Das jüdische Echo
- Journal
- Das jüdische Echo
- Volume
- 19 (1932)
- Issue
- 20 (13.5.1932)
- Date
- 1932-05-13
- Page
- Seite 163 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 97% known words query
- IRI
…/9072829-9103089-9181125--12335-9084405- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
Nr. 20 Das Jüdische Echo 163 Rad der Geschichte wendet sich, schon schütteln diese Länder, die die Wiege der Zivilisation waren, den Schlaf der Jahrhunderte von sich ab; die Rückkehr der Juden in das Gelobte Land wird sie vollends wachrütteln. Wir in Erez Israel haben die Pflicht, den Völkern, die uns Nachbarn, und Verwandte sind, zu helfen, ihre Kräfte zu entwickeln, so daß der Fortschritt des Jüdischen Nationalheirns von einer geistigen Wiederbelebung des Nahen Ostens begleitet werde. In unserem alten Vaterlande war es uns Juden vergönnt, Gott so zu erleben, daß die Begriffe Gerechtigkeit und Sittlichkeit der Stoff geworden sind, aus dem unsere Bibel geformt ist. Mit der Erneuerung des jüdischen Lebens in Palästina fühlen wir das Gewicht der Verantwortung, die uns unsere Erbschaft auferlegt, und wir wissen, daß, was immer die jüdische Gemeinschaft in Erez Israel vollbringen mag, um ihr eigenes Schicklai zu vollenden, auch einen universellen Wert haben muß. Dieser Verantwortung vor allem muß sich die Hebräische Universität bewußt sein. Aber um die höchsten Ziele zu erreichen, müssen wir Juden unser Leben so formen, daß unsere Nachbarn die Gaben der Kultur, die wir ihnen bringen, anerkennen und bereitwillig annehmen. Nicht mit Worten, sondern mit dem schweigenden Zeugnis unserer Taten wollen wir überzeugen; dies nicht nur im Orient, sondern überall in der Welt, wo Juden fortdauernd Feindseligkeiten ausgesetzt sind. Apologetik hat nie viel genutzt, sie hat die Feinde der Judenheit nicht daran gehindert, uns bis auf den heutigen Jag mit den gleichen falschen und törichten Anschuldigungen zu verfolgen. Die wahre Natur des Judentums wird sich in der Welt in Palästina offenbaren, wo unser Leben und unsere Arbeit für uns sprechen. Die jüdische Wissenschaft in Europa und in Amerika ermangelt des natürlichen Echos in der gesamten Judenheit. Die Arbeiten einzelner Gelehrter in der Diaspora können nur verhältnismäßig kleine Kreise 'inspirieren, ln Palästina aber lebt der hebräisch schreibende und lehrende jüdische Gelehrte mitten in einer hebräisch sprechenden jüdischen Bevölkerung, die mit unserer alten Literatur vertraut ist. die die Werke unserer mittelalterlichen Schriftsteller kennt und die gewohnt ist, hebräisch zu denken. Hier gibt es die natürliche Wechselwirkung zwischen Wissenschaft und Leben. von der die Wissenschaft nicht weniger Nutzen hat als das Leben. Die Wasser des Schiloach fließen langsam und wir wissen, daß die großen Werke des menschlichen Geistes nur allmählich zur vollen Reife kommen. Da wir Außerordentliches erstreben, sollen wir nicht allzu frühe Früchte erwarten. Wir wünschen der Universität ein organisches Reifen und strenge Selbstkritik gegenüber ihren eigenen Leistungen. Auf diese Weise wird die Universität ihrer dreifachen Aufgabe gerecht werden: ein wissenschaftliches Institut von hohem Rang zu sein, das jüdische Leben in Erez Israel und in der Welt zu fördern und zu bereichern und den geistigen Mittelpunkt für alle Teile des Vorderen Orients zu bilden. James Rothschild erinnerte in seiner Rede an das Interesse, das sein Vater. Baron Edmund, stets für die Sache der Hebräischen