Das jüdische Echo
- Journal
- Das jüdische Echo
- Volume
- 19 (1932)
- Issue
- 21 (20.5.1932)
- Date
- 1932-05-20
- Page
- Seite 170 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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170 Das Jüdische Echo Nr. 21 — im Gegensatz zu anderen Ländern, aus denen man kommt ■— keine Wirtschaftskrise unter den Juden im Lande. Es wird gebaut, gepflanzt, Straßen angelegt, Pläne gemacht. Der Pendel schwingt nach der Seite der Expansion, nicht nach der des Abbaus. Heute scheint es durchaus möglich, nach Palästina zu gehen. Es gibt Anlagemöglichkeiten für Kapital, eine im Verhältnis zu Europa beträchtliche wirtschaftliche Sicherheit, europäisierte komfortable Lebensbedingungen. Es ist charakteristisch, daß Tel-Awiw heute von sehr vielen Besuchern als die Perle des Jischuw angesehen wird. Nur hier will und kann man leben. Da ist alles, was man nur will: eine rein jüdische Atmosphäre, Freiheit von fremden Elementen, Autonomie, europäische Wohnungen mit genügendem Komfort, „kulturelles Leben“, das heißt Kino, Theater, Vorträge. Alle anderen Möglichkeiten können vor Tel-Awiw nicht bestehen. Jerusalem und Haifa sind keine rein jüdischen Orte, das Leben ist nicht so leicht dort. Und von einer Siedlung auf dem Lande kann natürlich bei diesem mittelständischen Einwanderertypus, der eigenes Kapital mitbringt, nur in einem kleinen Prozentsatz die Rede sein. Und gerade für diesen Mittelstandstypus bedeutet ein Palästinabesuch heute etwas ganz Besonderes. Bisher war es immer so, daß der Eingesessene versuchen mußte, Palästina und seine Lebensart, seine Leistungen, seine Tendenz gegenüber dem Touristen zu verteidigen. Heute ist es fast umgekehrt. Kritische Worte hört man von Neuankömmlingen nur relativ selten. Dagegen bemühen sich die Palästinenser, den Besuchern klar zu machen, daß das Land sich augenblicklich von seiner besten Seite zeige und daß es nicht immer so sei. Kurz, unter den Tausenden, die heute ins Ausland zurückkehren, befindet sich eine große Zahl freiwilliger Palästinapropagandisten. Das Rad hat sich gedreht. Bisher hat Palästina draußen durch seine Abgesandten geworben. Heute kommen die Abgesandten des Judentums ins Land und verbreiten die Eindrücke ihrer Zionfahrt unter der Menge. II. Soweit über die national-propagandistische Auswirkung dieser Festmonate. Über die politische und die wirtschaftliche ist es schwerer, zu urteilen. Es liegt in der eigenartigen Situation des Zionismus und seiner besonderen Arbeitsbedingungen, daß Dinge und Stimmungen sich anders nach innen auswirken als nach außen. In dieser Stituation ist es auch begründet, daß es eigentlich keine „unpolitischen“ Aktionen geben kann. Jede Zusammenkunft, jedes Fest, jede Äußerung auch nichtoffizieller Stellen wird draußen, daß heißt im arabischen und englischen Lager, genau verfolgt, abgewogen, bewertet. Unter diesen Umständen wird selbstverständlich ein Sportfest wie die Makkabiade und eine wirtschaftliche Unternehmung wie die Messe sofort zu einem Politikum. Bei der Makkabiade hätte vielleicht das Sportfest als solches keine so starke politische Wirkung zu üben brauchen. Da sie jedoch mit großen geordneten Umzügen und Aufmärschen verbunden war, die mit klingendem Spiel und fliegenden Fahnen die Stadt durchzogen, so wirkte sie — ob man das beabsichtigt hatte oder nicht ■— demonstrativ. Und sie wurde auch so von der arabischen Presse betrachtet und bewertet. Bei der Levantemesse hätte die Sache nicht so zu liegen brauchen. Hier handelt es sich um ein wirtschaftliches Unternehmen, eine internationale Industrie- und Handelszusammenkunft. Ihrem Wesen nach kann sie nicht auf nationale Grenzen beschränkt sein und müßte einen all-palästinensischen Charakter annehmen. Die Regierung, die schon rein fiskalisch an solchen Aktionen interessiert ist, hat sich auch charakteristischerweise sehr aktiv an der Sache beteiligt. Aber es ist bezeichnend für die politische Stimmung des Landes, daß trotz allem der arabische Boykott der Messe beschlossen und durchgeführt werden konnte. Kein einziger Araber hat ausgestellt und der Besuch von arabischer Seite war gering. Die Gründe für den Boykott hat der Redakteur des arabischen „Felestin“ bei seinem Besuch auf dem Messegelände zusammengefaßt: Wenn es sich um eine wirtschaftliche Aktion handelte, so erklärte er, hätten die Araber sich beteiligt. Da man es jedoch mit einer zionistischen Demonstration zu tun hat, so müssen wir uns absentieren. Durch diesen Boykott entsteht die etwas groteske Situation, daß bei einer Messe, deren Ziel die Öffnung neuer Märkte ist, der nächstliegende, nämlich der palästinensische, ignoriert werden muß. Daß für die Anknüpfung von Beziehungen zu den Nachbarländern diejenigen mit dem eigenen Land vernachlässigt werden. Allein an dieser Ungereimtheit sieht man den Zentralfehler einer separatistischen 'ökonomischen Konzeption. Alles in allem genommen waren die Festunternehmungen der letzten Monate, politisch gesehen, ein ziemlich gewagtes Stück. Nicht daß irgendwelche Unruhen zu befürchten wären. Die Regierung ist zur Zeit sehr wachsam und der neue Polizeikommandant scheint es mit der Reorganisation des Sicherheitswesens sehr ernst zu meinen. Aber es läßt sich nicht leugnen, daß solche Zeiten ihrem Wesen nach einer Pazifizierung der Gemüter entgegenstehen, daß sie die Spannung vergrößern und eine Wachsamkeit der Sicherheitsorgane in der Tat nötig machen. Diese Tatsache sollte von neuem zum Nachdenken Anlaß geben und uns daran erinnern, daß wir unsere Propaganda nicht nur für uns, sondern für die andern zu berechnen haben. Sonst werden wir leicht Augenblickserfolge gegen langwährende Schwierigkeiten eintauschen. Was sind die wirtschaftlichen Ergebnisse der letzten Monate? Diese Frage wird überall im Lande mit Eifer diskutiert. Eine genaue Antwort läßt sich heute noch nicht geben; wir können nur schätzungsweise an das Problem herankommen. Sicher ist, daß unter den Besuchern sehr viele waren, die mit der Absicht umgingen, sich im Lande eine Existenz zu schaffen oder zumindest einen Teil ihres Geldes hier anzulegen. Die Situation war anders als bei der polnischen Einwanderung der Jahre 1925—1926. Die Lage im Lande ist viel besser. Damals mußte das einwandernde Kapital erst die Arbeitslosigkeit abbauen, diesesmal ist keine vorhanden. Damals gingen die Investitionen sehr rasch unter Begleitung von Spekulationen vor sich. Es gab keine „ausprobierten“ Wirtschaftszweige, von denen man wußte, daß und wieviel sie tragen würden. So kam es, daß sehr viele unüberlegte Investitionen gemacht wurden, unter denen die Unternehmer später schwer zu leiden hatten. Andererseits war aber auch ein großer Elan zu spüren, der die Einwanderer dazu trieb, neues zu versuchen, gewissermaßen als Pionierkapital zu wirken.