Das jüdische Echo
- Journal
- Das jüdische Echo
- Volume
- 19 (1932)
- Issue
- 14 (1.4.1932)
- Date
- 1932-04-01
- Page
- Seite 114 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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114 Das Jüdische Echo Nr. 14 wirklich hinauf will, solche Erleichterungen versagen. Und daran muß der objektiv und nüchtern Urteilende zweifeln, daß ein Krieg gegen England, von einer zionistischen Konkurrenz-Organisation geführt. Hoffnung auf reale Erfolge birgt, oder daß man überhaupt ohne Politik auskonunen kann, daß man allen obrigkeitlichen Schikanen und feindlichen politischen Einwirkungen vollkommen freien Lauf läßt und keine politischen Gegenkräfte entwickelt. Dennoch steckt in beiden Fehlern ein richtiger Kern. Wenn die Revisionisten jetzt dazu übergehen wollen, laut in die Welt zu rufen, daß England sein Wort nicht halte, wenn sie die grausame Enttäuschung des jüdischen Volkes über Englands Verhalten politisch wirksam machen wollen, so ist daran tatsächlich richtig, daß diese Unzufriedenheit bisher nicht hinreichend politisch ausgenützt worden ist, lind daß man unsere Enttäuschung über England nicht laut genug zum Ausdruck gebracht hat. Das kann aber natürlich nicht in Form einer Kriegserklärung an England geschehen; die politische Kunst ist, diese Unzufriedenheit politisch zu verwerten und dennoch gleichzeitig m i t England zu arbeiten, wie es Arlosoroff in seiner Rede auf der Assefat baniwcharim, die ja eine große Anklagerede gegen England war, richtig verkündet hat. Und es hegt ja auch in der Position Joffes ein richtiger Kern: Der berechtigte Kampf gegen die Alleinherrschaft der Politik. Denn es ist tatsächlich so: Betrachtet man die Debatten auf den Kongressen, die Artikel unserer Zeitungen, das Thema unserer Kämpfe, unsere Sorgen und Anstrengungen, so waren sie fast gänzlich politischen Fragen gewidmet. Daß die Entwicklung Palästinas trotzdem sich ihren Weg gebahnt hat, ist nicht das Verdienst der zionistischen Bewegung, sondern des Jischuw und des jüdischen Volkes selbst, die sich eben trotz der Politik und ungeachtet aller Pölütslk vorwärts arbeiten. Dennoch wäre alles besser gegangen, wenn die reale Entwicklung in größerem Maße neben der Politik Gegenstand unserer Sorgen und Anstrengungen gewesen wäre. Aber darum, ist es natürlich falsch, zu sagen: Weg mit der Politik. Die Politik soll nur nicht Alleinherrscherin sein, aber ohne Politik geht es gewiß nicht. Unser Weg ist voller Schwierigkeiten. Diese Schwierigkeiten dürfen uns nicht abschrecken, nicht verwirren und nicht abgleiten lassen; und dürfen uns die Erkenntnis nicht trüben, daß man Schwierigkeiten nicht überwindet, indem man durch Flucht in Extreme sich psychologische Erleichterungen schafft, sondern indem mau alle seine Kräfte konzentriert, um noch größerer Anstrengungen fähig zu werden. F.W. Eine jüdische Wirtschaftsoase Wenn man auch hinsichtlich der mit dem Jüdischen Nationalheim zusammenhängenden politischen Fragen geneigt ist, Bedenken zu äußern und sein Urteil von der weiteren Entwicklung abhängig zu machen, so ist es kein Zweifel, daß das jüdische Palästina!, 'Vom wirtschaftlichen Standpunkt aus betrachtet, gegenwärtig geradezu eine Oase in der jüdischen Welt darstellt. Und diese Tatsache gibt Anlaß zur berechtigten Hoffnung, daß es, gestützt auf die gefestigte Wirtschaftsposition im Lande, gelingen wird, auch der politischen Schwierigkeiten Herr zu werden. Es ist gut, sich von Zeit zu Zeit von Fachleuten sagen