Das jüdische Echo
- Journal
- Das jüdische Echo
- Volume
- 19 (1932)
- Issue
- 18 (22.4.1932)
- Date
- 1932-04-22
- Page
- Seite 146 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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146 Das Jüdische Echo Nr. 18 dentenwahl für Hitler abgegebenen Stimmen überschritten und die für Hitler bei der zweiten Reichspräsidentenwahl abgegebene Stimmenzahl, die ja damals über 2 Millionen Nichtnationalsozialisten einschloß, fast für sich allein erreicht. In Preußen wurden für die nationalsozialistischen Listen 8 008 219 (35,7%) von insgesamt 22 402 844 Stimmen abgegeben. Von den 422 Mandaten erhalten die Nationalsozialisten 162 (früher 9). Einer Koalition Nationalsozialisten und bürgerliche Rechtsparteien fehlen nur wenige Stimmen zur absoluten Majorität, während die Weimarer Koalition, die bisher in Preußen regierte (Sozialdemokraten, Zentrum und Staatspartei), über nur 162 Abgeordnetensitze verfügt. Da nun die 57 Kommunisten weder nach liihvs noch nach rechts koalitionsfähig sind, ist eine regierungsfähige Mehrheit im preußischen Parlament im Augenblick nicht möglich und die Situation unübersichtlich. Das Kabinett Braun-Severing bleibt mindestens bis zum Zusammentritt des neuen Landtags im Juni im Amte. Im allgemeinen glaubt man nicht, daß vor dem Herbst die Bildung einer preußischen Regierung, vielleicht im Zusammenhang mit einer Umbildung der Reichsregierung, sich wird bewerkstelligen lassen, andererseits ist man der Meinung, daß man nicht wird umhin können, den vordrängenden Nationalsozialisten einen Teil der Regierungsverantwortung zu überlassen, in der Hoffnung, daß bis zum Ende der Legislatur des'neugewählten Landtags eine klare Kristallisation der Volksmeinung übersichtliche Verhältnisse geschaffen haben wird. Es bleibt im Dunkeln, wie sich ein Nazi-Regime gegen den jüdischen Teil der Bevölkerung auswirken wird. Die antijüdische Hetze der Führer war während der Wahlkämpfe merklich abgeebbt, von Entrechtung der Juden war wenig mehr die Rede. Die Führer haben anscheinend begriffen, daß die antisemitische Losung nicht d i e werbende Kraft unter den Massen hat, die sie ihr anfangs zi.schrieben. Wenn sie später etwa zur Regierung kommen, so wird nicht die Rede davon sein können, daß irgendeine öffentliche Meinung auf die Verwirklichung des antisemitischen Programms drängt; was auf diesem Gebiete getan oder unterlassen werden wird, wird Sache der Verantwortung der Führer selbst sein. Die Wahlen in Österreich Wien,- 25. April. (JTA.) Die gestrigen Wahlen für den Wiener Gemeinderat, den niederösterreichischen Landtag und den Landtag von Salzburg haben den Nationalsozialisten auf Kosten der Großdeutschen und des Landbundes überall starke Erfolge gebracht, die Regierungsverhältnisse haben sich aber in keinem dieser Länder geändert. In Wien erhielten zahlreiche jüdische Dozenten anonyme Briefe, in denen ihnen für den Fall, daß sie für die Sozialdemokraten stimmen, Rache angedroht wird. Was der R. j. F. will Die Ortsgruppe München des R. j. F. bittet uns zu dem von uns veröffentlichten Artikel „Der R. j. F. auf Abwegen“ die folgende Erwiderung der Bundesleitung des R. j. F. aufzunehmen. Wir kommen diesem Wunsche nach, können jedoch nicht verschweigen, daß diese Erwiderung der unserer Meinung nach recht ernst zu nehmenden Mahnung des Artikels nicht gerecht wird. Im besonderen scheint uns die Berufung darauf, daß dieser innerpolitische Ziele propagiere, während der R. j. F. innerpolilisch keinerlei Stellung nehme, die wahre Bedeutung dieses Artikels zu verkennen. Die jüdische Situation verlangt von uns, daß die Geisteshaltung nicht nur der Nationalsozialisten, sondern auch des Stahlhelms etwa mit allen Kräften bekämpft wird. Auch und gerade in unseren Reihen. In höchstem Maße verwunderlich ist der Satz: ..Wenn heute nicht noch weil größere Teile der deutschen Bevölkerung dem Judenhaß verfallen sind, so ist dies in hohem Maße der auf klärenden Tätigkeit des R. j. F. zuzuschreiben.