Das jüdische Echo
- Journal
- Das jüdische Echo
- Volume
- 19 (1932)
- Issue
- 23 (3.6.1932)
- Date
- 1932-06-03
- Page
- Seite 186 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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Das Jüdische Echo Nr. 23 1S6 Versuch einer Einfügung des jüdischen Elementes in das Staats- und Volksleben am energischsten gemacht worden. Die Ideologie der Angleichung der Juden an die Umgebung, der Säkularisierung der jüdischen Gemeinschaft in der Diaspora ist in Deutschland am schärfsten herausgearbeitet worden. In keinem Lande der Welt haben jüdische Menschen in so hohem Maße, wie in Deutschland, an allen Leistungen des Landes und der Volksgemeinschaft Anteil genommen. In keinem Lande ist der kulturelle, zivilisatorische und wirtschaftliche Aufstieg des jüdischen Elementes so umfassend und so bedeutend gewesen, wie innerhalb des deutschen Kultürkreises und trotzdem ist in keinem Lande des Westens so scharf und klar das klägliche Ergebnis zutage getreten, sein Dasein als Jude und Mensch in der Diaspora normalisieren zu wollen. Hundertzwanzig Jahre seit den Anfängen der Emanzipation, ein Bemühen ohne Beispiel um Gleichberechtigung und Gleichgeltung, jahrzehntelange Überzeugung, daß nun alles geregelt sei, eine Lockerung der Beziehungen zu den jüdischen Gemeinschaften in der übrigen Welt, ein tiefer Glaube, man sei vom Ahasverfluch befreit — all’ das muß man sich vor Augen halten, um zu verstehen, wie furchtbar der Sturz der deutschen Judenheit aus allen ihren Himmeln empfunden wird und wie erschütternd dieses Geschehen auf alle Juden in der Welt wirkt. Wenn, so schließt man überall auf Erden, das Experiment einer Normalisierung des jüdischen Seins in der Diaspora in Deutschland mißlungen ist, dann scheint damit der Beweis erbracht zu sein, daß der Weg der Judenheit in den letzten 150 Jahren ohne ihre Schuld ein Irrtum gewesen ist. Wenn in Deutschland die kulturellen, hochstehenden deutschen Juden, trotz der Rolle, die sie im deutschen Volksleben gespielt haben, jetzt aus dem Staats-, Wirtschafts- und Gesellschaftsleben als Fremdkörper hinausgedrängt werden, wenn sie nach hundertzwanzigjähriger Bemühung nackt und bloß wieder dahin zurückkehren, woher sie vor 120 Jahren kamen, nämlich in die Isolierung als ein von der überwiegenden Mehrheit empfundener Fremdkörper, dann ist bewiesen, daß es ein Irrtum war, zu glauben, man könne als Jude und Mensch, ohne geschlossene Siedlungsform, ohne natürliche Schichtung innerhalb der Diaspora sein Dasein normal gestalten. Aus diesem Grunde erscheint den Juden in der ganzen Welt das Schicksal der deutschen Juden maßgeblich für das jüdische Verhalten in der Welt. Es ist immer so, daß Laboratoriumsvorgänge und -ergebnisse eigentlich mehr interessieren, als Fabrikation im großen Stil. Deutschland ist gegenwärtig ein Laboratorium allgemein-politischer und menschlicher Entwicklungen. Es ist in noch weit höherem Grade ein Laboratorium, in welchem Lösungen jüdischer Probleme gesucht wurden. Der Beweis, der aus dem „jüdischen Laboratorium“ Deutschlands für die Judenheit der Welt kommt, ist ein Beweis e contrario, d. h. ein schlüssiger Beweis, daß genau das Gegenteil dessen zu tun und zu veranlassen ist, was die Juden in Deutschland in den letzten 120 Jahren vergeblich versucht haben. 1. s. Die Juden In Ämerika Ein Gespräch mit Nahum Goldmann Berlin, 25. Mai. (JTA.) Der JTA-Vertreter befragte den zionistischen Führer Dr. Nahum Goldmann, der soeben von einer Reise durch Amerika, wo er mit Sokolow die K.H.