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Das jüdische Echo · 1932-04-15 · 16 (15.4.1932) · p. Seite 130

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Journal
Das jüdische Echo
Volume
19 (1932)
Issue
16 (15.4.1932)
Date
1932-04-15
Page
Seite 130 (sequence 2)
Language
German
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130 Das Jüdische Echo Nr. 16 jüdischen Großgemeinde ungewöhnliche Schritt ist das letzte Ergebnis einer Entwicklung gewesen, welche in krasser Weise zeigt, wohin die deutsche Judenheit steuert. Deutschland ist in der Gegenwart in vielfacher Beziehung der Pegel für die Zuspitzung von Tendenzen der gesellschaftlichen Zustände in der ganzen Welt. Faschismus und Kommunismus sind die zwei Pole, in deren Richtung sich die gegenwärtige deutsche Situation bewegt. Die Gegensätze dieser zwei Tendenzen sind nirgends so scharf ausgeprägt wie in der deutschen Republik. Ist schon Deutschland allgemein-politisch der Brennpunkt der Hauptslrömungen der Gegenwart geworden, so ist die deutsche Judenheit in dem jetzigen Augenblick in noch höherem Maße der sinnfälligste Ausdruck für das gesamt jüdische Schicksal und die gesamtjüdischen Richtungen in der ganzen Well. Nur in Deutschland gibt es einen organisierten Antizionismus. In Deutschland bilden die Juden kaum ein Prozent der Bevölkerung und trotzdem ist in keinem Lande der Judenhaß, gesellschaftlich, wirtschaftlich und politisch, so stark wie in diesem Lande. In Deutschland sind die Folgen auf die Struktur und die Seelenverfassung der jüdischen Bevölkerung im Laufe der Emanzipation am stärksten zum Ausdruck gekommen. An der deutschen Judenheit kann man feststellen, wie der Zusammenstoß zwischen jüdischer Lebensform und Einfügung in das Leben der Umgebung verheerend auf den Bestand der jüdischen Substanz gewirkt hat. In Deutschland ist die Assimilationsideologie am schärfsten zutage getreten, und in Deutschland ist der Prozeß der Entjudung in weiten Kreisen der jüdischen Bevölkerung am bedrohlichsten fortgeschritten, weil er nicht nur das Ergebnis einer unaufhaltsamen lautlosen Einfügung in die Umwelt, sondern ein Produkt organisatorischer Tendenzen innerhalb der Judenheit selbst ist. In der Gegenwart ringen ähnlich wie in der Judenheit in der ganzen Welt die zwei Haupt tendenzeil der restlosen Angleichung und des Verzichtes auf jede Eigenart einerseits und die Zusammenfassung der jüdischen Gemeinschaft im Sinne eines regenerierten Volkstums andererseits am heftigsten miteinander. Die Gegenwart stellt gewissermaßen für die deutsche Judenheit einen Drehpunkt dar. Entweder es gelingt, den unaufhaltsamen Prozeß der Zersetzung und Enljudung aufzuhalten und einen erheblichen Teil der jüdischen Gemeinschaft wieder auf den Weg der Selbstbesinnung und der Entscheidung für die eigene Art zu führen oder aber man läßt die Dinge, wie sie laufen, sich weiter entwickeln, und das Ergebnis muß eine vollständige Auflösung sein. Diese zwei Tendenzen sind verkörpert auf der einen Seite in den Liberalen, auf der anderen Seite in den Zionisten. Die allgemeinen politischen Vorgänge haben nun auf diese zwei Lager in beider Sinne verstärkend gewirkt. Der ungeheuerliche, in seinen Ausmaßen in keinem Lande der Welt so vehement wirkende Judenhaß ist einem kalten Wasserstrahle vergleichbar, der auf Eisen trifft. Es hängt nun davon ab, ob dieses Eisen sich im glühenden Zustande befindet oder ob es kalt ist. Im ersten Falle wird aus dem Eisen Stahl, im zweiten Falle setzt das Eisen Rost an. Der Nationalsozialismus hat nun auf die Judenheil in Deutschland nach zwei Richtungen gewirkt. Die stolzen und bewußten Juden sind in ihrer Eigenart bestärkt worden, die lauen und ängstlichen aber sind noch mehr verschüchtert und in ihrer Tendenz, sich in noch höherem Grade ihrer jüdischen Persönlichkeit zu begeben, verstärkt worden. Bei den letzten Wahlen