher Witz“; sie spiegeln den Gedankengang und die Stimmung eines Teiles der europäischen Bourgeoisie wider, die bereit ist, Gesetze zur Vernichtung nicht nur der Juden, sondern auch jedes anderen, der anders denkt als sie, zu schaffen. Die Frage der amerikanischen Journalisten, warum er, Gorki, zugibl, daß die Kirche, die Liehe predigt, verfolgt werden soll, beantwortet Gorki mit der Bemerkung, daß die Kirche keineswegs Liehe, sondern Haß predigt; dies beweise die Geschichte der Inquisition und der Judenpogrome des zaristischen Rußland. Aus der jüdischen Welt Wieder Friedhofscbändungen Berlin, 2. Juni. (JTA.) In Bottrop wurde der jüdische Friedhof wiederholt von Schändern heimgesucht. Einige Gräber wurden verunreinigt, zwei Denkmalslafeln zertrümmert. Für die Ergreifung der Täter ist eine Belohnung von 100 RM. ausgesetzt worden. — Auf dem jüdischen Friedhof Penkum (Pommern) wurden 5 Grabsteine losgerissen und beschädigt. — Der uralte jüdische Friedhof hei dem Dorfe Oslerberg, 7 km von Babenhausen im bayerischen Schwaben, wo sich früher eine blühende jüdische Gemeinde befand, entfernt, wurde in barbarischer Weise zerstört. Das Geländer wurde niedergetreten, 8’ Grabsteine wurden umgeworfen, 2 von ihnen vollständig zertrümmert. Andere schwere Grabsteine, die nicht umgeworfen werden konnten, wurden beschädigt. Außerdem wurden Gräber in ekelerregender Weise verunreinigt. Die Schändung wurde durch eine Gesellschaft jüdischer Touristen aus Ulm, die den Friedhof aufsuchte, entdeckt. Durch die nächstgelegene jüdische Gemeinde Altenstädt a. d. Iller wurde die Gendarmerie benachrichtigt. Die antisemitischen Ausschreitungen an der Berliner Universität bleiben ungesühnt Berlin, 6. Juni. (JTA.) Das Landgericht I sprach in der Berulungsverhandlung die nationalsozialistischen Studenten, die angeklagl waren, im Februar d. J. in großer Übermacht über andersgesinnte, insbesondere jüdische Studenten hergetallen und sie mißhandelt zu haben, von der Anklage des Landlriedensbruches frei und verurteilte bloß* den Studenten Pabsl wegen einfacher Körperverletzung zu 150 RM. Geldstrafe und den Studenten Rupin wegen ruhestörenden Lärms zu 50 RM. Geldstrafe. Das Schöffengericht Berlin-Mitte halle die Angeklagten wegen schweren, resp. leichten Landfriedensbruchs zu Gefängnisstrafen von 4 Wochen bis 8 Monaten verurteilt.