zu lassen, wie es um das Wachstum der jüdischen Position in Erez Israel bestellt ist. Vor einigen Wochen kehrte ein Ingenieur, der selbst im Wirtschaftsleben an hervorragender Stelle stellt, von einer Reise nach Palästina zurück, das er schon einmal vor zehn Jahren besucht hatte. Er stellte uns nachstehende Schilderung zur Verfügung: Ich war zehn Jahre lang nicht im Lande gewesen und war auf das angenehmste überrascht über den ungeheuren Fortschritt, der mir auf allen Gebieten des wirtschaftlichen Lebens begegnete. Drei Faktoren sind es vor allem, die für die Weiterentwicklung Palästinas von größter Bedeutung sind: die eben vollendete Hydrozentrale Ruthenbergs, deren Bedeutung in einem Lande, das keine Kohle hat, nicht hoch genug eingeschätzt werden kann, der Hafenbau von Haifa, der schon recht weit fortgeschritten ist und die Führung des Petroleums von Mossul nach Haifa. Eine große Baubewegung ist im Lande zu konstatieren sowohl in den Städten als auch in den Kolonien, insbesondere in Judäa, und so kann man dann sagen, daß es im Lande keine Arbeitslosenfrage gibt. Die Qualität der Juden als Arbeiter wird überall gelobt und in vieler Hinsicht kann der arabische Arbeiter in der Industrie überhaupt nicht mit ihnen konkurrieren. Zahlreiche Industrielle haben in Palästina festen Fuß gefaßt, haben die auswärtige Konkurrenz geschlagen und sich zum Teil auch den Weltmarkt erobert. So gibt es hier z. B. eine Fabrik für künstliche Zähne, die eine Jahresproduktion von vier Millionen Stück hat, eine Zahl, welche bei einer Weltproduktion von 700 Millionen durchaus nicht zu verachten ist. Es gibt prosperierende Fabriken für Trikotagen, Ledergalanterie, Textilien, Möbelfabriken, welche den Bedarf im Lande vollkommen decken. Es gibt auch bereits eiuie Fabrik, welche die Möbel aus den von den Juden gepflanzten Eukalyptusbäumen herstellt. Statt der in den Orangengärten sehr benötigten Eisenröhren — für die Wasserführung — sind Zementröhren eingeführt worden, die sich ausgezeichnet bewähren und die Einfuhr von Eisenröhren überflüssig machen. Das Tote Meer ist wirtschaftlich keinesfalls mehr tot; an seinen Ufern sieht man Fabriken, Laboratorien, Arbeiterhäuser, welche den neuen chemischen Industrien dienen. Was nun den wichtigsten Wirtschaftszweig, die Landwirtschaft, betrifft, so ist auch hier ein Fortschritt zu verzeichnen, der kaum zu beschreiben ist. Der Emek ist nach zehn Jahren überhaupt nicht wieder zu erkennen. Was früher eine verlassene, malariaverseuchte Wildnis war, ist fruchtbares Land geworden, von 25 jüdischen Dörfern bebaut: man sieht Alleen, Wälder, Gärten, die man schon Parkanlagen nennen kann. Auch die Kolonien der Pica haben einen großen Aufschwung genommen und haben sich in ihrer Produktion vollkommen umgestellt. Die Grundlage des Umschwunges in der Landwirtschaft sind die Citruskulturen, die sich in ungeahntem Maße ausdehnen, Orangen, Grapefruits und die hier kaum gekannten Pomellos. Es sind in diese Kulturen von privater Seite in den letzten Jahren gewaltige Kapitalien investiert worden. So wurde z. B. in Gan Chajim (eine Kolonie, die Weizmann zu Ehren so benannt wurde und an der auch Weizmann selbst beteiligt sein soll) an 200 000 Pfund investiert. Neben den Citrusfriichten werden in den Kolonien auch andere tropische Obstarten gepflanzt. Auch der Verkehr hat eine gewaltige Steigerung erfahren. Das Auto wetteifert mit der Bahn und beide werden infolge der Konkurrenz billiger. Kamelkarawanen sieht man nur selten, die Oran-