Das jüdische Echo
- Journal
- Das jüdische Echo
- Volume
- 19 (1932)
- Issue
- 19 (6.5.1932)
- Date
- 1932-05-06
- Page
- Seite 154 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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154 Das Jüdische Echo Nr. 19 als die Juden in der ganzen Welt. Während überall die Judenheit von Sorge, Angst und Resignation, ja sogar von Hoffnungslosigkeit erfüllt ist, strotzt sie in Palästina von Plänen, Erwartungen und Hoffnungen. Alle Nachrichten, die in der letzten Zeit aus Palästina kommen, beweisen trotz der vorhandenen politischen Schwierigkeiten und trotz der schweren Lage, in der sich verschiedene Institutionen befinden, die von der Unterstützung der Juden in der Galuth abhängig sind, daß der Grundkern der jüdisch-palästinensischen Wirtschaft und Gemeinschaft gesund ist. Diese Nachrichten üben natürlich auf Juden in der Galuth, welche der Zukunft vom menschlichen und jüdischen Standpunkte nur sehr trüb entgegensehen, eine verlokkende Wirkung aus. Das ist begreiflich, und es kann nicht Wunder nehmen, wenn sehr viele jüdische Menschen, die bisher den Gedanken weit von sich gewiesen haben, ihren Wohnort zu verändern, sich ernstlich mit dem Plane beschäftigen, nach Palästina auszuwandern. Zweifellos ist diese Absicht durchaus begrüßenswert und hat auch in sehr vielen Fällen, wenn sie ausgeführt wird, gewisse Chancen, daß die Auswanderer den von ihnen erwarteten Nutzeffekt erzielen werden. Es ist aber ausdrücklich festzustellen, daß derartige Pläne mit der größten Vorsicht überlegt und durchgeführt werden müssen. Wer lediglich die Absicht hat, sein bisheriges wirtschaftliches Leben in der palästinensischen Umgebung fortzuführen, dem kann nicht angeraten werden, daß er Vorbereitungen zu einer Auswanderung trifft. Eine Übersiedlung nach Palästina hat nur für diejenigen Sinn, die bereit sind, in Palästina einen anderen Lebensstil anzunehmen und den Prozeß der Umschichtung an sich selbst zu vollziehen. Wer nach Palästina mit seinem größeren oder bescheidenen Vermögen auswandert, darf nicht erwarten, daß er die wirtschaftlichen Funktionen, die er bisher ausgeübt hat, auch weiter in unveränderter Form fortführen wird. Es ist durchaus verständlich, daß ein Mensch mittleren Alters sich nicht grundsätzlich umzustellen vermag, man kann daher nicht erwarten, daß er, der bisher Händler gewesen ist, nach seiner Übersiedlung in Palästina sofort ein Landwirt oder ein selbst arbeitender Gewerbetreibender werden wird. Aber was unumgänglich erscheint, um einen Erfolg bei einer Übersiedlung nach Palästina wahrscheinlich zu machen, ist, daß der betreffende Auswanderer sozusagen eine Zwischenstufe vom Händlertum zum Landwirt oder Gewerbetreibenden betritt. Sei es, daß dieser Auswanderer sein Vermögen in einer Plantage, Geflügelfarm, Milchwirtschaft oder in einen kleinen industriellen Betrieb anlegt, in jedem Falle muß er den Willen mitbringen, selbst Hand anzulegen und auch dafür Sorge zu tragen, daß seine Familienangehörigen mitarbeiten, die Nachkommenschaft jedoch sich auf den Weg der restlosen Umschichtung begibt. In der letzten Zeit sind viele jüdische Auswanderer aus Amerika, Südafrika, Polen, Lettland, Australien und aus anderen Ländern nach Palästina gekommen. Die Fassungskraft für Einwanderer mit eigenem Kapital ist keineswegs erschöpft. Wirtschaftliche Möglichkeiten gibt es noch. Wer auswandern will, wird gut daran