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Das jüdische Echo · 1932-06-03 · 23 (3.6.1932) · p. [Seite]

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Journal
Das jüdische Echo
Volume
19 (1932)
Issue
23 (3.6.1932)
Date
1932-06-03
Page
[Seite] (sequence 1)
Language
German
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Das Jüdische Echo Erscheinungszelt: Jeden Freitag. Bezug: Durch die Postanstalten oder den Verlag. — Bezugspreis: Jährlich: RM. 8.-. halbjährlich: RM. 4.—. vierteljährlich: RM. 2.—. Einzelnummer 20 Rpf. I Verlag, Aaslieferung des ..Jüdischen Echos“: München. PlinganserstraBe Nr. 64. I N H ALT: Warum blickt man nach Deutschland? — Die Juden in Amerika — Kurt Blumenfeld in München — Aus der jüdischen Welt — Gemeinden- und Vereins-Echo — Spenden-Ausweis Anzeigen: Die viergespaltene Millimeter-Zelle 30 Rpf. I Famllien- Anzelgen Ermäßigung / Anzeigen- Annahme: Verlag des Jüdischen Echos. München. Plinganserstraße 64 / Telephon 73664/68 Postscheck - Konto: München 3987 Nr. 23 München, 3. Juni 1932 19. Jahrgang Warum blickt man nach Deutschland? Eine Betrachtung unterwegs Wien, am 31. 5. 32. Nach den neuesten Statistiken zählt das jüdische Volk in der ganzen Welt ungefähr 16 Millionen Seelen. Davon leben in Deutschland etwa 560 000 Juden, das sind 3W Prozent der Weltjudenheit. Rein zahlenmäßig genommen bilden somit die deutschen Juden keinen wesentlichen Bestandteil der jüdischen Gesamtheit. Aber auch von einem anderen Blickpunkte aus betrachtet kann man nicht sagen, daß die in Deutschland lebenden Juden Herz- und Kernstück der Weltjudenheit darstellen. Die Zeit, da die deutschen Juden innerhalb der jüdischen Weltgemeinschaft eine natürliche Hegemonie innehatten, ist längst dahin. Vor kurzem hat anläßlich der Tagung des Landesverbandes preußischer Judengemeinden der Berliner Rabbiner Dr. Warschauer in großen Zügen die Entwicklung und die Rolle der deutschen Judenheit in der Diasporageschichte des letzten Jahrtausends skizziert. Er hat dargetan, daß einst in den Gemeinden am Rhein, in Worms, Speyer und Mainz nach der Blütezeit der spanischen Judenschaft der Sitz der geistigen Führer der Weltjudenheit gewesen ist. Er erwähnte das Zeitalter der Aufklärung, gedachte der großen Bedeutung von Mendelssohn und seiner Nachfolger, des Einflusses der modernen Wissenschaft vom Judentum, die in Deutschland ihre erste Pflegestätte hatte und kam schließlich zu der resignierten Feststellung, daß diese zentrale Bedeutung der deutschen Judenheit nunmehr verschwunden sei. Noch einen letzten Dienst, sagte er, habe die deutsche Judenheit der jüdischen Gesamtheit geleistet, indem sie der neuen Renaissancebewegung des jüdischen Volkstums hervorragende Führer und Ideologen gestellt habe. Damit aber sei die historische Rolle abgeschlossen und was die Zukunft bringen werde, vermag niemand vorauszusagen; man müsse sich der Vorsehung anvertrauen, diese werde schon, so hoffe er, alles zum besten wenden. Wenn man diese Ausführungen aus dem gehobenen Stil einer feierlichen Ansprache in Alltagsworte übersetzt, so hat Dr. Warschauer die Feststellung gemacht, daß, im Grunde genommen, die deutsch-jüdische Gemeinschaft für das weitere Werden der jüdischen Historie belanglos geworden ist. Trotzdem aber blickt die Judenheit in der ganzen Welt in der gegenwärtigen Situation mit angestrengtester Spannung nach Deutschland und fiebernd registiert sie jede Schwankung in der politischen Entwicklung des deutschen Reiches, soweit diese Entwicklung Einfluß auf das Schicksal der in Deutschland lebenden Juden hat. Die Gründe hierfür sind nicht nur darin zu suchen, daß man in der jüdischen Welt die jüdische Gemeinschaft in Deutschland als einen integralen Bestandteil der jüdischen Gesamtheit empfindet, als ein Glied am Volkskörper, dessen Schädigungen auf den ganzen Körper zurückwirken. Wäre die Lage der Juden in der ganzen Welt, verglichen mit der Situation der deutschen Juden, gut, so ließe sich diese Interessennahme ungefähr so deuten, wie das Interesse, das ein in allen seinen Teilen gesunder Organismus an einem erkankten Teile naturgemäß zu nehmen pflegt. Ein gesunder Mensch interessiert sich für alle seine gesunden Organe in der Regel sehr wenig und beschäftigt sich im Erkrankungsfalle nur mit jenem Teile seines Körpers, wo der Sitz eines Leidens ist. Die Diasporajudenheit aber ist, diese traurige Feststellung muß nicht weiter bewiesen werden, in allen ihren Teilen krank. Die Situation der Juden in den Ländern jüdischer Massensiedlung im Osten Europas, oder auch in Übersee, ist alles andere als günstig. Die Verarmung und der politische Druck, unter denen, um nur zwei Beispiele zu erwähnen, die Juden in Polen und in Rumänien leben, sind sicherlich nicht geringer als wirtschaftlicher Niedergang und politische Gefährdung der Juden in Deutschland. Trotzdem aber beschäftigt sich die jüdische Welt mehr mit den Verhältnissen der Juden in der deutschen Republik als mit der Lage der jüdischen Volksteile in Polen, Rumänien oder in der Sowjetunion. Dies geschieht nicht, wie eingangs dargetan wurde, mit Rücksicht auf die Bedeutung der deutschen Judenheit für die jüdische Gesamtheit, sondern aus objektiven Gründen. Diese sind dermaßen gelagert, daß das Deutschland der Gegenwart Prüfstein für allgemeine Menschheitsbewegungen und Kampfarena grundlegender sozialer Prinzipien geworden ist und, auf die Judenheit bezogen, das Paradigma prinzipiell möglicher jüdischer Entscheidungen. In keinem Lande der Welt sind, innerjüdisch gesehen und auch im Verhältnis der jüdischen Gemeinschaft zur Umwelt, die grundsätzlichen Linien so scharf hervortretend wie in Deutschland. Deutschland ist ein kapitalistisches Land kat-exochen. Die polaren Bewegungen der Gegenwart, Faschismus und Kommunismus sind theoretisch und politisch am schärfsten in Deutschland ausgeprägt. In Deutschland beträgt die Zahl der Juden kaum ein Prozent der Bevölkerung. In diesem Lande ist der

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