“ Wir müssen zugeben, daß es gewiß noch mehr als 13 Millionen Hi tierstimmen hätte geben können, aber man sollte doch nicht so stolz von einer „aufklärenden Tätigkeit“ sprechen, die nicht hat verhindern können, daß in einem noch nicht dagewesenen Umfang und über alle bisherigen Begriffe hinaus der Antisemitismus zugenommen hat. Ganz abgesehen von der beschämenden Selbstzufriedenheit, die aus dieser Äußerung hervorgeht, verrät sie eine merkwürdige Auffassung vom Ursprung und vom Wachstum des Antisemitismus und den Möglichkeiten seiner Bekämpfung, über die in diesem Zusammenhang nicht weiter gesprochen sein soll; es sei aber festgestellt, daß der R. j. F. oder zumindest seine Bundesleitung, wenn sie sich von solchen Ansichten leiten lassen, tatsächlich auf einem falschen Wege marschieren. D. Red. Sehr geehrte Herren! Von seiten unserer Mitglieder wird uns Ihr Artikel „Der R. j. F. auf Abwegen“ übersandt mit der Bitte, denselben zu erwidern. Wir kommen diesem Wunsche nach im Vertrauen auf Ihre Loyalität. In erster Linie haben wir uns gegen Ihre Darstellung zu wenden, daß der R. j. F. um die „Gunst“ der militärischen Kreise oder des Stahlhelms und dergleichen „buhlt“. Das würde aufs schwerste dem o b erst e n Grundsatz für die Arbeit des R. j. F. widersprechen, bei allem Tin die Würde und das Ansehen des aufrechten und selbstbewußten Juden zu wahren. Der R. j. F. kann diesen Grundsatz um so leichter durchführen, ’ als das Ansehen, das er in allen Kreisen der deutschen Bevölkerung genießt, von den obersten Staatsstellen zu den großen Marsen bis weil hin sogar in die Kreise unserer Gegner, ein sehr hohes ist, und sein Wort immer mit Respekt angehört wird, was nicht zuletzt auf striktester Durchführung jenes Grundsatzes beruht. Wenn heute nicht noch weil größere Teile der deutschen Bevölkerung dem Judenhaß verfallen sind, so ist dies in hohem Maße der aufklärenden Tätigkeit des R. j. F. zuzuschreiben. Erst vor kur zem sagte ein besonders führender und maßgeben der Staatsmann bei der Erörterung von antisemitischen Roheitsakten, daß zur Bekämpfung der Verhetzung in den Massen diese vielmehr als bisher darüber aufgeklärt werden müßten, daß die Juden im Kriege sich nicht gedrückt, sondern ebenso ihre Pflicht getan und ihre Opfer gebracht haben, wie der übrige Teil der deutschen Bevölkerung. Eimern le, daß der R. j. F. dazu ja besonders geeignet und noch weit mehr als bisher wirken müsse. Die Stellung zur deutschen Innenpolitik ist bei den verschiedenen Teilen der Massen, in denen der R. j. F. den Judenhaß bekämpft, verschieden. Wir können aber nicht auch noch darauf Einfluß nehmen. Wir haben allein unsere wichtige jüdische Aufgabe zu erfüllen, wirkliche Kenntnis über das Judentum und seinen hohen Wert für unser Land zu verbreiten. Es ist oft erstaunlich, wie weite Kreise, von denen man es gar nicht annehmen sollte, nach dieser Kenntnis verlangen und ihre Vorurteile dann immer sehr weitgehend revidieren. Der Kampf für die innenpolitischen Ziele, die jener Plinsender propagiert, also etwa Kampf für