tun, sich zunächst in sorgsamster Art über alle Möglichkeiten, die gerade für ihn in Betracht kommen, zu informieren. Am besten ist, er fährt ins Land, um an Ort und Stelle alles zu prüfen und Erkundigungen einzuziehen. Erst, wenn er das getan und festgestellt hat, ob er für das Land und das Land ihm paßt, dann soll er den Schritt wagen, den Schritt zum Anschluß an die werdende jüdische Gemeinschaft, in der ungeahnte menschliche und jüdische Möglichkeiten der Entwicklung vorhanden sind. 1. s Große Palästina - Debatte im englischen Parlament John Buchan’s große Palästinarede im Unterhaus London, 25. April. (JTA.) Colonel John Buchau, der einflußreiche konservative Abgeordnete und Vorsitzende des parlamentarischen Pro-Palästina-Komitees, hat im Unterhaus eine große Rede gehalten, in der er die Öffnung der Tore Palästinas für neue jüdische Einwanderung nach Maßgabe der wirtschaftlichen Kapazität des Landes forderte, dabei die zweiseitige Verpflichtung der englischen Palästina-Politik und die Notwendigkeit einer Verständigung zwischen Juden und Arabern betonte. Nachstehend ein größerer Auszug aus der Rede Buchans: Unsere Haltung in Palästina, sagte John Buchan, sollte weder pro-jüdisch, noch pro-arabisch, sondern einfach pro-englisch sein. Wir müssen unseren Ehrenverpflichtungen treu bleiben, den Frieden und die Prosperität zweier Rassen, denen beiden gegenüber wir uns tief verpflichtet haben, sichern. Unsere nationale Ehrenverpflichtung ist es, nicht die Juden nach Palästina zurückzubringen, sondern für diejenigen Juden, die nach Palästina zurückzukehren wünschen, ein Nationalheim vorzubereiten. Die Verwirklichung des zionistischen Ideals hängt nicht von der Ausdehnung des Territoriums ab, auf dem das Nationalheim geschaffen wird, sondern von den Chancen, die der Entwicklung des jüdischen Genius gegeben sind; das Wesen dieses Nationalheims ist eben qualitativ, nicht quantitativ. Aber da unsere Verpflichtung nicht gegenüber einer begrenzten Zahl von Juden, sondern gegenüber dem ganzen jüdischen Volke gilt, schließt sie Freiheit der Einwanderung ein, soweit die wirtschaftliche Aufnahmefähigkeit des Landes dies gestattet; das will besagen, daß gegen eine freie und vernunftgemäße Entwicklung des in sein Land zurückkehrenden jüdischen Volkes keine künstliche Schranke aufgerichtet werden darf. Überdies müssen wir solchen zurückkehrenden Wanderern Sicherheit des Lebens und Eigentums gewähren. Wir wollen die in den letzten 12 oder 13 Jahren in dieser Beziehung gemachten Fehler vergessen; ich glaube, daß heute beide Palästina bewohnenden Rassen bereit sind, das Vergangene zu vergessen und der Gegenwart und der Zukunft klaren Auges und praktischen Sinnes gegenüberzutreten. Die Einwanderung wird nach einem Arrangement zwischen Palästina-Regierung und Jewish Agency gehandhabt. In den letzten Jahren ist aus der Flut der Einwanderung ein sehr dünnes Geriesel geworden, und plötzlich versiegte sie ganz. Kein Zionist widersetzt sich heute einer auf wirtschaftlichen Tatsachen basierenden Einwanderungseinschränkung; die Zionisten sind weder Narren noch Träumer, sie sind praktisch denkende Menschen. Was sie wollen, ist, daß ^egen die Einwanderung keine künstlichen Schranken errichtet werden. Das jüdische Volk hat in der Zurückführung seiner Menschen nach Palästina eine bewundernswerte Leistung vollbracht. Viele Millionen wurden in den letzten Jahren für diesen Zweck verausgabt,