-Aktion geleitet hat, zurückgekehrt ist, wie er die allgemeine jüdische Lage in Amerika und die Wirkungen der ökonomischen Krise auf das jüdische Leben beurteilt. Dr. Goldmann erwiderte: Von der Tiefe der ökonomischen Umwälzungen im gesamtamerikanischen Leben, insbesondere aber dem der Juden, kann sich niemand, der nicht einige Zeit drüben war, eine annähernd richtige Vorstellung machen. Die Juden, deren Wohlstand sehr viel jüngeren Datums war als der der nichtjüdischen Großbourgeoisie, und die z. T. die empfindlichsten Positionen des ökonomischen Lebens eingenommen hatten, sind verhältnismäßig stärker durch den. ökonomischen und finanziellen Zusammenbruch betroffen worden. Das Wort eines führenden amerikanisch-jüdischen Philantropen, daß es keine reichen Juden mehr in Amerika gebe, ist kaum eine Übertreibung. Es handelt sich nicht um Verluste, sondern beinahe wörtlich um die Dezimierung der jüdischen Vermögen sowohl bei den eigentlich Reichen wie auch bei dem weitaus größten 'feil des Mittelstandes. Die Wirkungen dieses ökonomischen Zusammenbruchs auf das jüdische Leben Amerikas sind unabsehbar. Die überragende Stellung, die der „reiche Jude“ im amerikanisch-jüdischen Leben einnahm, bricht zusammen, weil es diesen Typus kaum noch gibt. Ein großer Teil der in den Prosperitätsjahren zum Teil chaotischen, sachlich ungerechtfertigt erfolgten Überorganisierung sowohl in religiöser wie in sozialer Hinsicht wird verschwinden. Das amerikanische Judentum leidet an einer Überzahl von Synagogengemeinden, Wohlfahrtseinrichtungen usw. usw., die jetzt radikal unter dem Zwang der Lage abgebaut werden müssen. Beide Prozesse können günstige Wirkungen haben. Eine Demokratisierung des amerikanisch-jüdischen Lebens, ein größerer Respekt vor intellektuellen und moralischen Führerqualitäten — zum Unterschied von den rein finanziellen — auf der einen Seite, eine Auslese der wirklich lebensnotwendigen und bedeutsamen Institutionen, Organisationen und Aufgaben auf der anderen Seite wird die Folge sein. Hinzu kommt die psychologisch teilweise außerordentlich günstige Wirkung, die die Krise auf das amerikanische Judentum ausübt. So katastrophal die Depression finanziell sich auswirkt, so günstig sind ihre moralischen und geistigen Effekte. Die große Masse der amerikanischen Juden lebt nicht mehr in jener Stimmung des In-den-Tag-hinein, des Glaubens an „God’s own country“ und ist nicht mehr von jenen Gefühlen der Überlegenheit und des Besserwissens beherrscht, das in früheren Jahren charakteristisch war. Die amerikanischen Juden beginnen sich auf sich selbst zu besinnen, erleben wieder einmal die universale Geltung der tragischen Gesetze jüdischer Galuth-Existenz, werden zugänglicher geistigen und ideologischen Auseinandersetzungen und werden in ihren jüdischen Gefühlen stärker. Bei alledem hat der wachsende Antisemitismus in Amerika, der insbesondere in den letzten Jahren sich in der Verschärfung der Aufnahmemöglichkeiten für jüdische Studenten an zahlreichen Universitäten, sowie in dem wachsenden Ausschluß von Juden in zahlreichen Geschäftszweigen (Industrie, Technik, Großbanken) ausdrückt, eine sehr bedeutsame Wirkung. Ich habe den Eindruck, daß man mit sehr weitreichenden Veränderungen der sozialen Struktur und der inneren Organisation der amerikanischen Juden für die nächste Zeit rechnen muß.