Das jüdische Echo
- Journal
- Das jüdische Echo
- Volume
- 19 (1932)
- Issue
- 23 (3.6.1932)
- Date
- 1932-06-03
- Page
- Seite 187 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 23 Das Jüdische Echo 187 Auf die Frage, wie er die Lage der Zionistischen Organisation in Amerika beurteilt, erwiderte Dr. Goldmann: Ich glaube, daß noch niemals die zionistische Stimmung der amerikanischen Juden so stark und echt war, wie jetzt. Die Erschütterung ihrer ökonomischen Position, der wachsende Antisemitismus, der Prozeß des Auf-sich-selbst-Besinnens und das Erlebnis des gemeinsamen jüdischen Schicksals hat die natürlichen psychologischen Voraussetzungen für eine wirkliche zionistische Stimmung und Erkenntnis geschaffen. In früheren Jahren des Wohlstandes war für viele sogenannte Zionisten und Keren-Hajessod-Zahler in Amerika die Unterstützung Palästinas mehr oder minder eine philantropische Sache, wenn natürlich auch stets ein kleiner Kreis wirklich ausgebildeter und guter Zionisten vorhanden war. Heute beginnen weite Kreise des amerikanischen Judentums die essentielle Bedeutung der zionistischen Lösung zu erkennen. Sehr viele beginnen mit Palästina als einem persönlichen Problem zu rechnen, die ökonomisch stabile Lage des Jischuw übt in dieser Hinsicht eine sehr starke und attraktive Wirkung aus. Dies alles schafft die Basis für ungeahnte zionistische Möglichkeiten in Amerika. Mir scheint jetzt der Augenblick gekommen zu sein, wo es möglich sein muß, eine sehr starke zionistische Organisation in Amerika zu schaffen. Es liegt ferner durchaus im Bereich des Möglichen, eine ziemlich beträchtliche Auswanderung mittelständischer wie auch chaluzischer Elemente nach Palästina zu organisieren. Während meiner Anwesenheit sind bereits, ohne eigentliche Organisation und Propaganda, einige hunderte Familien mit Durchschnittskapitalien von 5000 bis 15 000 Pfund nach Palästina ausgewandert. Das eigentliche Problem des amerikanischen Zionismus ist heute dasjenige einer autoritativen und starken Führergruppe und der ernstlichen Inangriffnahme einer ideologischen Erziehung der amerikanisch-jüdischen Massen im zionistischen Sinn. Organisierte antizionistische Gruppen von Bedeutung gibt es kaum noch. Die diesjährige Palästina-Aktion — auf Einladung ihrer Leitung fuhren Präsident Sokolow und ich nach Amerika —, schloß Dr. Goldmann, läßt sich in ihrem Ergebnis noch nicht übersehen, da zahlreiche Städte erst jetzt, manche gar im Herbst mit ihrer Sammlung beginnen. Wenn es gelingen sollte — was ich hoffe —, das Ergebnis des vorigen Jahres zu erreichen, so wäre das in Anbetracht der katastrophalen Verschlechterung der ökonomischen Lage im letzten Jahr ein beträchtlicher Erfolg. Die großen Spenden, die in früheren Jahren das Charakteristikum waren, verschwinden mehr und mehr und müssen durch zahlreiche kleinere Spenden ersetzt werd'en, was gewiß die Sammeltätigkeit erschwert, aber psychologisch und ideologisch wiederum große Vorteile hat. Kurt Blumenfeld in München Am 23. und 24. Mai weilte Herr Kurt Blumenfeld in München, und zwar diesesmal nicht, um in der Öffentlichkeit seine zionistische Antwort auf die Zeitfragen zu geben, sondern um in engerem Kreise der zionistischen Jugend die heutige Situation des Judentums und seiner Umwelt darzulegen und die Erfordernisse und Möglichkeiten einer Orientierung aufzuzeigen. Der erste Abend war dabei besonders den Veränderungen gewidmet, die vor unseren Augen in der nichtjüdischen Welt vorgegangen sind, während den zweiten Abend eine Besprechung der innerjüdischen Situation und Zukunft einnahm. Der Inhalt der ausgezeichneten Ausführungen Herrn Blumenfelds sei kurz wiedergegeben: Kurt Blumeufeld gab eine Definition der modernen Bewegungen, die in das heutige jüdische Leben hineinspielen, wie z. B. Neudeutscher Nationalismus, Kommunismus, jüdischer Liberalismus und C.