Das jüdische Echo
- Journal
- Das jüdische Echo
- Volume
- 19 (1932)
- Issue
- 22 (27.5.1932)
- Date
- 1932-05-27
- Page
- Seite 178 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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178 Das Jüdische Echo Nr. 22 unter dem Vorsitz des Kammergerichtsrats Leo Wolff vertrauliche Beratungen der Vertreter der einzelnen Landesverbände statt, die zur Schaffung des „Reichsverbandes der deutschen Juden“ führen sollten. Die Tagung war von allen Landesverbänden außerordentlich stark besucht, allseitig kam in den Verhandlungen der Wunsch zum Ausdruck, die Beratungen nunmehr mit Beschleunigung einem Ende zuzufiihren. Wie die JTA erfährt, fand über die Gestaltung und Zusammensetzung der Verbandsorgane des Reichsverbandes ein eingehender Meinungsaustausch statt, der nach langwierigen Beratungen eine Verständigung zwischen den Auffassungen der Vertreter des Preußenverbandes und den der anderen Landesverbände, insbesondere der „Arbeitsgemeinschaft der süddeutschen Landesverbände4 anbahnte“. Auf Grund dieser Aussprache wird ein Entwurf im Anschluß an den von der Reichsverbandskommission des Preußischen Landes unterbreiteten Vorschlag ausgearbeitet, der in etwa vier Wochen in einer neuen Beratung erörtert werden soll. Im Präsidium des Reichsverbandes sollen zwei Rabbiner und zwei Lehrer sitzen, ein Zweikammersystem soll eingeführt werden, wobei in der einen Kammer die Reichstagung entsprechend der Seelenzahl der einzelnen Verbände zusammengesetzt wird, während das zweite Organ derart beschaffen sein wird, daß eine Majorisierung der anderen Verbände durch den Preußenverband ausgeschlossen ist. Es wird erwartet, daß nach dieser Beratung in aller Kürze die Gründung des Reichsverbandes vollzogen werden wird. Lob der Unerschrockenheit Auch ein Beitrag zur Judenfrage Es wird dem Berliner Polizeivizepräsidenten Dr. Bernhard Weiß keine große Freude gemacht haben, die Kommentare der deutschnationalen und nationalsozialistischen Zeitungen über sein Erscheinen und sein Verhalten bei der letzten Sitzung des deutschen Reichstages zu lesen, ganz abgesehen davon, daß es sicher keine Freude war, diese wüste und unerquickliche Szene mit allem Drum und Dran als sehr umstrittener Hauptakteur mitzuerleben. Von der Lektüre dieser Presse wird er sich allerdings auch keinerlei Vergüngen versprochen haben. Um so mehr durfte Dr. Weiß erwarten, für sein Auftreten, das, wie immer man diesen Mann sonst beurteilen mag, doch zum mindesten persönlichen Mut und Unerschrockenheit verrät, bei Organen der anderen Richtung Lob zu ernten. Seine Verwunderung mag nicht geringer gewesen sein als die obbesagte Freude, wenn in dem Berliner Bericht der „Frankfurter Zeitung“ zu lesen stand: „...mußte übrigens Herr Weiß wirklich in eigener Person erscheinen, zumal er die Wirkung kennt?“ Und die Verwunderung der großen Anzahl von Juden, deren Leib- und Magenblatt die „Frankfurter Zeitung“ auch heute noch ist, müßte nicht minder groß sein. Denn hier wird ein Mann getadelt für eine Handlung, die ihm an und für sich nur Lob einbringen könnte, wenn, ja, wenn er nur kein Jude wäre. Denn hier wird auf einmal in einer Zeitung, die das niemals wahrhaben wollte, ein Unterschied gemacht zwischen einer Sache selbst und ihrem jüdischen Träger und es wird diesem jüdischen Träger ganz unumwunden