zur Berliner Gemeinderepräsentanz am 30. November 1930, wenige Wochen nach dem Siege der Nazis bei der Reichstagswahl, haben die Berliner Juden unter dem Schlagwort der Liberalen „Gegen Osljuden und Zionisten“, d. h. gegen bewußtes Judentum, eine Verwaltungsmehrheit gewählt, die bestrebt ist, die Verwässerung aller jüdischen Inhalte bis zu einer restlosen Angleichung an die Umwelt zu treiben. Wir wollen nicht darauf eingehen, ob diese Absicht den erwünschten Erfolg bei den Judenfeinden erzielen wird. Es handelt sich um die Feststellung, daß diese gefühlsmäßige Tendenz in allen Maßnahmen der liberalen Mehrheit in der Berliner Gemeinderepräsenlanz zum Ausdruck kommt. Dieser Tendenz tritt die in der Jüdischen Volkspartei organisierte zionistische Richtung entgegen. Man hat nun angesichts der gegen die jüdische Gesamtheit gerichteten Bedrohung durch den Nationalsozialismus und anderer antisemitischer Richtungen auf zionistischer Seite durch viele Monate versucht, einem rücksichtslosen Bruch zwischen beiden Lagern auszuweichen und hat mit Langmut und einer bis zum äußersten gesteigerten Entsagung immer wieder sich bemüht, eine gemeinsame Plattform für die Erledigung der sachlichen Aufgaben zu finden. Diese Rücksichtnahme ist aber von liberaler Seite in keiner Weise gewürdigt worden. Die neue Mehrheit hat durch ihre Verwallungspraxis, durch die rücksichtslose Ausnützung ihrer Stimmenzahl, durch Ablehnung aller der Jüdischen Volkspartei besonders am Herzen liegenden Anträge, durch den Abbau des jüdischen Schulwerkes, durch Entlassung hauptsächlich zionistisch eingestellter Beamter, durch Streichung des Gemeindebeitrages für die Jerusalemer Universität, durch die Ablehnung der Jahre hindurch gewährten Subvention an den Hechaluz und schließlich durch Verhinderung jeder gedanklichen Auseinandersetzung innerhalb der Gemeinde es der Jüdischen Volksparlei unmöglich gemacht, unter diesen Umständen noch weiter gemeinsam mit den liberalen Vertretern zu beraten. Der Zustand, für alle Verwaltungsmaßnahmen die Verantwortung zu tragen, ohne daß man die geringste Möglichkeit hätte, irgendeinen Einfluß auf die Handhabung des Verwaltungsapparates in der Gemeindepolitik zu üben, wurde unerträglich. Als nach den stürmischen Vorgängen auf der Verbandstagung der preußischen Juden in der dieser Tagung folgenden Sitzung der Berliner Gemeinderepräsenlanz, die liberale Mehrheit wieder durch das Fallbeil ihrer Mehrheit die Aussprache über einen maßvollen Vorschlag eines zionistischen Vorstandsmitgliedes, durch eine gemeinsame Erklärung eine Möglichkeit weiterer Zusammenarbeit zu schaffen, ablehnte, da zeigte es sich in krasser Form, daß die Liberalen nicht gewillt sind, den Weg der Verständigung zu gehen und in dieser Zeit schwerster politischer und wirtschaftlicher Gefahren für die jüdische Gesamtheit einen modus vivendi beider Hauptrichtungen in der Gemeinde in der praktischen Arbeit herbeizuführen. Es blieb der Volkspartei also nichts anderes übrig, als zunächst sich von den Beratungen der Gemeinde zu absentieren. Daß dieser Schritt nicht darauf abzielt, die Einheitsgemeinde zu spalten und einen Austritt der Zionisten aus der Gemeinde zu empfehlen, braucht nicht einmal erwähnt zu werden. Durch diese Demonstration soll vielmehr die Öffentlichkeit auf die große Gefahr hingewiesen werden, die dem Bestände des Gemeindelebens in Berlin und auch in ganz Deutschland droht, wenn nicht beizeiten in den Reihen der liberalen Mehrheit die Einsicht Raum gewinnt, daß die zionistische Richtung im Judentum die gleiche Daseinsberechtigung hat wie die liberale und konservative. Wir wollen nicht noch auf die Bedeutung der zionistischen Ideologie und der zionistischen Bewegung für die Wiederbelebung der jüdischen Gemeinschaft in der Welt hinweisen. Es ist überflüssig, noch einmal

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