-V.-Bewegung und versuchte, diesen Bewegungen gegenüber die zionistische Haltung zu fixieren. Der alte Liberalismus, der die Befreiung des Individuums vom Fluch der Zusammenhänge bedeutete, zog das aus den Ghettos herausstrebende Judentum sehr stark an. Es war nicht schwer, sich als Jude zu diesem Liberalismus in eine Beziehung zu setzen, sich in ihn hineinzndiskutieren. Es hat sich aber im Zuge der Generationen gezeigt, daß der Mensch ohne Bindungen keinen Boden unter den Füßen hat. In jedem Rebell steckt noch die Erlebnisfülle der Vergangenheit. Der Jude im Liberalismus aber versuchte, sich der Verpflichtung gegenüber der Vergangenheit — das bedeutet gegenüber dem jüdischen Ganzen — zu entledigen; übrig blieb eine lediglich opportunistische Haltung. Das Fehlen einer Gesamtverpflichtung ist eben die Signatur der liberalen Ära. Liberalismus bedeutete nicht Freiheit für alle, sondern Freiheit für bestimmte Kreise, die als Träger des Staatswillens sich fühlten, also Oligatie. Das rächte sich am Schicksal der liberalen Parteien. Was ist die Staatspartei heute anders, als eine verunglückte Interssenpartei? Nicht gegen den Liberalismus als solchen, sondern gegen diesen empirischen Liberalismus, der Wesen und Charakter des Judentums verdarb, wandte sich die aufkommende zionistische Bewegung. Die Juden glaubten, im liberalen Staat eine Lösung der Judenfrage zu erwirken. Mit dem politischen Liberalismus ist nun auch diese Idee tot. Heute wird von niemandem mehr der Liberalismus als eine Ideenkonsequenz betont. Als Sombart einst sagte, man sollte den Juden Gleichberechtigung geben, die Juden aber sollten von dieser Gleichberechtigung keinen Gebrauch machen, wurde er als Antisemit verschrieen. Heute ist dieser Satz Bestandteil der Politik der liberalen Parteien, die sich hüten, jüdische Kandidaten für die Parlamente aufzustellen, oder sonst einen Juden in den Vordergrund treten zu lassen. Wenn der Jude in der liberalen Ära sich einbilden konnte, daß der liberale Staat ihn brauche, daß die Welt ohne Juden nicht vorwärts gehen könne, so sieht er sich heute im Zeitalter der Negierung des Individuums einer völlig veränderten Situation gegenüber. Vielleicht ist es falsch, heute von einer Bewegung der Diktatur gegen die Demokratie zu sprechen. Vielleicht ist diese Bewegung nur das Suchen nach einer neuen Form der Demokratie, die sich in einem Exponenten, der Führerpersönlichkeit, zum Ausdruck bringen will. Das Charakteristikum der nationalsozialistischen Bewegung ist ein dumpfes Wollen; das Streben einer sich depossediert fühlenden Masse nach Macht. Die Bewegung ist dem Denken und der Logik abhold. Die Vergottung des neuen Reiches hat einen stark religiösen Einschlag. Man fühlt, man ist noch nicht Volk, und will Volk werden. Diese instinktive Welt ist die heute im Aufstieg befindliche. Mit Aufklärung und Abwehr macht man sich an diese neue Welt heran, die von Auf-