bescheinigt, daß er die Sache schlecht macht und schädigt. Und damit ist eingetreten, was jeder nüchterne Beurteiler deutscher Judenschicksale schon längst kommen sah, was aber die meisten deutschen Juden noch immer nicht erkennen und zugeben wollen: es ist von seiten eines ihrer letzten Verteidiger, in einer Nebenbemerkung zwar nur, aber doch ganz eindeutig die bisher vertretene These von der Gleichberechtigung, der Gleichwertung und Gleichartigkeit der deutschen Juden als Beamten, d. h. aber wohl überhaupt in irgend hervorragender oder repräsentativer Stellung aufgegeben worden. Man gibt vielleicht nicht zu, daß Nationalsozialisten ein Recht haben sich provoziert zu fühlen, wenn ihnen ein Jude in amtlicher Funktion entgegentritt, aber man verlangt jedenfalls von dem Juden, daß er dem Rechnung trägt. Wenn man es recht versteht, so gibt die „Frankfurter Zeitung“ in dieser Bemerkung, wie einst Sombart, den deutschen Juden den Rat, von ihren Staatsbürgerrechten keinen zu auffälligen Gebrauch zu machen, sich taktvoll und bescheiden im Hintergrund zu halten und sich in Angelegenheiten der hohen deutschen Politik ja nicht herauszustellen. Denn sie kann doch nicht so naiv sein anzunehmen, daß es bei ähnlicher Gelegenheit irgendeinem Juden anders ergehen würde, als Herrn Dr. Bernhard Weiß. Wie sich solche oder ähnliche scheinbar nebensächliche Bemerkungen in praxi bei der Deutschen Staatspartei bereits ausgewirkt haben, war bei den letzten Preußenwahlen ganz klar ersichtlich; der Staatspartei wurde schlechtweg von einer Berliner Zeitung antisemitische Neigungen beschuldigt und ihre Verteidigung gegen diesen Vorwurf war herzlich lahm und schlecht. Die Tatsache, daß die „Frankfurter Zeitung“ argumentiert, wie ein Zionist hätte argumentieren dürfen, aber nach ihren bisherigen Anschauungen niemals die „Frankfurter Zeitung“, steht fest. Bedeutet das, daß die bisherige Auffassung vom Wesen der jüdischen Existenz, von der Eingliederung der Juden in den deutschen Staat, in die deutsche Kultur und Gesellschaft, die auf ein Haar der Jüdisch-liberalen und des C.-V. gleicht, nun auch von ihren letzten und ausgeprägtesten Exponenten in der deutschen Öffentlichkeit aufgegeben wird? Vielleicht und wenn nicht in der Theorie, desto gewisser in der Praxis; es gibt niemanden mehr, der die Eingliederung der Juden als Gleichberechtigte und Gleiichgeartete wirklich für möglich hält. Jedenfalls kann man jetzt auch auf dem Umweg über die „Frankfurter Zeitung“ lernen, daß unerschrocken seine Pflicht getan zu haben, tadelnswert gefunden werden kann, sobald es sich um einen Juden handelt und da seine Pflicht nicht getan zu haben, immer tadelnswert sein wird, daß ein Jude es halt niemand recht machen kann. Warum das so ist und was daraus folgt, das wird man allerdings schwerlich in der „Frankfurter Zeitung“ lernen können. Ihr würde vermutlich sehr bange vor den Konsequenzen ihrer eigenen Einsicht, was freilich die Juden, um die es sich handelt, nicht abhalten sollte, die längst notwendige Revision ihrer Anschauungen vorzunehmen. I. E. Große politische Rede Weizmanns in Kapstadt Kapstadt, 16. Mai. (JTA.) Dr. Chaim Weizmann, früherer Präsident der Zionistischen Weltorganisation und der Jewish Agency, hielt vor seiner Abreise aus Südafrika bei Gelegenheit eines in Kapstadt ihm zu Ehren gegebenen Empfanges