Universität genommen hat. Als einer der Augenzeugen der Grundsteinlegung der Universität während des Krieges im Jahre 1918 schilderte der Vortragende dieses Ereignis und verbreitete sich dann über die einzelnen gegenwärtig bestehenden wissenschaftlichen Institute und ihre Aufgaben. Am Genfer See, so schloß' der Redner, zeigt man den Besuchern, wie die Rhone als ein deutlich erkennbarer weißer Strom durch das dunkle Wasser des Sees hindurchfließt. Ebenso hat die jüdische Kultur sich durch zwanzig Jahrhunderte rein erhalten, während sie durch die Kulturen vieler Länder und Völker hindurchfloß. Wenn die Rhone den See verläßt, nimmt sie ihren Weg zum Meere wieder auf und verbreitet längs ihres Weges Fruchtbarkeit und Segen. So hat auch der Strom des jüdischen Wissens und Denkens heute seinen eigenen Weg wieder aufgenommen, und die Hebräische Universität zeigt uns, daß er frisch und lebenspendend geblieben ist. Aus der jüdischen Welt Jakob Klatzkin 50 Jahre Berlin, 8. Mai. (JTA.) Vor einigen Tagen hat der bekannte jüdische Philosoph und Publizist Jakob Klatzkin sein 50. Lebensjahr vollendet. Der Jubilar hat sich der Huldigung seiner Berliner Freunde entzogen und verbrachte seinen Geburtstag in Palästina. Jakob Klatzkin wurde 1882 in Kartuszkaja Bereza (Weißrußland) geboren, war 1909 bis 1911 Redakteur des zionistischen Zentralorgans „Die Welt“, später Leiter des Hauptbüros des Keren Kajemeth in Köln. 1915 bis 1918 redigierte er in der Schweiz das „Bulletin Juif“; ferner gründete und leitete er den Verlag „Al-Hamischmar“ (Lausanne), war 1921 bis 1922 Mitherausgeber der „Freien Zionistischen Blätter“ in Heidelberg und ist Mitbegründer des „EschkoU-Verlags in Berlin, in dem er gegenwärtig als Chefredakteur die Herausgabe der fünfzehnbändigen „Encyklopaedia Judaica“ in deutscher und hebräischer Sprache leitet. Klatzkin veröffentlichte 1902 rabbinische Novellen in hebräischer Sprache: „Pirche awiw“; deutsch 1912 die Schrift „Das Problem der Bewegung“ und 1920 eine Monographie über Hermann Cohen in hebräischer und deutscher Sprache, ln seinem Werke „Probleme des modernen Judentums“ (1918, 2. Auflage: „Krisis und Entscheidung“, 1921) vertritt Klatzkin eine bis zu ihren letzten Konsequenzen durchdachte Lehre der Galuth-Venieinung und des formalen Nationalismus, dessen Elemente nach ihm nur Land und Sprache sind, während er jede inhaltliche Abgrenzung des Judentums ablehnt. Seine hebräischen Essays erschienen gesammelt unter dem Titel „Techumim“ und „Keraim“ (1924), eine Reihe von Aphorismen unter dem Titel ..Sutot“ (1925). Sein Buch „Schekiat hachaj'ini“ (1925) stellt den Versuch dar, vom Vitalismus ausgehend ein neues System einer philosophischen Weltanschauung aufzubauen. Der Philosophie Spinozas ist Klatzkins hebräische Übersetzung der ..Ethik“ (1923) und eine hebräische Monographie über den Philosophen (1924) gewidmet, der griechischen und römischen Philosophie eine Sammlung von Aphorismen „Mischnat rischonim“ (1925). Klatzkin gab ferner eine Anthologie der hebräischen Philosoohie des Mittelalters heraus. Von einem hebräisch-deutschen Lexikon der mittelalterlichen hebräisch-philosophischen Literatur; das Klatzkin zusammen mit M. Zobel herausgibt, sind bisher zwei Bände erschienen. Klatzkins radikaler Palästina-zentrischer Standnunkt, den er in seinem berühmten Buche ..Probleme des modernen Judentums“ entwickelt hat, und seine Absonderungsforderungen, so lange die Juden noch in der Galuth existieren, wurden auch