Das jüdische Echo
- Journal
- Das jüdische Echo
- Volume
- 19 (1932)
- Issue
- 19 (6.5.1932)
- Date
- 1932-05-06
- Page
- [Seite] (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 96% known words query
- IRI
…/9072829-9103089-9181123--12324-9084394- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
Das Jüdische Echo Erscheinungszelt: Jeden Freitag. Bezug : Durch die Postanstalten oder den Verlag. — Bezugsoreis: Jährlich: RM. 8.—. halbjährlich: RM. 4.—. vierteljährlich: RM. 2—. Einzelnummer 20Rpf. / Verlag, Ab*- Iieferung des ,.Jüdischen Echos“: München. Plinganserstraße Nr. 64. I N H R L T : Mittelstands-Wanderung — Große Palästina- Debatte im englischen Parlament — Ende der Pogromprozesse von Wilna und Saloniki — Aus der jüdischen Welt — Gemeinden- und Vereins- Echo — Geschäftliches — Spenden-Ausweis Anzeigen: Die vlergespaltene Millimeter-Zelle 30 Rpf. / Familien- Anzeigen Ermäßigung / Anzeigeb- Annahme: Verlag des Jüdischen Echos. München. Plinganserstraße 64 f Telephon 73664/65 Postscheck - Konto: München 3987 Nr. 19 München, 6. Mai 1932 19. Jahrgang IVlittelstands-Wanderung Der schwere politische Druck, der auf den meisten Ländern Europas, in denen die Juden in nennenswerter Zahl leben, lastet und die Juden besonders schwer trifft, ist im Grunde genommen ein Ausdruck der wirtschaftlichen Situation, die seit Jahren eine absteigende Tendenz zeigt und im Augenblick leider zu keinerlei Hoffnung Anlaß gibt, daß in absehbarer Zeit eine Besserung oder auch nur eine Stabilisierung kommen wird. Ist schon der politische Druck für die Juden außerordentlich schwer, so gestaltet sich die wirtschaftliche Krise in bezug auf die Juden geradezu katastrophal. Hierbei haben wir nicht so sehr den heutigen Zustand im Auge, der genug beklagenswert ist, als vielmehr die Tendenz der weiteren Entwicklung. Die Juden befinden sich in ihrer großen Mehrheit zwischen den zwei Polen der möglichen Entscheidungen. Eingekeilt zwischen Produktion und Konsum werden sie sowohl von dem Großkapital in allen seinen möglichen Konzentrationsformen von der einen Seite und von kollektiven Wirtschaftstendenzen von der anderen Seite bedrängt, und die Basis ihrer Existenz erfährt eine ununterbrochene Verengerung. Menschlich und jüdisch ist die Lage der Juden in den meisten Ländern Europas unhaltbar. Menschlich, weil sie als Angehörige des Mittelstandes zwischen Hammer und Amboß stehen, jüdisch, weil die Bedingungen zur Fortführung eines eigenartigen Sonderlebens immer mehr schwinden. In den Juden wirkt als bestimmender Faktor das Bestreben, ihre Art zu bewahren, und die Lebensordnung innezuhalten, die seit Jahrtausenden von den Trägern des Judentums beobachtet wird. Dieser bestimmende Faktor hat sich allezeit bemüht, Bedingungen aufzusuchen oder zu schaffen, die den Juden ermöglichen, ihr jüdisches Leben fortzuführen. In der gegenwärtigen Epoche ist die Auffindung derartiger Bedingungen oder deren Schaffung außerordentlich erschwert oder sogar unmöglich gemacht. Die Folge ist, daß sich der bestimmende Faktor, jüdisches Sonderleben fortzuführen, nicht mehr zu entfalten vermag und darum verkümmert. Das Ergebnis ist ein Prozeß allmählicher Entjudung mit allen traurigen moralischen und sozialen Begleiterscheinungen. Menschliche und jüdische Existenzen geraten in Konflikt miteinander, und die Betroffenen durchleben eine Krise, an deren Ende ihr Untergang als Juden steht. Das Grundproblem der jüdischen Gegenwart ist: wie koordiniert man Bestimmung und Bedingung der jüdischen Existenz, um den Trägern und Erben des Judentums die Möglichkeit einer normalen menschlich-jüdischen Existenz zu schaffen? Die Antwort darauf hat in konsequentester Weise bisher der Zionismus gegeben. Er erkannte, daß die allgemeine Entwicklung in der Welt dazu drängt, daß die Juden vor die Aufgabe gestellt sein werden, sich in die allgemeinen Bedingungen wirtschaftlicher und sozialer Art einzuordnen und daß hierbei die jüdische Substanz Gefahr laufen muß, sich zu vermindern oder zu verschwinden. Aus diesem Grunde hat er die Forderung aufgestellt, daß durch die Schaffung einer normalisierten jüdischen Gemeinschaft die Konfliktsmöglichkeit zwischen bestimmendem und bedingendem Faktor jüdischen Seins ausgeschaltet werden. Tatsächlich ist in der Gegenwart in keinem einzigen Punkte der Welt die Judenfrage in dem Maße gelöst, wie in der werdenden jüdischen Gemeinschaft in Palästina. Sowohl menschlich wie jüdisch ist die Situation des palästinensischen Jischuw statisch und auch dynamisch viel besser und gesünder als die Lage der Juden in allen Ländern des Erdteils. Es ist eine auffallende Erscheinung, daß der Jischuw in Palästina unter der Weltkrise, die kein einziges Land verschont, und natürlicherweise auch Palästina, wenn auch nur in sehr geringem Grade, in ihre verheerende Wirkung einbezieht, am wenigsten zu leiden hat. Der Grund dieser Erscheinung liegt, abgesehen davon, daß Palästina ein im Aufbau befindliches, aufstrebendes Land mit großen zukünftigen Möglichkeiten verkehrspolitischer und wirtschaftlicher Art von der Krise weniger betroffen wurde, hauptsächlich darin, daß die jüdische Gemeinschaft Palästinas ungleich allen anderen jüdischen Gemeinschaften bis zu einem Grade umgeschichtet erscheint, wie er sonst nirgends zu beobachten ist. Unter „umgeschichtet“ ist zu verstehen der Übergang der Juden von der Schicht des Mittelstandes zu den Berufen der Urproduktion. In Palästina leben 25% des Jischuw auf dem Lande und beziehen ihr Lebenseinkommen aus landwirtschaftlicher Betätigung. Weitere Tausende von Juden sind als Werktätige in allen Berufszweigen beschäftigt. In Tel- Awiw gibt es keine Judenfrage, der Grund hierfür ist, daß sowohl der Bürgermeister von Tel- Awiw, wie auch der Laternenanzünder und der Nachtwächter Juden sind. Die Schichtung der jüdischen Gemeinschaft in Palästina ist normal. Die Judenheit in Erez Israel hat Boden unter den Füßen. Das Fundament ihrer menschlichen und jüdischen Existenz ist wohlgefügt, und darum ist sie, abgesehen von der objektiven Tatsache, daß die Verhältnisse dort besser sind als anderwärts, psychologisch in einer ganz anderen Verfassung